„Kein Brennen für die Kultur“
Ein Gespräch mit Berthold Klostermann über das Aus für "Jazz in Essen"
TEXT: Heinrich Brinkmöller Becker |
Nach über 40 Jahren ist Schluss: ‚Jazz in Essen', eine der profiliertesten Konzertreihen des Landes, gibt ihr Abschiedskonzert. Nicht etwa, weil das Publikum ausbleibt – sondern weil Förderer abspringen und die Stadt nicht einspringt. Im Gespräch mit Heinrich Brinkmöller-Becker erzählt der langjährige Künstlerische Leiter Berthold Klostermann, warum eine kulturelle Institution sang- und klanglos verschwindet – und was das über den Zustand der Kulturpolitik verrät.
Kannst du kurz die Geschichte von ‚Jazz in Essen' (JiE) umreißen? Von wem gegründet, mit welcher Intention, wie finanziert…?
Gegründet wurde die Reihe von dem Musiker Peter Herborn. In Essen gab es keinen Club, Jazz war mal hier, mal da zu hören: in Kneipen oder bei sporadischen Konzerten im Jugendzentrum (JZE), dem Folkwang-Museum, der Alten PH. Initiiert wurden sie von lokalen Musikern, finanziell unterstützt vom Kulturamt oder auch dem Kunstring Folkwang. Herborn ging es darum, in Essen mit gewisser Regelmäßigkeit hochkarätigen Jazz in angemessener Atmosphäre zu präsentieren. Nomineller Veranstalter war das Kulturamt, es sicherte die Grundfinanzierung und half entscheidend beim Einwerben von Sponsoring – etwa seitens der Krupp-Stiftung oder städtischer Töchter (Sparkasse, Stadtwerke). Das erste Konzert fand im März 1984 im JZE statt, mit Steps Ahead und, als Opener, dem Duo Jörgensmann/Gräwe.
Seit wann bist du der Künstlerische Leiter?
Nachdem Herborn die Professur für Komposition und Arrangement am Folkwang-Studiengang Jazz angetreten hatte, gab er 1991 die Leitung der Reihe ab. Im Herbst des Jahres übernahm ich mit einem Konzert des Art Ensemble of Chicago im Folkwang-Museum.
Was führt nach über 40 Jahren zum Ende der Reihe?
In Umkehrung jeder Förderlogik nimmt die Stadt (sprich: Kulturamt) das von vornherein feststehende Ende des Sponsorings durch die Krupp-Stiftung zum Anlass, ihrerseits die bislang stets gewährte Basisförderung zu canceln. Hinzu kommen Raumprobleme beim Theater seit Schließung der kleineren Bühne „Casa".
Was sind deiner Meinung nach die Gründe dafür, dass nach dem Aus der Förderung durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung keine andere Finanzierungsquelle gefunden werden konnte? Immerhin dürfte JiE ein kulturelles Aushängeschild für Essen sein.
Weder Kulturverwaltung noch Schauspiel zeigten in dieser Hinsicht nennenswertes Engagement. Beim Schauspiel hat Jazz erklärtermaßen „keine Priorität", auf Sponsoring für bestimmte Produktionen ist man dort selber angewiesen. Für manche Entscheider ist offenbar „Jazz gleich Jazz", das Aushängeschildpotenzial von JiE wird nicht gesehen, oder man meint, darauf verzichten zu können. Sponsorensuche jedenfalls kann nur Sache der Institution sein, die hinter einem Projekt steht, nicht die des Künstlerischen Leiters, der keine Befugnis hat, Verträge zu schließen. Entsprechenden Rückhalt gibt es nicht (mehr).
Siehst du im Aus von JiE einen symptomatischen Kern?
Symptomatisch insofern, als Essener Kulturpolitik und -verwaltung letzthin nicht gerade durch übergroße Sachkompetenz oder gar ein Brennen für Kultur aufgefallen sind. In Zeiten desolater kommunaler Haushalte bietet es sich dann wohl an, schon mal da zu kürzen/streichen, wo die Finanzierung eh auf neue Füße gestellt werden muss. Immerhin scheint das befürchtete Streichkonzert für die freie Szene – zu der JiE aber nicht zählt – einstweilen abgewendet/abgemildert zu sein.
Welche Personen und Institutionen stehen hinter JiE? Was ist deine Rolle?
Hinter der Reihe als Ganzes stehen das Kulturamt, das Schauspiel und damit die TuP. Beim „Jazz Pott" sind der Grafiker, Designer und langjährige Leiter des Jazzfestivals Willisau (CH) Niklaus Troxler und der Journalist Sven Thielmann als Berater im Boot, außerdem Hagen Rether als Stifter des Preisgeldes. Mir obliegt die Programmgestaltung der Reihe, Vereinbarung der Konditionen, Vorbereitung der Künstlerverträge, Durchführung der Konzerte und Betreuung der Bands.
Welche Entwicklungen und Veränderungen gab es im Verlauf der Geschichte?
Vom JZE (1984-1987) wanderte die Reihe über das Folkwang-Museum (1987-1991) ins Grillo-Theater (ab 1992), das zunächst Gastgeber war, ab 2012 aber als Veranstalter auftrat. In den ersten beiden Locations gab es Doppelkonzerte, was im Theater wegen arbeitszeitrechtlicher Beschränkungen der Techniker nicht aufrecht zu halten war. Dafür kam es auch der Reihe enorm zugute, als das Grillo tontechnisch aufgerüstet wurde. Aufgrund steigender Kosten bei gleichbleibender finanzieller Ausstattung sank die „Schlagzahl" der Konzerte mit den Jahren auf etwa die Hälfte. 2011 wurde der „Jazz Pott" in die Reihe integriert.
Wie siehst du die Bedeutung der Reihe für Essen, für die Region?
Für das Kulturleben der Stadt ist die Reihe eine Institution, die immer wieder auch Publikum aus den Nachbarstädten des Reviers nach Essen zieht, darunter nicht selten Veranstalter benachbarter Reihen/Festivals, die für ihr eigenes Programm gerne mal die eine oder andere Band „auschecken".
Essen ist eine vitale Stätte und Stadt für improvisierte Musik: Ausbildungsstätte Folkwang Universität der Künste, Jazz Offensive Essen, Jazz in der Philharmonie Essen, Jazz im Aalto …. Welches Profil deckt JiE ab?
Seit Mitte der 1990er Jahre sind neue Akteure auf der Szene erschienen, aber JiE gilt als der „Klassiker", noch dazu in der schönsten Location der Stadt. Im Vergleich zum JOE-Festival ist JiE weniger experimentell, in Vergleich zur Philharmonie weniger breitenkompatibel aufgestellt. Manche Stars, die später den Alfried-Krupp-Saal ausverkauften, waren vor Jahren schon bei JiE aufgetreten (Wayne Shorter, Ornette Coleman, Joachim Kühn, Dave Holland u.a.). Die stilistische Bandbreite der Reihe reicht von Modern Mainstream à la Ray Brown oder Ron Carter bis zu Grenzgängen wie Flamenco-Jazz, wobei nicht zuletzt die mit den Jahren enorm gewachsene Relevanz der europäischen Szene abgebildet wird. Mit dem „Jazz Pott" und theaternahen Specials unter Beteiligung jazzaffiner Schauspieler/Sprecher wie Meret Becker, Birgit Minichmayr, August Zirner, Christian Brückner oder Benno Führmann hat JiE außerdem Alleinstellungsmerkmale vorzuweisen, die über das simple Veranstalten von Konzerten hinausgehen.
Gab/gibt es Bestrebungen, die unterschiedlichen Jazz-Initiativen auf kommunaler oder gar regionaler Ebene stärker zu bündeln – oder stehen Konkurrenzen und vielleicht auch persönlichen Animositäten dafür zu sehr im Wege?
Derartige Bestrebungen sind mir nicht bekannt. Punktuell gab es Berührung mit der Folkwang-Uni, etwa bei Projekten von Peter Herborn oder einer Zusammenarbeit des Essen Jazz Orchestra mit dem Posaunisten Robin Eubanks. Generell machen die hiesigen Jazzakteure, von der Philharmonie bis in die Stadtteile, jeweils ihr Ding. Zwischen JiE und der Philharmonie gab es immer eine gut funktionierende Abgleichung von Terminen, damit nicht in zwei verschiedenen Häusern der TuP am selben Abend Jazz auf dem Programm stand.
Veranstaltungsort ist seit 1992 das Grillo-Theater. Wie muss man sich die Kooperation mit einem städtischen Theater vorstellen?
Natürlich ist ein Theater zu allererst dafür da, Theater zu machen. Alles andere, wie Konzerte, muss sich darum herum ranken. Das macht die Terminierung oft nicht leicht und Kommunikation umso wichtiger. Als Externer (und Freiberufler) fühlt man sich mitunter einer unbeweglichen Behörde gegenüber. Alles steht und fällt mit dem Interesse der Intendanz. Seit 1992 hat die Leitung im Grillo mehrfach gewechselt. Es gab Intendanten, die ich nie gesehen habe, aber auch einen, der ausgesprochen jazzaffin war und aktiv geholfen hat, manches zu realisieren. Die Kooperation vor Ort, also mit Technik usw., war in aller Regel ausgesprochen gut und angenehm professionell.
Die Programme des JiE weisen ein Who Is Who des Jazz' auf. Wie ist es dir/euch gelungen, die großen Namen nach Essen zu holen?
Die großen Namen immer über Agenturen, weniger große mitunter durch direkten Kontakt mit den Bands.
Was waren für dich persönliche Highlights?
Art Ensemble of Chicago (1991), Jimmy Giuffre/Paul Bley/Steve Swallow (1993), Charles Lloyd (1994), Dave Holland Quintet (1999), e.s.t. (2001), Richard Galliano, „Piazzolla Forever" (2002), Ravi Coltrane (2012), Dave Douglas (2015), Nils Petter Molvær (2016), Émile Parisien (2020), Michel Portal (2022), Christian Brückner & Michael Wollny (2023)
Haben Jazz/improvisierte Musik in Essen und in der Region Zukunft – ohne JiE?
Ich glaube an das Potenzial von Projekten wie dem JOE-Festival, solange sie nicht irgendwann auch dem Rotstift zum Opfer fallen. Abgesehen von repräsentativen Häusern wie Konzerthaus Dortmund, Philharmonie Essen und Klavier-Festival Ruhr, die in unserem Genre aber nicht wirklich innovativ sind, und etablierten Locations wie dem Domicil verlegt sich der Jazz zunehmend auf kleinere Formate und zieht in die Stadtteilkultur (Katakomben, Alter Bhf. Kettwig, Schloss Borbeck, JuBB Werden usw.). Dort passiert Jazz auf völlig anderer Basis.
Wie begleitet dich Jazz weiter – oder umgekehrt?
Als Hörer, Konzertbesucher, Kolumnist einer Musikzeitschrift, Jurymitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik, Kursleiter an der VHS …
‚Jazz in Essen' verabschiedet sich am Sonntag, 17. Mai 2026, 20 Uhr, mit einem besonderen Finale: Der französische Top-Saxofonist und Filmkomponist Sylvain Rifflet huldigt dem Komponisten Louis Thomas Hardin alias „Moondog", der am 26. Mai seinen 110. Geburtstag feiern würde. Begleitet wird Rifflet bei seinem Auftritt in Essen von Hugues Mayot (Saxofon), Csaba Palotaï (Gitarre), Rembrandt Frerichs (Piano) und Benjamin Flament (Schlagzeug, Percussion).
