Wir wollen uns politisch positionieren
Interview mit der Schlagzeugerin Eva Klesse
TEXT: Uwe Bräutigam | FOTO: Uwe Bräutigam
Uwe Bräutigam hat mit der Schlagzeugerin, Komponistin und Professorin Eva Klesse über ihr neues Projekt STIMMEN, über politische Kunst und Feminismus gesprochen.
Hallo Eva, das Projekt STIMMEN ist ausgesprochen politisch, was hat Dich bewogen solche expliziten Texte in den Mittelpunkt Deiner Musik zu stellen?
Mir und uns miteinander als Quartett ist aufgegangen, dass die Zeiten zu wild sind, als dass wir als KünstlerInnen oder MusikerInnen unpolitisch sein können. Unpolitisch sein heißt ja auf eine Weise, das zu akzeptieren, was gerade passiert. Und ja, es gab schon vorher Momente, in denen ich mich in Ansagen oder auf Social Media zu bestimmten Themen geäußert habe. Aber ich glaube, wir hatten alle den Wunsch, uns wirklich auch mit einem richtigen Programm zu positionieren, was wir jetzt mit STIMMEN getan haben.
Ja, wenn man nicht wüsste, dass Ihr das 2020 schon angegangen seid, würde man vermuten, dass es ganz aktuell gemacht worden ist. Im Moment ist eine sehr politisierte Situation. Viele KünstlerInnen treten in die Öffentlichkeit und nehmen Stellung zum Rechtsdruck oder auch zu den ganzen Erkürzungen im Kulturbereich.
Es freut mich auch total zu sehen, dass wir immer mehr Leute werden, die ihre Stimme erheben, ob KünstlerInnen oder nicht. Und mit dem Projekt ist ja auch so, dass irgendwie aktuell war als wir es entwickelt haben, aber heute noch einmal mehr aktuell ist. Auch bei bestimmten Themen, in einem meiner Stücke zum Beispiel kommt ja ein Zitat von Kamala Harris vor, das ist aber von 2020. Da war sie noch gar keine Präsidentschaftskandidatin und es hat uns natürlich total gefreut, dass das dann noch einmal eine ganz andere Wendung genommen hat. Oder in Evgenys [Evgeny Ring] Teil geht es ja um russische AktivistInnen, die er interviewt hat oder deren Texte er vertont hat. Und das war noch vor Beginn des vollumfänglichen Ukraine-Krieges, hat aber auch nicht an Aktualität eingebüßt. Neben der schlimmen Situation der Menschen in der Ukraine, ist die Situation für Menschen, die sich gegen das Regime wenden in Russland natürlich auch nicht leichter geworden.
Die Repressionen des Putin-Regimes haben noch mehr zugenommen. Aber auch das DDR-Thema, der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung, ist ja auch immer noch aktuell.
Genau. Und das war ja Philipps [ Phlipp Rumsch] Anliegen, der in München geboren ist, aber schon lange in Leipzig lebt. Und vieles ist ja mittlerweile ähnlich, aber es gibt auch immer noch manche Dinge, die man spürt, die die Leute bewegen, die aus dieser Zeit stammen. Und Philipp hat sich ja sozusagen so vorgenommen, wie eine Art Trauerritual für eine Revolution zu schreiben, die auf gewisse Art erfolgreich war, aber auf gewisse Art in manchen Punkten auch gescheitert ist. Und das wird sehr wenig thematisiert. Und das wirkt sich auch auf unsere aktuelle politische Situation aus.
Definitiv. Man sieht es ja auch bei den Wahlergebnissen.
Also da sind Spuren einfach übrig geblieben und da ist vieles nicht thematisiert worden. Und das ist so ein Versuch, sich auf künstlerische Art und Weise damit auseinanderzusetzen.
Ihr habt ja vier große Themen: Die friedliche Revolution in der DDR, die Unterdrückung in Russland, Vorurteile gegenüber Schwulen und die Genitalverstümmelung von Frauen. Es ist euch gelungen, die Themen anhand von Originalaussagen sehr lebendig zu machen, ohne dass es plakativ ist. Das hat mir sehr gefallen. Es sind ja zum Teil sehr berührende Aussagen, die aber trotzdem noch Poesie besitzen.
Das war uns auch wichtig, die Themen, die da verhandelt werden, sind ja alles andere als leichte Kost. Die sind ja zum Teil sehr, sehr schwer und hart. Aber ich glaube, wir haben alle versucht, vor allem mit diesem Stück am Ende, aber auch in den einzelnen Teilen, dass es immer wieder Momente der Hoffnung gibt. Dass es sich lohnt, seine Stimme zu erheben. Es lohnt sich, sich einzusetzen, auch wenn so viel Gewalt und Unterdrückung und Ungerechtigkeit herrscht.
2019 hat Terry Lynn Carrington ein Album herausgebracht mit dem Titel “Waiting Game“. Da hat sie auch ähnliche Dinge angewendet, hat sehr widerständige Texte benutzt in ihren Stücken. Hat Originaltöne von Assata Shakur und Mumia Abu-Jamal einfließen lassen.
Es gibt ja im Jazz eine Historie dieser auch wirklich sehr politischen Alben und auch dieser Art und Weise, sich auf verschiedenste Arten mit Texten, mit Reden, mit gesprochenem Wort auseinanderzusetzen. Also da gibt es ja einige schöne Beispiele. Aber wir haben natürlich auch versucht, so unseren eigenen Weg damit zu finden.
Man kennt dich auch als feministische Musikerin. Was ist für dich Feminismus heute? Oder ist Feminismus ein Begriff, den du nicht verwenden möchtest?
Doch, klar. Verwende ich den Begriff, schon allein um die Leute zu ehren, die sich in noch viel restriktiveren Zeiten dafür eingesetzt haben, dass wir heute schon so leben können, wie wir leben. Insofern verwende ich den Begriff und beziehe mich auch darauf und bin dankbar für das, was die ganzen Generationen vor uns schon erkämpft haben. Und für mich bedeutet Feminismus nach wie vor der Wunsch und der Kampf für Gleichstellung, für Gleichberechtigung, dass alle Menschen, egal welchen Geschlechts, und auch außerhalb dieses binären Geschlechtssystems, dass alle die gleichen Chancen haben, ein gutes Leben zu leben, sich auszudrücken und gehört zu werden.
Ja, es gibt ja leider auch wieder eine Art Rückschlag. dass Dinge, die etabliert und selbstverständlich schienen, wieder in Frage gestellt werden. Wir sehen es ja in den USA, da treten Männer mit Parolrn auf wie: Your body, my choice. Das ist ja derartig ekelhaft.
Genau, das ist wirklich unglaublich erschreckend. Aber es ist ja ganz oft in der Geschichte so, zwei Schritte vor, einer zurück oder manchmal sogar vielleicht auch drei wieder zurück. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir immer mehr werden und dass vor allem auch Leuten sich positionieren die von diesen Kämpfen vielleicht gar nicht unmittelbar betroffen sind. Ich wünsche mir, wenn es um Männer und Frauen geht, dass mehr Männer das Wort erheben und sagen, ich möchte eigentlich nicht in einer Gesellschaft leben, wo die Lebensrealität für Frauen so aussieht, wie sie gerade aussieht. Das kann man auf alle Themen beziehen. Wir als Weiße können die Stimme erheben für Leute, die vielleicht eine andere Herkunft haben und sagen, dass wir möchten, dass sie gleichberechtigt gesehen werden. Man kann das auch in Bezug auf queere Menschen sagen und, und, und. Es braucht mehr Verbündete, mehr Leute, die sich positionieren, auch wenn es sie vielleicht nicht unmittelbar betrifft.
Der 8. März als Internationaler Frauentag oder wie viele auch sagen Feministischer Kampftag, hat der für dich heute noch eine Bedeutung?
Ja, es sind ja immer so Anlässe, sich über Sachen Gedanken zu machen. Also ich sehe das so wie mit anderen Tagen auch. Es ist jeder Tag aus meiner Sicht feministischer Kampftag, Wir schlagen uns jeden Tag mit diesen ganzen Sachen herum. Es ist eine gute Art, um noch mal die Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Aber für mich verteilt er sich relativ gleichmäßig über das Jahr, dieser feministische Kampftag.
Was sind 2025 für dich die wichtigsten Themen, die Frauen heute betreffen? Du hast eben schon Gleichstellung erwähnt. Es gibt ja noch weitere Themen, wie Gewalt gegen Frauen, Frauenquote, Gleicher Lohn usw.
Also mit Hinblick auf die Wahlen natürlich erst einmal, dass eine Regierung zustande kommt, die das, was bisher in den Kämpfen erreicht wurde, aufrecht erhält. Aber dann natürlich, dass es weitergeht. Gewalt gegen Frauen, es wird ja gerade ganz viel über Gewalttaten in der Öffentlichkeit gesprochen, aber immer nur, wenn sie einen migrantischen Hintergrund haben. Und das ist total verquer, weil die Gruppe, von der sehr viel Gewalt ausgeht, sind häufig leider Männer. Und zwar egal mit welchem Hintergrund. Da geht ziemlich viel durcheinander. Es gibt immer noch die Lohnlücke, es gibt immer noch diesen riesigen Gap bei Themen wie Care-Arbeit. Es gibt immer noch im beruflichen Bereich keine wirkliche Chancengleichheit, das sehen wir gesamtgesellschaftlich, aber auch in der Jazz-Szene. Es gibt sehr viel zu tun. Die Themen werden nicht weniger.
Du bist die erste Professorin für Instrumentalmusik in Deutschland gewesen. Das ist mittlerweile sieben Jahre her. Aber das ist ja eigentlich ein Skandal, dass erst 2018 die erste Frau eine solche Professur bekam.
Ja, aber es sind mir seitdem zwei Kolleginnen gefolgt. Ich finde den eigentlichen Skandal, dass es Menschen in der Jazz-Szene gibt, und ehrlich gesagt relativ viele, die jetzt so was reden wie „als Mann hätte man ja heutzutage keine Chance mehr“. Das finde ich, ehrlich gesagt, den eigentlichen Skandal. Es gibt jetzt ein paar, ganz wenige Frauen, die in der Szene am Start sind, die vielleicht einen Hochschuljob kriegen und in den Rundfunk Big Bands, da haben wir anderthalb Stellen mit Frauen besetzt. Und dann gibt es wirklich Leute, die sich erdreisten, solche Sätze zu sagen, wie „das Pendel sei jetzt schon in die andere Richtung umgeschlagen“. Das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich schlimm.
Was muss sich in der Musikszene in dieser Situation ändern? Was wären denn die nächsten Schritte?
Ich meine, es ist ja schon viel in Bewegung gekommen. Und zumindestens gibt es eine Art Aufmerksamkeit für dieses Thema, die es vielleicht vor zehn Jahren in diesem Sinne noch nicht gab. Aber ich glaube, was passieren muss, ist, dass sich alle, ehrlich gesagt, ein bisschen bilden müssen. Viele haben schon eine Meinung zu allen möglichen Themen. Es schadet, überhaupt nicht, mal ein paar feministische Bücher zu lesen, um nicht so ganz aus der Kalten zu bestimmten Themen Positionen zu beziehen.
Aber hast du noch etwas, wo du sagen würdest, innerhalb der Musikszene gibt es strukturelle Bedingungen, die sich ändern müssen?
Wir sprechen ja über Kürzungen in der Kulturpolitik. Die betrifft zwar alle. Aber es betrifft zum Beispiel junge Frauen, die Jazzmusik machen, die aus der Szene herausfallen, wenn sie Kinder bekommen. Weil die Sorgearbeit, die Carearbeit oft noch sehr ungleich verteilt ist, Und es ist traurig, wie in allen anderen Berufen auch, wenn wir diese sehr kreativen, tollen Frauen verlieren. Aber es gibt dafür auch keine Förderung. Ich meine, wenn man mit Kind und mit Babysitter auf Tour geht, ist das eine andere Situation, als wenn man einfach so auf Tour geht. Das sind all solche Sachen, das ist einfach ein großes Thema, wo es total viele Punkte zu bedenken gibt. Und ich glaube, der größte Wandel muss im Kopf stattfinden. Du erwähntest eben, die Frauenquote. Das ist so ein Wort, da drehen alle am Rad. Mir hat mal jemand gesagt, dass sein Denken und seine Sprache ändern muss. Zum Beispiel anstatt von einer Frauenquote in Jurys, in Kommissionen und sonst wo zu sprechen, könnte man ja auch von einem Männerlimit sprechen. Man hat eine Jury, da sitzen schon fünf Männer drin, dann ist das Männerlimit erreicht. Dann müssen fünf Frauen da hinein. Das klingt irgendwie ganz anders und macht es auf eine absurde Art und Weise noch mal klarer, was eigentlich Phase ist.
Für mich hilft es ganz oft, in diesen Diskussionen mich selber oder auch andere dazu anzuregen, sich das alles umgekehrt vorzustellen. Es gab da mal so einen tollen Kurzfilm La Majorité Opprimée, wo alles mal umgedreht wurde, wo Frauen in der Männerrolle waren (und Männer in der Frauenrolle. Wenn man das mal ein bisschen im Kopf durchspielt, dann wird einem an vielen Stellen bewusst, wie viel es noch zu tun gibt.
Das ist auch ein schönes Schlusswort. Eva, ich danke Dir für das Gespräch.
[Das Interview wurde am 9.3.25 bei "Jazz and beyond" auf Radio 674fm gesendet]