Die Wacht am Stein |

Chick Corea in ausverkaufter Philharmonie

Text & Fotos: Sven Thielmann

Essen, 20.07.2013 | Aberglaube bringt Unglück. Doch was Chick Corea bei seinem 13. Besuch des Klavierfestival Ruhr in der – natürlich – ausverkauften Essener Philharmonie präsentierte, das erwies sich als ausgesprochener Glücksfall für seine altgedienten Fans. Denn mit seiner neuen Band „The Vigil“ tauchte der gerade erst 72 Jahre jung gewordenen Jazz-Star tief in seine musikalischen Urgründe zurück.

Dergleichen könnte bei den meisten anderen böse nostalgisch enden, doch nicht bei dem 20-fachen Grammy-Gewinner, der selbst fast zu Tode gespielten Standards immer noch und wieder neue Facetten abzugewinnen weiß. Wie bei dem Opener, Tadd Damerons altem BeBop-Hit „Hot House“, dem die Überraschungen quasi eingeschrieben sind – schließlich stammen die Changes von „What Is This Thing Called Love“. Wenn er nicht gerade Wacht am Stein… und seine jugendlichen Mitspieler im Blick hielt, ziselierte Chick Corea am Flügel sein Material mit jenen unverwechselbaren Läufen, die ebenso originell wie eingängig sind.

Nach opulenter pianistisches Schwelgerei dann der Wechsel ans Keyboard und „Return to Forever“ in die Glanzzeiten seiner wohl bekanntesten Band. Natürlich mit neuen Tracks in jenem typischen Sound, den man schon in den 70ern so liebte. Dem gab Christian McBride am Bass, der auch am elektrischen Fretless Fender faszinierte, den gewitzten Kontrapart mit fingerflinker Artistik von höchster Musikalität.

Latin-Würze streute der venezolanische Percussionist Lusito Quintero ein, doch der Pfeffer kam von Drummer Marcus Gilmore. Der transformierte mit prasselnden Beats das Erbe seines Opas Roy Haynes ins 21. Jahrhundert, rhythmisch raffiniert und jederzeit hochspannend. Dazu röhrte der Brite Tim Garland mit großem Ton an Saxophonen und Bassklarinette, während der junge Gitarrist Charles Altura auf Al DiMeolas Spuren wandelte. Beeindruckend filigran auf den Nylon Strings, vor allem beim einzigen, umjubelten RTF-Original „Romantic Warrior“ von 1976, etwas blasser an der E-Gitarre.

Eine explosive, immer wieder überraschend frische Mischung, auch wenn die ingesamt nur sechs Stücke des Abends im zweiten Set eine latente Tendenz zu übermäßig ausufernder Opulenz in stetem Wechsel von Soli und Ensemblespiel zeigten. Tosende Begeisterung und überraschte Gesichter, als Chick Corea seine Zugabe mit der zarten Melodie des „Concierto de Aranjuez“ begann. Was natürlich rasch zu seinem größten Hit „Spain“ überging, dessen größte Momente er als Dialoge mit seinem singenden Publikum inszenierte. Der einzige Schwachpunkt eines mitreißenden Auftritts, der überzeugend bewies, dass der kalifornische Tastenhexer auch mit 72 noch eine Menge zu geben hat.