Bild für Beitrag: Zwischen Sinatra und dem Heute | Merle Kneissl denkt den Jazz neu
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Zwischen Sinatra und dem Heute

Merle Kneissl denkt den Jazz neu

Aachen, 10.06.2026
TEXT: Günter Reiners | 

Aus der frühen Faszination für Frank Sinatra und das Great American Songbook ist bei Merle Kneissl längst mehr geworden als nur eine musikalische Prägung: Mit 22 Jahren entwickelt sie einen Sound, der zwischen Stimme, Kontrabass und Komposition pendelt und Jazz nicht als Museum, sondern als lebendige Gegenwart begreift – direkt, neugierig und ohne nostalgischen Filter.

Merle Kneissl ist 22 Jahre alt und kommt aus Aachen. Sängerin, Komponistin, Kontrabassistin – drei Rollen, die bei ihr nicht nebeneinanderstehen, sondern ineinandergreifen und einen sehr eigenständigen Zugang zum Jazz formen. Ihr künstlerischer Weg ist geprägt von Bewegung: zwischen Klang und Struktur, Tradition und Gegenwart, Intuition und Analyse.

Ihre musikalische Ausbildung begann sie mit Schwerpunkt Gesang am Conservatorium in Maastricht. Dort schärfte sie nicht nur ihre stimmliche Technik, sondern begann, eine eigene künstlerische Identität im Jazz zu entwickeln. Seit September studiert sie im Doppelbachelor Komposition und Kontrabass und erweitert damit konsequent ihr musikalisches Feld – hin zu einer Perspektive, die Musik gleichermaßen denkt, spielt und gestaltet.

Besonders charakteristisch ist bei ihr die enge Verbindung von Stimme und Instrument. Der Gesang wirkt bei Merle Kneissl zugleich expressiv und kontrolliert nuanciert, der Kontrabass ist rhythmisch klar verankert und trägt ein starkes Gespür für Ensemble und Klangbalance. In ihren Kompositionen treffen diese Ebenen aufeinander: Jazztradition wird nicht zitiert, sondern weitergeführt – verbunden mit einer zeitgenössischen Sprache und einem sehr persönlichen Blick auf ihre eigene Generation.

Was hat dich ursprünglich zum Jazz gebracht – und was fasziniert dich bis heute daran?

Ich habe mich als Teenager in das Weihnachtsalbum von Frank Sinatra verliebt und bin von dort aus ins Great American Songbook eingetaucht. Heute fasziniert mich vor allem diese gemeinsame Sprache im Jazz: dass man mit Menschen, die man vorher nie getroffen hat, ohne Worte in eine tiefe Verbindung kommen kann. Musik wird dann zu einem Raum für Geschichten, Freiheit und manchmal einfach auch dafür, Menschen zum Lächeln zu bringen.

Welche Musikerinnen oder Musiker haben dich besonders geprägt?

Ich liebe Frank-Sinatra-Aufnahmen mit großem Orchester genauso wie die Quartettaufnahmen von Chet Baker oder Duo-Recordings von Anita O’Day. Auch Big-Band-Platten mit Ella Fitzgerald haben mich stark geprägt. Ich fühle mich sehr mit diesen traditionelleren Klängen verbunden und habe großen Respekt davor, dass diese Songs seit den 30er- und 40er-Jahren immer wieder neu interpretiert und weitergetragen werden.

Was ist das Besondere an dem Jazz-Workshop, den du am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hürth leitest?

Am ASG arbeite ich mit einer sehr gemischten Gruppe von Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Hintergründen. Manche spielen seit Jahren mehrere Instrumente oder singen im Chor, andere kommen ganz neu dazu und machen hier ihre ersten Erfahrungen mit aktiver Musik. Es ist total schön zu sehen, wie die Gruppe zusammenwächst, Selbstvertrauen entwickelt und gemeinsam klingt. Am Ende soll es keine Rolle mehr spielen, wer welchen Hintergrund mitbringt – sondern nur noch, dass wir gemeinsam Musik machen.

Wie schaffst du es, Schülerinnen und Schüler für Jazz zu begeistern, die wenig Berührung damit haben?

Jazz ist ja eigentlich die Grundlage für so viele moderne Musikstile, die sie sowieso hören. Deshalb geht es mir weniger darum, ihnen etwas völlig Fremdes zu zeigen, sondern eher darum, Verbindungen sichtbar zu machen. Ich arbeite viel mit Songs, die sie kennen, und führe spielerisch an Improvisation heran.

Welche musikalischen Projekte hast du in den letzten Jahren umgesetzt?

In meinem Projekt „In my 20s and in Love“ spiele ich bewusst mit einem stilistischen Bruch: Melodien und Harmonien, die aus dem Great American Songbook stammen könnten, treffen auf Texte aus meinem Leben als Anfang-20-Jährige heute. Dieser Gegensatz fühlt sich für mich aber gar nicht wie ein Bruch an – ich liebe die Tradition des Jazz und schreibe gleichzeitig aus meiner ganz eigenen Gegenwart heraus.

Wie haben sich deine musikalischen Schwerpunkte in den letzten Jahren verändert?

Ich habe mich im letzten Jahr Hals über Kopf in den Kontrabass verliebt. Das hat meine Perspektive als Musikerin komplett erweitert und mir den Instrumental-Jazz viel nähergebracht. Besonders das gleichzeitige Singen und Bassspielen ist für mich eine ganz neue Form von Freiheit geworden.

Wie würdest du die Rolle der Frau im Jazz früher beschreiben?

Der Platz für Frauen im Jazz war lange stark eingeschränkt. Sängerinnen galten oft als Norm, Instrumentalistinnen eher als Ausnahme. Der Beitrag von Frauen zur Jazzgeschichte ist deutlich unterrepräsentiert – nicht nur wegen struktureller Barrieren, sondern auch, weil viele Biografien später kaum erzählt oder sichtbar gemacht wurden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Jazzmusikerinnen heute noch?

Es hat sich einiges bewegt, und Frauen am Instrument werden sichtbarer. Trotzdem gibt es weiterhin eine deutliche Ungleichheit. Das Klischee der Sängerin als einzige Frau in der Band ist zwar weniger dominant, aber noch nicht verschwunden. Dazu kommen Vorurteile, die viele Musikerinnen unabhängig von ihrer Rolle betreffen. Oft müssen Frauen im Jazz immer noch mehr leisten, um ernst genommen zu werden. Und auch in der Jazzgeschichtsschreibung fehlen nach wie vor viele selbstverständliche weibliche Perspektiven.

Welche Jazzmusikerinnen inspirieren dich persönlich?

Es gibt so viele: Nina Simone, Esperanza Spalding, Caity Gyorgy, Ella Fitzgerald, Carmen McRae, Nicki Parrot, Maria Schneider, Hazel Scott, Mary Lou Williams, Samantha Joy, Billie Holiday – die Liste könnte endlos weitergehen.

An welchen neuen Projekten arbeitest du gerade?

Ich arbeite gerade an zwei Herzensprojekten. Zusammen mit der Montreux-Voice-Competition-Gewinnerin Sabine Kühlich entwickle ich ein Programm über die Heldinnen des Jazz und starke Frauenstimmen. Außerdem wächst mein Projekt „In my 20s and in Love“ weiter: Neben Gesang und Rhythm Section schreibe ich inzwischen auch für ein Bläserquartett. Das eröffnet nochmal ganz neue Klangfarben, in denen ich mich gerade sehr wohlfühle.

Gibt es musikalische Ideen, die du in Zukunft unbedingt umsetzen möchtest?

Ein großer Traum ist es, ein eigenes Programm mit Big Band auf die Bühne zu bringen. Diese großen Klangkörper haben mich schon mit 16 fasziniert – und es wäre etwas Besonderes, diesen Kreis irgendwann zu schließen.

Wir danken dir für das Gespräch, Merle.

 

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