Wenn die Vielfalt abgewickelt wird
Zum bevorstehenden Aus von WDR COSMO
TEXT: Stefan Pieper |
Der Westdeutsche Rundfunk wickelt gerade seine gesellschaftliche engagierteste Radiowelle ab: COSMO, das mehrsprachige, weltzugewandte Programm mit Wurzeln in den ehemaligen „Gastarbeitersendungen“, soll im Frühjahr 2027 verschwinden. An seine Stelle tritt „1LIVE Street“ mit dem Schwerpunkt Hip-Hop. Begründet wird der Schritt mit jüngeren Hörern, schmaleren Etats und der Konzentration der Kräfte. Der Rundfunkrat hat dem Umbau zugestimmt – mit denkbar knapper Mehrheit. Das klingt nach Routine, nach Sachzwang, nach Markenstrategie. Wer genauer hinhört, erkennt jedoch: Hier wird kein Sender neu zugeschnitten. Hier wird ein kulturelles Versprechen kassiert. COSMO war kein gewöhnliches Radio. Hier hörte man Stimmen aus Istanbul und Lagos, aus Beirut und Belgrad, aus Warschau und Buenos Aires. Es lief Musik, die in keiner deutschen Charts-Playlist auftauchte – und genau deshalb gespielt gehörte. Es gab Sendungen auf Türkisch, Arabisch, Polnisch, Italienisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Russisch und Kurdisch. Ein Radio für die Realität dieses Landes – und nicht für das Selbstbild seiner Sonntagsreden. Genau diese Frequenz soll nun verschwinden, eingemeindet unter das Dach einer Jugendmarke. „1LIVE Street“ – ein Name, der nach Markenworkshop klingt und nicht nach öffentlich-rechtlichem Kulturauftrag.
Der Mann hinter dem Klang
Wer verstehen will, was hier verloren geht, sollte einen Namen kennen: Francis Gay. Anfang der 1980er Jahre kam er aus Bordeaux nach Köln, im Gepäck die Klänge Afrikas, der Karibik, Lateinamerikas, Asiens und der französischen Banlieues. In Sendungen wie „Dschungelfieber“, „Karawane“ oder den legendären „5 Planeten“ rückte er Musik abseits des Mainstreams in den Vordergrund – lange bevor der Begriff „Global Pop“ überhaupt in Mode kam. Auch kuratierte er langjährig die African Dance Night beim Moers-Festival. Bis Ende 2023 leitete er als Musikchef von COSMO ein internationales Team von rund 30 Musikjournalistinnen und Musikjournalisten. Solche Figuren braucht ein Programm dieser Art: Menschen mit Ohren in alle Himmelsrichtungen, mit Netzwerken in Szenen, die kein Algorithmus kennt, mit Geduld für eine Klangrecherche, die sich nicht in Quartalszahlen messen lässt. By the way: Wer Gay heute hören will, findet ihn mit seiner Sendung „YAG“ beim Kölner Internetradio 674FM. Was die ARD aufgibt, lebt ehrenamtlich im freien Netz weiter.
Hip-Hop ist keine Migrationspolitik
Der WDR argumentiert, kulturelle Vielfalt bleibe selbstverständlich Bestandteil des Programms – sie werde künftig lediglich „im gesamten Haus verankert“. Das ist die Sprache der Sparrunden, in denen Substanz zu „Querschnittsthemen“ veredelt wird, bevor sie endgültig verschwindet. Wer Pluralität überall verspricht, verteilt sie am Ende nirgendwo. Hinzu kommt eine eigentümliche Gleichsetzung: Hip-Hop als Stellvertreter migrantischer Lebenswelten – als ließe sich die kulturelle Realität von Millionen Menschen auf eine einzige „Programmfarbe“ zusammenkürzen? Das ist eine Verarmung, die sich als Verjüngung verkleidet.
Wie tief der Bruch sitzt, zeigt eine Geste, die symbolischer kaum sein könnte. Das Düsseldorfer Elektronik-Duo Mouse on Mars hat seine 1LIVE Krone aus dem Jahr 2000 an den WDR zurückgegeben und die Abwicklung von COSMO als „verheerenden Rückschritt in Zeiten reaktionären Denkens“ bezeichnet. Die Pointe steckt im Detail: Mouse on Mars haben 2017 selbst den Sound dieses Senders gestaltet. Nun geben ausgerechnet jene Musiker, die den Klang des Programms mitgeprägt haben, den Preis desselben Hauses zurück.
Der Protest brandete schon im letzten Jahr auf, als die Pläne bekannt wurden. Schon 2025 hatten mehr als 65.000 Menschen für den Erhalt von COSMO unterschrieben, darunter Herbert Grönemeyer, Fatih Akin, Peter Fox, Jagoda Marinić und Samira El Ouassil. Die Arbeitsgemeinschaft der Redaktionsausschüsse der gesamten ARD spricht von einem „fatalen Irrweg“, auch der Deutsche Musikrat wehrt sich vehement. Damals ruderte der WDR zurück. Ein Jahr später passiert genau das, wovor die Petition gewarnt hatte – so viel zur Halbwertszeit institutioneller Beruhigungspillen.
Die Legitimation des Systems gerät ins Wanken
Schon im Sommer 2025 war in Nordrhein-Westfalen ein weiteres Stück kosmopolitischer Infrastruktur endgültig verstummt: das Weltmusikfestival ODYSSEE. Ein Vierteljahrhundert lang brachte dieses Roadfestival – getragen unter anderem von WDR COSMO – globale Musikkulturen auf die Plätze von Bochum, Hagen, Mülheim und Recklinghausen. Bei freiem Eintritt, mit einem Publikum, das nicht aus den Feuilletons kam, sondern aus den Stadtteilen. Wenn ODYSSEE und COSMO kurz nacheinander von der Bildfläche verschwinden, ist das nicht nur das Ende zweier Projekte. Es ist das Ende einer kulturpolitischen Epoche.
Niemand bestreitet, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Druck steht. Die Frage ist eine andere: Warum trifft es eigentlich immer dieselben? Warum steht ausgerechnet jenes Programm zur Disposition, das kleine Reichweiten erzielt, aber einen großen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt? Denn genau solche Angebote waren historisch die Begründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: nicht das Mehrheitsprogramm, sondern die Versorgung jener Räume und Stimmen, die der Markt nicht abbildet. Fällt diese Begründung weg, gerät mit ihr die Legitimation des Systems insgesamt ins Wanken.
Es passt ins Bild, leider: Während das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für das gesamte Jahr 2026 keine neuen Zulassungen zu Integrationskursen mehr erteilt – ein Stopp, der bundesweit rund 130.000 Menschen betrifft –, während die Berufssprachkurse bereits 2025 massiv zusammengestrichen wurden, verliert nun auch eine der sichtbarsten medialen Plattformen dieser Einwanderungsgesellschaft ihre Eigenständigkeit. Überall lautet die Begründung gleich: Haushaltsdisziplin, Konsolidierung, finanzielle Zwänge.
Mainstream versus Pluralität
Niemand wird behaupten, die Umwandlung von COSMO sei eine unmittelbare Folge des politischen Rechtsrucks. Solche Kausalketten wären billig. Und doch fällt diese Entscheidung in ein Klima, in dem Migration zunehmend als Problem und immer seltener als kulturelle Realität verhandelt wird. Was Mouse on Mars als „reaktionäres Denken“ beschreiben, ist die Geräuschkulisse, vor der dieser Beschluss gefasst wird. Es ist nicht die laute Ablehnung des Pluralen, die diesen Zeitgeist prägt. Es ist seine schrittweise Entinstitutionalisierung. Sein leises Verschwinden aus Etats und Sendeplänen. Es ist eine Erosion in Zeitlupe, die sich nie als Haltung zu erkennen gibt, sondern stets als Sachzwang auftritt – als Reform, als Sparrunde, als „strategische Schwerpunktsetzung“. Darin liegt das eigentlich Beunruhigende: Eine Gesellschaft, die Vielfalt offen ablehnt, muss sich rechtfertigen. Eine Gesellschaft, die sie geräuschlos abräumt, muss das nicht.
Es geht hier nicht nur um eine Radiowelle, finanziert von den Gebühren der Allgemeinheit. Es geht um die Frage, ob kulturelle Vielfalt in diesem Land Kernauftrag bleibt – oder zur freiwilligen Zusatzleistung wird, kündbar bei Bedarf. Eine Antwort darauf hat bislang genau das gegeben, was im Frühjahr 2027 abgeschaltet wird.
HIER GEHT ES ZUR AKTUELLEN PETITION GEGEN DIE ABSCHAFFUNG
