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Blick hinter die Kulissen

Interview mit Patrick Hengst vorm JOE-Festival

Essen, 08.02.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Patrick, das JOE Festival gibt es seit 1995 – inzwischen dürften es um die dreißig Ausgaben sein. Weißt du das eigentlich genau?

Ehrlich gesagt: nein. Irgendwo stand mal das 30. oder so, aber dann habe ich das nachgerechnet und ich glaube, das stimmt auch nicht so richtig. Vielleicht ist es das 30., vielleicht auch erst das 29. oder schon das 31. Irgendwann, wenn es interessant wird, müssen wir das nochmal genau recherchieren.

Das Festival stemmt ihr größtenteils neben euren eigentlichen Berufen. Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?

Das gesamte Booking nimmt natürlich Zeit in Anspruch, außerdem die Abstimmung mit der Zeche, die Vorgespräche mit den Tonleuten, Werbung auf vielen Kanälen etc. Wir machen das ja schon ein paar Jahre, das heißt, ein paar Sachen sind eingespielt – die Werbung, die Drucksachen, die Abstimmung mit der Designerin. Sich um Hotelzimmer kümmern, solche Dinge. Das ist immer noch dasselbe Prozedere. Aber in der Zeit kannst du halt nichts anderes machen. Bei anderen Festivals werden alle dafür bezahlt, da gibt es ein großes Team. Bei uns ist das nicht so. Unser Vereinskonto ist am Ende immer total abgefrühstückt. Da haben wir vielleicht noch 100 Euro drauf. Das gesamte Booking nimmt natürlich Zeit in Anspruch, außerdem die Abstimmung mit der Zeche, die Vorgespräche mit den Tonleuten, Werbung auf vielen Kanälen etc…

Die institutionelle Förderung stagniert seit Jahren. Was bedeutet das konkret?

Dass wir mal mehr Geld kriegen, rückt in weite Ferne. Und wenn du immer dasselbe Geld kriegst, aber gute Gagen zahlen willst, wird das de facto weniger. Es wird ja alles irrsinnig teurer überall. Im Umkehrschluss muss der Stadt auch klar sein: Wir können nicht dasselbe anbieten wie vor fünf Jahren. Früher konnten wir neben dem Festival noch eine kleinere Konzertreihe machen mit sechs Gigs pro Jahr. Das sehe ich im Moment nicht kommen. Die Sachen im Goethebunker, die würde ich gerne wieder machen – aber dafür brauchst du auch Geld, für die Miete und für die Gagen. Immerhin gibt es die monatliche Session wieder, außerdem das Free Essen Festival, die Soundtrips und vielleicht auch noch den ein oder anderen Minigig im Rabbit Hhole Theater.

Schön, dass ihr trotzdem Namen wie Elliott Sharp und Nik Bärtsch zum JOE-Festival holen könnt.

Da spielen verschiedene Sachen zusammen. Die Hauptkohle kommt von der Stadt Essen, außerdem haben wir einen privaten Mäzen, der heißt Andreas Fischer und der finanziert seit Jahren eine Band pro Festival. Dieses Jahr hat er sich Ingrid Laubrock und Tom Rainey ausgesucht. Und wir kriegen außerdem Geld vom Deutschlandfunk als Medienpartner.

Wie entsteht das Programm? Gibt es eine klare Arbeitsteilung zwischen dir und Simon Camatta ?

Das ist eine Mischung aus Zufällen, Empfehlungen und unserer Zusammenarbeit. Das Sheen Trio zum Beispiel war Simons Idee. Die kannte ich gar nicht. Der hat mir ein paar Sachen vorgespielt, die ich auch geil fand. Vor zwei Jahren haben die beim Peng-Festival gespielt – richtig, richtig toll. Almost Natural kam über einen anderen Weg: Ich war scharf drauf, endlich mal wieder eine Band mit Leif Berger zu haben. Ein paar Optionen haben sich zerschlagen, dann tauchte diese Band von Florian Herzog auf. Das war Zufall – und dann hab ich das gehört und fand es total geil.

Beim Duo Laubrock/Rainey war es auch so ein Glücksfall?

Genau. Ich hatte die beim Intakt-Festival im Kölner Loft gesehen und war begeistert. Tom Rainey ist einer meiner Lieblingsschlagzeuger. Also habe ich angefragt, ob die zufällig auf Tour sind. Und tatsächlich spielen die am 21. in Wien. Da ist es nicht so ein Riesenproblem, vorher noch über Essen zu fliegen. Dass dann auch noch der Mäzen sich ausgerechnet dieses Konzert ausgesucht hat, war natürlich perfekt.

Elliott Sharp bringt mit „ReGenerate" ein besonderes Projekt mit – elf Musiker spielen zu einer animierten grafischen Partitur. Wie kam es dazu?

Elliott hatte schon länger Kontakt zu Simon, hat ein Buch geschrieben, war auf Lesetour. Initial haben wir in 2025 sein Sephardics-Projekt eingeladen. Daraus ist diese Kooperation entstanden. Wir haben immer mal hin und her gemailt, ob sich was ergibt. Dann passte es, dass er gerade in Paris einen Workshop macht und die Reise nach Essen funktioniert. Er hatte diese Komposition „ReGenerate", bei der das Publikum die Grafik auf der Leinwand sieht und die Musiker das auf ihren iPads. Viel mehr kann ich mir da noch nicht drunter vorstellen, noch spannender ist die Sache, weil wir das selber mitspielen.

Sharp hat dafür ja einige Musiker aus NRW eingeladen – unter anderem Gunda Gottschalk, Christopher Harth, Salome Amend. War das sein Wunsch?

Er hat gesagt, was er sich für Instrumente vorstellt und dann habe ich ihm Leute vorgeschlagen. Er war happy mit dem, was ich angeboten habe. Diese Verbindung zwischen so einem prominenten internationalen Typen und den spannendsten Talenten aus der Szene hier, das fand ich als Idee gut. Elliott ist ein total angenehmer, unkomplizierter Typ.

Das Festival endet mit Nik Bärtsch solo – rein akustisch, ohne Verstärkung. Das stellt euch vor logistische Herausforderungen.

Ja, das ist gerade der Klavierverleih, von dem ich eigentlich einen Flügel haben wollte. Nik spielt akustisch, das heißt, der Flügel kommt gar nicht über die Anlage. Das ist natürlich eine geile Sache, aber dafür muss der Flügel größer sein. Mit einem 1,80er kommt man nicht weit. Und so ein großer Flügel kann nicht auf der Bühne stehen, der nimmt zu viel Platz weg. Der muss vor die Bühne geschoben werden.

Du wolltest den Flügel ursprünglich in die Mitte des Raumes stellen, das Publikum drumherum.

Das hätte ich am geilsten gefunden. Aber das geht nicht, weil du dann einen neuen Bestuhlungsplan beantragen musst bei der Stadt. Es gibt einen Bestuhlungsplan für die Kaue, der ist genehmigt von der Feuerwehr. Wenn du das anders machen willst, kostet das richtig Geld und du weißt nicht, ob es durchgeht. Ich dachte, das ist kein Problem, wenn du Fluchtwege hast – aber nee, entweder du nimmst den Bestuhlungsplan oder du musst einen neuen beantragen. Das machen wir nicht. Aber wir können den Flügel vor die Bühne stellen, das geht. Weißt du, das sind 30 Zentimeter, die das entscheiden. Und die wollen wir ihm schon auch geben.

Drei Abende, drei Konzerte pro Abend, keine Parallelveranstaltungen – das ist seit Jahren euer Prinzip. Warum?

Ich finde das gut, dass es immer nur drei Bands sind. Man weiß halt nie, ob es dann wirklich so passt, wie man sich das vorstellt – das weißt du sowieso nie. Du kannst es kombinieren, wie du willst, du weißt nicht, ob es funktioniert. Aber mit ein bisschen Glück funktioniert es eben doch. Diese Mischung aus sehr unterschiedlichen Sachen, die sich dann zu einem spannenden Konzertdreiklang verbinden – die verfehlt eigentlich nie ihre Wirkung. Man hat kein Überangebot, muss sich nicht entscheiden. Danach ist man voll bedient.

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