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Konzerne fressen Kultur auf

Eine neue Studie legt die Zusammenhänge offen.

Berlin, 22.02.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle: Ruhr 24

Es gehört zu den beharrlichsten Erzählungen der Branche, das Festivalsterben und die fortschreitende Schließlung von Spielstätten sei eine Folge gestiegener Kosten, schlechten Wetters oder eines veränderten Freizeitverhaltens. Das alles ist nicht falsch, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Die Studie „Ownership Concentration and Cultural Pluralism in Europe's Live Music Sector" von Reset! Network und Live DMA, deren Ergebnisse das Branchenportal Backstage Pro gründlich aufbereitet hat, legt mit belastbaren Belegen offen: Die Monopolbildung in der Unterhaltungsindustrie und das Sterben der freien Kulturszene bedingen einander. Letztlich sind es einige weniger große Entertainment-Konzerne, die den Live-Markt unter sich aufteilen. 

Während in ganz Europa kleine, unabhängige Festivals aufgeben – weil die Gagen explodieren, die Sponsoren abwandern und das Publikum zu den großen Namen strömt –, vollzieht sich auf der anderen Seite des Marktes ein Konzentrationsprozess, der in seiner Dimension erst jetzt sichtbar wird. Den Ergebnissen der Studie zufolge gehören mittlerweile mehr als 150 große Konzertevents und Festivals in Europa vier Konzernen: Live Nation, CTS Eventim, Superstruct Entertainment und der Anschutz Entertainment Group. Wohlgemerkt: Hier sind nicht etwa vier kreative Kollektive mit einer kulturellen Mission am Werke, sondern es streben vier börsennotierte Holdings nach Kapitalrendite. Wer den Markt dominiert, bestimmt die Gagen, die Sponsorenflüsse, die Ticketpreise und die Sichtbarkeit. Wer nicht mitspielen kann, wird verdrängt – nicht durch Verbote, sondern durch ökonomische Übermacht.

Die Zahlen der Studie sprechen für sich. Superstruct Entertainment kontrollierte 2022 noch 34 Festivals, drei Jahre später sind es bereits 63. CTS Eventim wuchs im selben Zeitraum von 42 auf 51 Beteiligungen, Live Nation von 74 auf 78, und selbst AEG verdoppelte sein Portfolio auf zehn Festivals. Hinter Superstruct steht, wie die Untersuchung dokumentiert, die Investmentgesellschaft KKR. Die Strategie ist klassisches Private Equity: kaufen, bündeln, Synergien heben, Unternehmenswert steigern, gewinnbringend abstoßen. Dass das Produkt in diesem Fall kulturelle Infrastruktur ist und kein Industriezulieferer, spielt in dieser Logik keine Rolle. CTS Eventim veranstaltet über verschachtelte Beteiligungen ein Dutzend namhafter Festivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und Live Nation betreibt der Analyse zufolge ein globales Netz aus Touring, Ticketing, Sponsoring und Venues von Berlin über Belgien bis nach Großbritannien. Die Konzentration schlägt direkt auf die Bühnen durch. Acts werden nicht mehr für ein einzelnes Festival gebucht, sondern im Paket über das Konzernportfolio verteilt, sodass dieselben Headliner im selben Sommer bei drei, vier oder fünf Festivals desselben Eigentümers auftreten. Die Line-ups gleichen sich an, weil die Buchungslogik nicht künstlerisch, sondern betriebswirtschaftlich funktioniert.

Der stille Rest wird unsichbtbarer und sieht einer unaufhaltsamen Prekarisierung entgegen: Das sind jene zahllosen "kleinen" Festivals, deren Programm kein Algorithmus berechnet hat, die mit ehrenamtlichen Teams und Budgets arbeiten, die dem Catering-Etat eines Konzernfestivals entsprechen dürften. Eine große Festivalstudie aus dem Jahr 2024 liefert die ernüchternden Zahlen: Nur 62 Prozent der deutschen Festivalveranstalter sehen die Zukunft ihres Events als gesichert an. Viele fahren Verluste ein – und konkurrieren dabei mit milliardenschweren Holdings, die Risiken über Dutzende Festivals streuen und Marktbedingungen diktieren können. Das ist kein fairer Wettbewerb, sondern ein Verdrängungskampf mit vorbestimmtem Ausgang.

Einer, der die Zusammenhänge kennt

Bleibende Erinnerungen hinterließ eine jener „Discussions" beim Moers Festival 2020. Unter dem Titel „In Teufelsküche" sezierte der Konzertveranstalter und Publizist Berthold Seliger die kommerzielle Logik der Event-Industrie – mit einer Schärfe, die das Publikum aufhorchen ließ. Er legte offen, wie die Verwertungslogik der Großkonzerne jede freie Kunst in die Prekarität drängt, die sich dem Mainstream widersetzt. Dass diese Analyse ausgerechnet in Moers stattfand, wo das Unberechenbare Programm ist, war kein Zufall. In seinem 2019 erschienenen Buch „Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören" (Edition Tiamat) hat Seliger die Besitzverhältnisse in der Konzertbranche akribisch recherchiert und gezeigt, wie das Live-Geschäft sich längst von der Musik abgekoppelt hat. Wer verstehen will, in welchen Dimensionen sich dieses Imperiengeschäft bewegt, dem sei dieses Buch dringend empfohlen. Die Politik schaut derweil zu, denn Festivalübernahmen fallen unter keinen wettbewerbsrechtlich relevanten Schwellenwert. Die Studienautoren fordern hier ein Umdenken, das letztlich auch kartellrechtlich Grenzen gegen ausufernde Konzentrationsprozesse setzt. Doch die Hoffnung, dass Brüssel ausgerechnet bei Festivals kulturpolitische Zähne zeigt, wirkt romantisch-optimistisch.

Das Muster ist längst erprobt in der Aufmerksamkeitsökonomie: Streaming hat die Tonträgerindustrie in die Hände von drei Konzernen gelegt, Social Media hat den öffentlichen Diskurs den Tech-Milliardären ausgeliefert, und nun vollzieht auch die Live-Branche denselben Prozess und hat auch den letzten "analogen" Kulturraum längst industrialisiert. Was Rendite bringt, wächst, und was keine bringt, stirbt.

Quellen und Literatur: 

Primärquelle: Reset! Network / Live DMA (Hrsg.): Ownership Concentration and Cultural Pluralism in Europe's Live Music Sector. Studie zur Marktkonzentration in der europäischen Live-Musik-Branche, veröffentlicht 2025.

Berichterstattung: Backstage Pro: Berichterstattung über die Studienergebnisse zur Eigentümerkonzentration im europäischen Festival- und Live-Musik-Sektor, 2025.

Weiterführende Literatur: Berthold Seliger: Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. Edition Tiamat (Critica Diabolis, Bd. 265), Berlin 2019, 346 Seiten, ISBN 978-3-89320-241-6. Seligers Lecture „In Teufelsküche" (discussions #1) wurde beim Moers Festival 2020 (29.05.–01.06.2020) gehalten und ist über das Festivalarchiv dokumentiert.

Ergänzende Quelle: Festivalstudie zur wirtschaftlichen Lage unabhängiger Festivals in Deutschland, veröffentlicht 2024.

Kennzahlen gemäß der Studie: Superstruct wuchs von 34 auf 63 Festivals (2022–2025), CTS Eventim von 42 auf 51, Live Nation von 74 auf 78 und AEG von 5 auf 10.

Eigentümerstrukturen gemäß der Studie: John C. Malone hält über Liberty Media rund 30 Prozent an Live Nation. Klaus-Peter Schulenberg hält rund 38,8 Prozent an CTS Eventim. Philip Anschutz besitzt 100 Prozent der AEG. Henry Kravis und George Roberts halten über KKR jeweils rund 9 Prozent an Superstruct, wobei KKR Mehrheitsinvestor ist und CVC Capital Partners einen Minderheitsanteil hält.

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