Optimismus auf dünnem Eis
Die Musikszene blickt zuversichtlich aufs Jahr 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle Flux.ai
Trotz allem: Musik – Zwischen Trotz und Erosion
Das Musiknetzwerk BackstagePRO hat seine Community zu Jahresbeginn nach den Erwartungen für 2026 befragt – und den Blick diesmal bewusst geweitet. Neben dem Live-Bereich, der mit 63 Prozent weiterhin die größte Gruppe stellt, kamen auch Songwriting, Komposition, Studioarbeit, Lehre, Veranstaltung, Vertrieb und Technik zu Wort.¹Die Ergebnisse fordern zu einer tieferen Interpretation heraus.
Das Spektrum reicht vom Hobbybereich bis zur Vollprofessionalität: Rund 40 Prozent ordnen sich dem Hobby zu, ebenso viele dem semi-professionellen Feld, knapp ein Fünftel lebt hauptberuflich von der Musik.² Was hier antwortet, ist kein Nischenpanel, sondern ein Querschnitt durch die deutsche Musikszene – in ihrer ganzen Breite und ihrer ganzen Prekarität. Die Ergebnisse zeigen eine Branche, die wieder Zuversicht wagt. Aber sie tut es auf dünnem Eis. Der Gesamttenor der aktuellen Erhebung klingt zunächst beinahe nach Aufbruch: 63 Prozent erwarten, dass 2026 besser wird als das Vorjahr. Ein markanter Sprung gegenüber den mageren 41 Prozent, die vor einem Jahr noch an Besserung glaubten.³ Gleichzeitig verharrt der pessimistische Anteil bei gut 16 Prozent, fast unverändert – wer schon im Vorjahr Schlechtes kommen sah, bleibt dabei.⁴ Die Branche, so scheint es, hat wieder Boden unter den Füßen gefunden. Aber eben nicht alle. Denn wer genauer hinhört, erkennt: Dieser Optimismus ist keine Euphorie. Er ist Trotz. Er speist sich nicht aus verbesserten Strukturen, sondern aus dem unbedingten Willen, weiterzumachen. Trotz allem.
Clubs sterben, Bühnen schrumpfen
Und dieses „trotz allem" hat Substanz. Die Umfrage zeichnet ein Bild fortschreitender struktureller Erosion. Clubs machen dicht, kleine Venues verschwinden von der Landkarte, regionale Auftrittsmöglichkeiten werden rarer. Wer kein Coverprogramm spielt oder einen etablierten Namen mitbringt, steht zunehmend vor verschlossenen Türen. Festivals setzen auf das Sichere, Booking-Agenturen auf das Bekannte. Für alle, die eigenes Material spielen, für Nachwuchsleute zumal, wird der Zugang zur Bühne zum Nadelöhr. In der Umfrage beschreibt eine teilnehmende Person die Lage so: „Zunehmende Schließungen von Lokalitäten aller Art und Größe erschweren regelmäßiges Auftreten im regionalen Umfeld. Damit nimmt auch der generelle Aufwand zu, überhaupt auftreten zu können."⁵ Parallel dazu stagnieren die Gagen seit Jahren, während die Kosten steigen. Nur gut ein Viertel derer, die live spielen, rechnet mit höheren Honoraren. Fast ebenso viele fürchten das Gegenteil. Knapp die Hälfte – 46,7 Prozent – erwartet schlicht Stillstand.⁶ Die finanzielle Schere zwischen dem, was ein Auftritt kostet, und dem, was er einbringt, öffnet sich weiter – und trifft vor allem jene, die Kultur nicht als Geschäftsmodell betreiben, sondern als Berufung leben.
Der Algorithmus als Türsteher
Das dominante Angstthema aber heißt KI. Quer durch alle Tätigkeitsfelder – ob auf der Bühne, im Studio oder am Schreibtisch – treibt Musikschaffende die Frage um, was geschieht, wenn Maschinen nicht nur produzieren, sondern auch verdrängen. KI-generierte Musik, algorithmisch gesteuerte Sichtbarkeit, eine schwindende Zahlungsbereitschaft für das, was menschliche Hände und Köpfe hervorbringen: Die Befürchtungen sind konkret. Und sie sind berechtigt. Besonders bezeichnend ist ein Satz aus der Umfrage: Die Hoffnung sei, dass es den Hobbybereich „nicht so stark betreffen wird".⁷ Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Wenn die Flucht vor der Disruption ins Ehrenamt führt, sagt das mehr über den Zustand einer Branche als jede Statistik. Dabei macht nicht die Technologie selbst Angst, sondern die Abwesenheit von Regeln. Mehrfach wird in den Antworten der Wunsch nach rechtlichen Rahmenbedingungen laut – nach einer Politik, die sich entscheidet, ob KI Werkzeug sein darf oder Verdrängungsmechanismus bleibt.
Die stille Krise hinter der Krise
Was in der Umfrage mitschwingt, aber selten explizit ausgesprochen wird: Die Musikszene leidet nicht an einem einzelnen Problem, sondern an der toxischen Kombination aus vielen. Wegbrechende Spielstätten, stagnierende Gagen, technologische Disruption und ein Publikum, das Tickets immer kurzfristiger kauft – jedes dieser Probleme wäre für sich genommen beherrschbar. Zusammen aber bilden sie eine Abwärtsspirale, in der sich vor allem die Mitte aufreibt: jene semi-professionell Tätigen, die mit 40 Prozent die größte Gruppe der Befragten stellen und die weder von Förderstrukturen aufgefangen werden noch vom Markt leben können.² Es ist eine Mitte, die still erodiert – und deren Verschwinden irgendwann das gesamte Gefüge ins Rutschen bringt. Das Eis, auf dem diese Szene steht, wird nicht von einer Seite dünn, sondern von allen gleichzeitig. Bezeichnend: Auch unter den Nicht-Live-Tätigen rechnen nur 55,6 Prozent mit einem besseren Jahr – deutlich weniger als unter den Live-Musiker*innen, von denen 67,4 Prozent optimistisch nach vorn blicken.⁸
Dennoch wäre es falsch, die Ergebnisse als Abgesang zu lesen. Es gibt sie, die Gegenbewegung im Kleinen: neue Projekte, geplante Veröffentlichungen, die Hoffnung auf eine wachsende Clubkultur jenseits der Arenen. Ein Fazit der Studie verdichtet das ganze Dilemma in einem einzigen Satz: „Menschen werden bei Kulturausgaben sparen. Gleichzeitig gibt es ein großes Bedürfnis nach Live-Musik. Die Kunst wird darin bestehen, bezahlbare Veranstaltungen anzubieten und Nischen zu entdecken."⁹ Es ist der Satz einer Szene, die gelernt hat, realistisch zu träumen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Das Eis trägt noch – aber es trägt nicht von allein. Die Musikbranche braucht 2026 mehr als gute Stimmung. Sie braucht politischen Gestaltungswillen, faire Marktbedingungen – und eine Gesellschaft, die endlich begreift, dass Kultur kein Luxusgut ist, sondern Daseinsvorsorge.
HIER GEHTS ZUR DETAILLIERTEN AUSWERTUNG DER BACKSTAGE-PRO-UMFRAGE
