Bild für Beitrag: Wir behaupten diese Freiheit und verteidigen sie | Tim Isfort über das neue Moers Festival 2026
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Wir behaupten diese Freiheit und verteidigen sie

Tim Isfort über das neue Moers Festival 2026

Moers, 08.03.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Gabriele Schwer

Das Moers Festival wagt 2026 einen radikalen Schritt: Nach Jahrzehnten in der Festivalhalle zieht es auf den Kastellplatz – Open Air, mitten in der Stadt, zurück zu seinen Ursprüngen rund ums Schloss. Festivalleiter Tim Isfort über den Abschied von der Halle, die kreative Vision dahinter, einen Soundwald aus 36 Lautsprechern und die Frage, ob früher wirklich alles besser war.

Tim, das Moers Festival geht 2026 raus aus der Festivalhalle, rauf auf den Kastellplatz. Was ist die große Idee dahinter?

2026 ist das 55. Festivaljahr – im Prinzip auch eine kleine Wiedergutmachung für das ausgefallene Jubiläum, denn 2021, das 50., war ja noch voll die Corona-Ausgabe. Wir nutzen jetzt das 55. Jahr, um das Festival zurück in die Stadt zu holen. Zurück dahin, wo alles begonnen hat, rund ums Schloss. Die Henriette – das Denkmal der Luise Henriette von Oranien – hat sich das Ganze 55 Jahre lang angeguckt. Jetzt stellen wir uns in ihre Blickrichtung auf.

Trotzdem muss man die Frage stellen: Die Festivalhalle wurde einst eigens für das Festival ertüchtigt. Sie war über Jahre der exklusive Spielort mit kontrolliertem Sound, Wetterschutz, großer Kapazität. Jetzt kehrt man ihr den Rücken. Warum? Und was bedeutet das für die Qualität des Festivalerlebnisses?

Die Frage ist absolut berechtigt, und ich habe sie mir selbst oft gestellt. Ob das Festival einfach endlos weiter in dieser Halle stattfinden muss – das hat sich mir irgendwann aufgedrängt. In der Halle hatten wir natürlich ideale Bedingungen: ein festes Dach und einen kontrollierbaren Raum. Aber man muss ehrlich sein: Die Halle hatte auch Grenzen. Die Bespielung war logistisch enorm aufwändig, die Wege zu den ganzen Nebenschauplätzen sehr weit. Dazu explodieren gerade die vielen Nebenkosten, die für die Bespielung (nicht nur) der Halle immens sind. Die Idee eines Umzugs auf den Kastellplatz hat bei mir eine kreative Energie freigesetzt, die ich so lange nicht mehr gespürt habe. Dieser neue Ort bietet viele neue Möglichkeiten. Vielleicht kehren wir eines Tages ja auch in die Halle zurück. Wir haben ja sonst keinen zweiten großen Spielort in Moers, wo mehr als vierhundert Leute reinpassen.

Eine Open-Air-Bühne mitten auf dem Moerser Kastellplatz – ich vermute, du hast schon recht viele kreative Ideen, damit dieses Festival nicht plötzlich wie ein Stadtfest rüberkommt?

Ich habe in der Halle viele Konzepte ausprobiert, das beste davon übertragen wir nun auf den Kastellplatz. Vor allem: Die Künstler sind in der Mitte und das Publikum drumherum. Es gibt eine kreisrunde Bühne von zehn Metern Durchmesser, etwas erhöht wegen der Sichtlinien. Das Bühnendach wird eckig – das ist günstiger, und die runden Dinger finde ich auch zu schick. Ich möchte den Moers-Charme retten. Kreisförmig um die Bühne kommen die ersten Sitzreihen auf den diversen Sitzmöbeln, die wir über die Jahre angehäuft haben. Dahinter stehen die Zeltdächer, die man vom Rodelberg kennt. Diesmal sind sie fürs Publikum, da kriegt man bei Regen ordentlich Leute drunter. Weiter hinten gibt es eine Stehtribüne mit Podest für nochmal 250 Leute. Drumherum ist das Ganze wie eine Wagenburg angelegt: ein Mix aus Zäunen und Ständen, mit verschiedenen Ein- und Ausgängen zu allen Seiten. Es soll eine gewisse Durchlässigkeit zum Laufpublikum geben, damit auch Leute, die samstags in der Stadt einkaufen, neugierig werden. Wer sich auf Zehenspitzen stellt, kann über den Zaun gucken – auch das ist gewollt. Ich will einen Umlauf um die Hauptbühne, sodass man wirklich rundherum etwas findet. Das Festivaldorf verteilt sich komplett über das gesamte Gelände.

Wie löst du zum Beispiel den hohen Anspruch des Moers Festivals an guten Sound unter freiem Himmel ein?

Der Sound wird sicherlich besser als bei konventionellen Open-Air-Formaten, weil ich ihn komplett anders denke. Wir bauen einen kreisförmig-dezentralen Wald aus Lautsprechern in mehreren Kreisen. Ungefähr 35, 36 Boxen stehen auf etwa dreieinhalb Metern Höhe. Sie sind leicht nach unten geneigt, um jeweils eine Crowd von fünfzig bis sechzig Leuten abzudecken. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie Klangduschen in Museen, nur dass ich natürlich ordentliche Boxen nehme. Der Sound wird viel direkter und zielgerichteter, und die Bands können sich sogar aussuchen, wie sie den Raum bespielen: einfaches Stereo links-rechts über alle Lautsprecher verteilt – oder, und das ist das, was mich besonders interessiert, Hexaphonie oder mehr. Bei einem Streichquartett mit Elektronik etwa kann ich mit sechs Ausspielwegen schon sehr spielen: Sound, der sich um dich herum dreht. Wir werden den Leuten sagen: Sucht euch eure Position in unserem Soundwald. Je nachdem, wo du stehst, hast du ein anderes, aber immer optimiertes Hörerlebnis.

Das Ganze hat auch eine deeskalierende Wirkung nach außen. Die nach unten gerichteten Lautsprecher sind für den Adressaten gedacht, nicht für die Nachbarschaft. Es wird trotzdem laute Konzerte geben, 36 Lautsprecher plus Subs sind schon eine Ansage. Aber die Grundrichtung ist: immersiv (oder „immoersiv") statt Beschallung von vorne. Und es wird noch weitere kreative Überraschungen geben. Ich kenne kein anderes Festival, das so gestaltet ist.

Viel ist jetzt davon die Rede, dass das Festival an seinen Ursprungsort zurückkehrt. Gleichzeitig wehrst du dich seit Jahren gegen die Verklärung der Vergangenheit. Wie passt das zusammen?

Darin liegt für mich eine produktive Spannung. Wir gehen zurück an den Ort von einst – aber es ist nicht mehr derselbe Ort. Der Schlosshof war früher eine Ruine mit Schlamm und Matsch. Jetzt ist er modern saniert. Du kannst die Leute heute nicht mehr wie vor fünfzig Jahren vom Aussehen her unterscheiden, wer ein Festivalbesucher ist und wer nicht. Auch das hat sich einfach verändert. Die These „Früher im Park war alles besser" kann man dieses Jahr selbst überprüfen. Mein Ironie-T-Shirt dazu löst sich also ein Stück weit ein. War früher wirklich alles besser? War es gut, dass so viel Wildwuchs und Leute da waren, die gar nichts mit dem Festival zu tun hatten? In der Idealisierung ist das immer leicht zu sagen. Ich habe mir irgendwann die Mühe gemacht, legendäre Konzerte im Archiv zu suchen, und festgestellt: Das habe ich mit Ende zwanzig ganz anders wahrgenommen als heute. Und die (für mich prägenden Jahre in der) Eishalle – wenn ich jetzt die Fotos sehe, denke ich, was für eine komische Atmosphäre das eigentlich war.

Sieben Spielorte in direkter Nähe, dazu eine Open-Air-Bühne im Schlosspark – wie funktioniert die Bespielung über den Tag, und was hat es mit dieser Parkbühne auf sich?

Die sieben Spielorte sind der entscheidende Punkt am neuen Konzept: die beiden Kirchen, der Schlosshof, eine Kreativwiese im Park, das alte Landratsamt, das Peschkenhaus und das Schlosstheater mit Studio (beim Schlosstheaterkeller wissen wir aktuell noch nicht, ob wir diesen nutzen können). Da gibt es ganz verschiedene Kapazitäten, von achtzig Leuten im holzvertäfelten Räumchen des Landratsamts bis dreihundertfünfzig oder sogar vierhundert in der Stadtkirche. Alle diese Veranstaltungsstätten bestehen bereits, da können wir mal eben eine kleine PA reinstellen oder mit einem Bollerwagen das Schlagzeug von einer Kirche in die andere ziehen. Die Kompaktheit ist eine völlig andere – nicht nur fürs Publikum, sondern auch logistisch.

Wie wollt ihr es mit parallel laufenden Veranstaltungen halten?

Auf dem Kastellplatz gibt es immer Doppelblöcke: meistens eine aufwändigere und eine schlankere Formation direkt hintereinander, mit einer Mini-Umbaupause für ein Bier. Dazwischen dann anderthalb Stunden für den nächsten Umbau. Genau in dieser Zeit finden an drei oder vier Spielorten parallel ganz unterschiedliche Sachen statt. Ein Konzert im Schlosshof und eins in der Kirche oder eine Diskussion im Peschkenhaus.

Im letzten Jahr war vor allem die Open-Air-Bühne eine atmosphärische Bereicherung für echtes Festivalfeeling. Wie sieht es damit aus?

Ja, die gibt es wieder – und zwar als Open-Air-Bühne im Schlosspark, auf der Wiese unter dem Pulverhäuschen. Das ist im Grunde die Fortführung dieser Bühne, aber an einem noch lauschigeren Ort: im Grünen, unter Bäumen, direkt vorm Schloss. Da passen locker fünf-, sechshundert Leute hin, man kann sich einfach hinsetzen, und es öffnet sich weiter Richtung Park für Picknickdecken und Familien. Dazu kommt die Fahrradbühne vom letzten Jahr – der Pirco mit seinem umgebauten Fahrrad und den Akkuboxen, die kann im Park jeden Tag woanders stehen. Das planen wir gar nicht groß, das wird einfach passieren.

Ich hab gelesen, das Camping kehrt in den Park zurück. Wie nah kommt ihr ans alte Parkgefühl?

Die Zeltwiese liegt jetzt wieder ungefähr dort, wo früher das Zirkuszelt stand, im Freizeitpark. Der Weg ist der ursprüngliche: In fünf Minuten bist du am Kastellplatz. Wir sind definitiv mehr im Park, das ist wichtig für die Atmosphäre. Allerdings müssen wir den gesamten Zeltbereich einzäunen – das ist eine Auflage, bei der Stadt sind die Wunden von früher offensichtlich noch zu groß für komplett freies Zelten. Aber es ist dadurch auch ruhiger und angenehmer. Direkt nebenan ist die Skateanlage, wo letztes Jahr Koshiro Hino ein super Set gespielt hat – dann fing es an zu schütten und er hat vor acht Leuten weitergespielt, alle anderen haben da echt was verpasst. Solche Satellitenspielorte wird es weiter geben: Skaterbahn, Bollwerk, Röhre, vielleicht die Musikschule.

Der Wettergott improvisiert an Pfingsten ja auch meist ausgiebig rum – wie geht ihr damit um, wenn es feucht wird?

Das Thema des Festivals heißt „Wie im Märchen" – da werden wir natürlich mitspielen. Es wird das sehr gute Merchandise-Produkt „Des Kaisers neuer Poncho" geben. Aber im Ernst: Es hat noch nie einen ganzen Tag durchgeschüttet. Die Bands sind unter dem Bühnendach geschützt, es gibt überdachte Publikumsbereiche. Wenn es wirklich mal eine Stunde durchregnet, reagieren wir – wie am Rodelberg in den letzten Jahren auch. Im schlimmsten Fall verlegen wir einzelne Sachen in die Innenräume.

Zum ersten Mal gibt es ein fünftägiges Festival! Wie gestaltet ihr die Zeiträume?

Donnerstag ist nur ein Abend von 18 bis 22 Uhr draußen, danach geht es in die Hallen – das wird ein softer Festivalstart mit sieben, acht Acts. Freitag, Samstag, Sonntag bis Mitternacht auf dem Platz, Montag etwas früher Schluss draußen, dann weiter indoor. Insgesamt gibt es einen Tag mehr als bisher, einen Tag mehr Camping, einen Tag mehr Festivalmarkt. Nach Mitternacht kann ich in den Kirchen, im Bollwerk, in der Röhre weitermachen – oder wir machen draußen ganz leise.

Früher im Park war natürlich nicht alles besser. Der Verklärung der Aufbruchszeit steht heute eine vielfältige musikalische Gegenwart gegenüber – wie geht ihr mit der Herausforderung einer relevanten Mischung des Programms um?

Die Programmierung ist gerade die Hauptherausforderung. Wir sitzen an der großen Magnetwand und schieben herum: Wie viel Prozent traditioneller Freejazz? Wie viel moderner Jazz? Neue Musik? Elektro-experimentelles Zeug? Post-Punk-Anarchie? Theatrales? Weltmusikalische Anteile? Das sind die Hauptfelder. Dieses Jahr beschäftigen wir uns – zum Beispiel! – intensiv mit zwei Hundertjährigen: Morton Feldman und György Kurtág. Kurtág wird hundert, ist aber nicht mehr reisefähig – sein Sohn kommt mit einer Formation, die auch mit alten Moers-Ikonen wie Barre Phillips gespielt hat. Mit Feldman, diesem extremen Unikat, machen wir sehr viel. Dazu die Kooperation mit dem Huddersfield Contemporary Music Festival – ein Glückstreffer, finanziert über GVL, PPL und Goethe-Institut für drei Jahre, jeweils vier zusätzliche Programmpunkte pro Festival. Das Programm verdichtet sich gerade stark, und ich finde, es ist ein guter Mix. Wie immer sucht man große Namen vergeblich. Aber diese ästhetische Breite abseits des Mainstreams, dieses Kuchendiagramm aus allen Extremen gleichberechtigt nebeneinander – das ist für mich der eigentliche Wert des Festivals.

Festivals sterben weiter, Spielstätten werden dichtgemacht. Wird auf dem Moers Festival wieder ein Boulevard du Silence stehen?

Natürlich werden wir wieder den Boulevard du Silence aufstellen, und wahrscheinlich braucht der auch mehr Platz als im letzten Jahr.

Festivals haben ja auch immer mit kultureller Integration zu tun und gerade in heutiger Zeit umso mehr politisches Gewicht. Wie blickst du auf die gegenwärtige Lage?

Wenn wir darüber reden, dass Integration besser stattfinden muss und die AfD mit Remigration keinen Erfolg haben soll, dann muss genau das Gegenteil passieren. Stattdessen macht man den gleichen Fehler wie Frankreich vor zehn, fünfzehn Jahren: Man versucht, mit der Agenda der Rechtspopulisten Stimmen zurückzuholen. Das gelingt nicht. Und wenn gleichzeitig bei einem „Sondervermögen" von 500 Milliarden, das eigentlich ein riesiger Schuldenberg ist, so wenig für Bildung und Kultur vorgesehen ist, dann finde ich das eine Katastrophe.

Wie ist es um das Moers Festival selbst bestellt?

Durch das 2025 eingeführte Pay What You Want-Ticketing haben wir einen Publikumszuwachs gehabt, was Mut macht! Unsere Hauptfördersäulen stehen zum Glück, bei Land, Stadt und Bund. Unser Medienpartner WDR ist weiterhin neugierig und unterstützt nach besten Kräften. Wir schreiben Anträge wie die Bekloppten. Dass unsere Moerser Bundestagsabgeordneten von SPD, CDU und Grünen immer wieder an einem Strang ziehen, wenn es finanziell wackelt, ist wirklich ganz, ganz viel wert.

Wie blickst du in die Zukunft?

Was alles um uns herum passiert, stärkt natürlich das Bedürfnis, sich in einer Blase einzuigeln mit Menschen, die einfach noch die Kultur im Sinne haben. Aber das kann ja nicht die Lösung sein. Man muss offen bleiben, weitermachen, die Fragen neu stellen. Welche Freiheit ist es überhaupt, heute ein Musikfestival mitten in der Stadt zu machen? Diese Frage steckt für mich auch in diesem Umzug auf den Kastellplatz. Wir behaupten diese Freiheit – und verteidigen sie.


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