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Pop mit Widerhaken

Salomea erfindet sich mit dem Album "Axxxis" neu

Köln, 02.11.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Neun Songs, gut dreißig Minuten, jede Sekunde auf den Punkt. Sängerin Rebekka Salomea Ziegler ist seit dem Frühjahr Künstlerin des Jahres beim Deutschen Jazzpreis, Yannis Anft (Keys), Oliver Lutz  und (Bass) Leif Berger (Drums) spielen seit rund zehn Jahren an ihrer Seite. Diese eingeschworene Vertrautheit hört man in jedem Takt. Und sie hat sich herumgesprochen: Anfang Oktober spielte die Band in London, englischsprachige Magazine und Musikblogs haben „axxxis“ längst auf dem Schirm.

Auf den Albumfotos kreisen Greifvögel. Ein schönes Bild für diese Musik: Sie steigt mühelos, getragen von unsichtbaren Aufwinden, und dreht ihre Runden um eine eigene Achse. Hooks sitzen sofort, Grooves gehen in die Hüfte, und selbst auf verschlungenen Wegen behalten die Songs ihren klaren Bogen. Doch überall dort, wo kommerzielle Produktionen den kleinsten gemeinsamen Nenner anvisieren und irgendwann im Seichten stranden, schert „axxxis“ aus dem Erwartbaren aus. R&B-Phrasierungen kippen in Sprechgesang, Stimmen stapeln sich zu verschachtelten Chören, ein Beat verschwindet mitten im Song und hinterlässt schwebende Weite, und immer wieder legt sich ein warmer, housiger Synthesizer über das Geschehen. Jedes Mal genau in dem Moment, in dem man es sich gerade gemütlich gemacht hat.

Es geht um die Botschaft dahinter

Klar, es geht auch um die Botschaft hinter der Musik, um all die Worte, denen diese Arrangements Flügel verleihen. Der Opener „stick around“ verbindet die Bitte an den Partner zu bleiben mit der Einsicht, dass man Liebe gemeinsam lernt, am besten tanzend. Dazu laden der synkopierte Beat und die hinreißenden Harmoniewechsel auf Anhieb ein. In „i will not allow it“ federn Keys und Bass fast wie in einer UK-Garage-Nummer. Darüber spielt Ziegler einen Rollentausch durch, bei dem die Liebenden plötzlich in der Haut des anderen stecken. Die Erzählerin verteidigt ihre Beziehung gegen jede Einmischung von außen und ertappt sich prompt selbst beim Ausweichen. „compassion“ kommt kühn und loungig zugleich daher: Zieglers Gesang verwandelt sich in ein beschwörendes Mantra, dann fallen die Drums weg, und über weiten Klangflächen wechselt sie ins Sprechen, über Glauben und Wissen, Gott und Geld. „show me“ verlangt das ungeschminkte Gesicht des Gegenübers, mit Alter, Schmerz und Scham. „midnight in soho“ zieht mit drängendem Groove und scharf geschnittenen Synths durch die Nacht und setzt einen kühlen Schlussstrich unter eine alte Liebe. In „do what u gotta do“ wird im langen Chant aus dem „you“ ein „we“. Und „sandcastle“ baut zum Finale mit flirrender Elektronik und weichen Streichern eine Sandburg, während die Flut schon steigt. Auf Rebekka Salomea Ziegler als Sängerin ist hier nach wie vor Verlass: Ihr Stimme verbindet souliges Timbre mit jazziger Improvisationslust und lässigem Sprechgesang. Sie umspielt die Beats, verschiebt Akzente und überrascht mit unerwarteten Melodiewendungen. Zwischen sinnlicher Wärme, rhythmischer Finesse und subtiler Rauheit entfaltet sie ihre individuelle Vokalästhetik, in der R’n’B, Hip-Hop und zeitgenössischer Jazz organisch zusammenfinden.

Die wild wuchernde, aus dem Jazz gespeiste Abenteuerlust früherer Alben ist spürbar zurückgedreht. Auf „axxxis“ geht es um das Schrauben an stylishen, pointierten Songs. Das Album ersetzt keinen Ton seiner Vorgänger, und das ist gut so. Es zeigt einen anderen Weg auf und lässt hoffen für eine Popkultur, in der kreative Menschen weiterhin physisch Gespieltes und hellwach Erdachtes liefern. Mögen sich die vier ihre Lust am Abenteuer trotzdem bewahren, gerade auf der Bühne. Im Bunker Ulmenwall lässt sich überprüfen, wie viel davon noch in ihnen steckt.

Salomea im Bunker Ulmenwall, Bielefeld 

Freitag, 20. November 2026
Einlass: 19.00 Uhr
Beginn: 20.00 Uhr
ohne Bestuhlung



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