100 Miles im Grillo-Theater
Ein Abend, der bleibt
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Sven Thielmann
Miles Davis hätte das gefallen. Dieses Theater, das fast wie ein Schlosssaal daherkommt, mit Plüsch, warmem Licht und einem überaus freundlichen, aufmerksamen Personal – was vor allem in prominenteren Häusern nicht immer selbstverständlich ist. Ein Haus, ausverkauft bis auf den letzten Platz, rund 400 Menschen. Und dann diese Band, die nicht so tut, als wäre sie Miles Davis, sondern die spielt, was Miles immer wollte: den eigenen Sound finden und die Komposition als Sprungbrett nutzen, nicht als Käfig.
Am 28. Dezember 2025 gab das Martin Auer Quintett zusammen mit Schauspieler Benno Fürmann im Grillo-Theater „100 Miles" – eine Hommage an den Mann, der am 26. Mai 2026 hundert Jahre alt geworden wäre. Es war der vorletzte Abend in der von Berthold Klostermann leidenschaftlich betreuten Jazzkonzert-Reihe, die nach über vierzig Jahren zu Ende geht. Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören? Der Satz klingt an diesem Abend fast zynisch.
Fürmann als sechstes Bandmitglied
Benno Fürmann sitzt an seinem Lesetisch inmitten der fünf Musiker und ist sofort Teil des Ganzen. Hier agiert kein Rezitator, der zwischen den Stücken seine Texte abliefert, sondern ein Künstler, der sich zur Musik bewegt, mit ihr atmet und präsent bleibt – auch wenn er schweigt. Man nimmt ihm die persönliche Affinität zu diesem Stoff ohne Weiteres ab. Seine Stimme klingt lakonisch und cool, sein Sprachfluss entwickelt eine hypnotische Qualität. Wenn er Miles direkt zu Wort kommen lässt, in jenen O-Ton-Simulationen, dann hat er auch den heiseren Nuschelton ziemlich gut drauf. Vor allem, wenn er Davis auf Englisch sprechen lässt, laufen Fürmanns Worte cool in die Musik der Band hinein, die den Groove des jeweiligen Stückes beibehält. Das alles emanzipiert sich überzeugend von jeder Form der Selbstdarstellung und stellt sich ganz in den Dienst der Sache.
Die Autobiografie von Miles Davis ist eine der aussagestärksten Primärquellen über das, was Jazz in seiner innersten Seele ausmacht – man könnte den Text im reinen O-Ton stehen lassen und die Sätze unmittelbar wirken lassen in ihrer Wucht und Wahrhaftigkeit. Aber dies würde den Rahmen eines Abends sprengen, zumal hier die Musik das letzte Wort behalten soll. Also spricht Fürmann meist „über" Miles in der dritten Person – beschreibend und einordnend. Und damit kommt dieser vorletzte Jazzabend im Grillo-Theater auf Anhieb auf einen guten Weg, denn es gelingt, die Story zu straffen und Kontexte herzustellen. Und das Ganze bis ins Heute weiterzudenken. Dies gipfelt schließlich in einem imaginären Gespräch Fürmanns mit dem Trompeter, der sich seinen Fragen stellt. Was Miles jungen Musikern heute raten würde? „Verpisst euch nicht...“ – so könnte man die Antwort sinngemäß übersetzen. Also präsent bleiben und sich nicht von feindlichen Verhältnissen, egal welcher Art, unterkriegen lassen! Er selbst war viel zu stolz, um sich als Schwarzer in benachteiligte Opfer-Klischees drängen zu lassen.
Auch wenn der Lebensbericht des einflussreichen Trompeters noch so viele Aspekte und Episoden mehr bietet, spannt die Auswahl an diesem Abend einen überzeugenden Bogen: Miles im rassistischen Amerika der 1950er Jahre – das war die eine Realität. Europa als Fluchtpunkt, Paris als Paradies der Freiheit und Offenheit, die Begegnung mit dem Existenzialismus, mit Sartre und Juliette Gréco – das war die andere. Und dazwischen formte sich die musikalische Philosophie des Miles Davis: eine geradezu „skulpturale“ Reduktion aufs Wesentliche, die konsequente Abkehr von jeder Geschwätzigkeit, die Magie der nicht gespielten Töne. Ein Fehler ist kein Fehler, wenn man weiß, wie man darauf weitermacht. Immer genau dort sein, wo die Musik sich gerade ändert, nie ans Gestern denken, sondern immer ans Morgen.
Und so bleibt an diesem Abend auch die Frage im Raum stehen: Wo wäre Miles heute unterwegs? Er, der Jazz stets in Spannung zu anderen Kunstformen setzte – zur Malerei, zu Rock und Pop, zum jeweiligen Lebensgefühl seiner Zeit. Kooperationen mit Lady Gaga? Warum eigentlich nicht. Miles hätte vermutlich genickt.
Epochale Wechsel und Paradigmensprünge
Nun zur Musik: Die Setlist spannt den Bogen über vier Jahrzehnte. „Just Squeeze Me" von Duke Ellington als Auftakt, dann „Donna Lee", „All Blues", „Flamenco Sketches", „Move", „Milestones", „Nefertiti", „Jean-Pierre", „Tutu", „Human Nature" und schließlich „Time After Time" als Finale. Vierzig Alben in einem Abend – da bleibt zwangsläufig manches auf der Strecke, die epochalen Wechsel und Paradigmensprünge lassen sich nicht vollständig in achtzig Minuten abbilden. Aber die Band macht es genau richtig: Sie interpretiert aus sich heraus, mit Spielfreude, und imitiert nicht. Martin Auers Trompetenton klingt silbrig und schneidend, dabei ganz eigen. Florian Trübsbach setzt am Saxophon mit hymnischen Sopran-Soli eine eigenständige Farbe, die spannende Reibungen mit der Trompete erzeugt. Jan Eschke am Piano, Andreas Kurz am Bass und Bastian Jütte mit seinem feingliedrigen Schlagzeugspiel komplettieren ein Quintett, das seit über einem Vierteljahrhundert in dieser Besetzung spielt. Das hört man – nicht als Routine, sondern als jene Vertrautheit, die Freiheit erst ermöglicht.
„Man muss alle mitnehmen", sagt Martin Auer nach dem Konzert, „die Hardcore-Fans und die Leute, die nicht so tief drin sind." Diese Balance gelang an diesem Abend. Am Ende gab es stehende Ovationen, die keineswegs nur dem prominenten Rezitator galten – so viel war spürbar.
Ein Kleinod verschwindet
Das Grillo-Theater unter Berthold Klostermanns Kuration war über Jahrzehnte ein Ort, an dem Qualität und Publikumswirkung auf seltene Weise zusammenfanden. Jack DeJohnette, Ron Carter, Esbjörn Svensson – das Archiv dieser Reihe liest sich wie ein Lexikon des Jazz. Besser kann man so etwas eigentlich nicht machen.
Und nachhaltiger kann man das Image einer Kulturstadt kaum beschädigen, als eine solche Säule zu ersticken. Die Krupp-Stiftung beendet ihre Förderung, die Stadt streicht ihre Zuwendungen, das Theater setzt nach einem Leitungswechsel künftig „andere Schwerpunkte", so heißt es. Wohlgemerkt: Es waren zuletzt nicht mehr als fünf Konzerte im Jahr, um einer über vier Jahrzehnte gewachsenen Institution Kontinuität zu geben. Zu viel verlangt?
Ein letztes Mal wird es noch Jazz geben im Grillo-Theater, irgendwann in der zweiten Maihälfte 2026. Das Programm ist noch offen, wir werden rechtzeitig informieren.



