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Gegen das Verschwinden

Wie Förderpolitik, Algorithmen und Erschöpfung die Kultur ersticken

Marl, 12.01.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

2024 war das Jahr, in dem die Risse nicht mehr zu übersehen waren. Festivals wurden abgewickelt, Clubs stehen vor der Pleite, und Förderzusagen lösten sich in Luft auf. Was wie eine Häufung unglücklicher Einzelfälle aussieht, ist keiner – denn die Bedrohung der Kultur ist systemischer Natur. Ein Rückblick und eine Bestandsaufnahme.

Die freie Szene ist das schwächste Glied und das erste, das reißt. Aber manchmal, wenn man genau hinhört, hört man sie noch: die Musik, die nicht verstummen will. Nur hingehen muss man, und zwar selber – gegen den Algorithmus, gegen die Müdigkeit, gegen das Verschwinden.

Es wäre einfach, einen Schuldigen zu benennen: die Kommunalpolitik, die Algorithmen, die erschöpfte Gesellschaft. Aber was wir erleben, ist kein Unfall und keine Verschwörung. Es ist ein System, das Kultur von mehreren Seiten gleichzeitig austrocknet – durch föderale Verantwortungsdiffusion, durch bildungspolitisches Versagen, durch ökonomische Prekarisierung, durch mediale Unsichtbarkeit. Die Zerstörung kommt nicht aus dem Nichts. Sie kommt aus Beschlussvorlagen, aus Haushaltsdebatten, aus dem stillen Einverständnis, dass Kultur verzichtbar sei.

Die Beiläufigkeit

Es ist ja nicht so, dass sie es nicht wüssten – die Oberbürgermeister, die Kulturdezernenten, die Kämmerer mit ihren Excel-Tabellen. Sie alle wissen, dass Kultur kein Luxus ist, sondern das, was eine Gesellschaft von einem Haufen zufällig am selben Ort lebender Menschen unterscheidet. Sie sagen es selbst, auf Empfängen, in Grußworten, vor Kameras. Dann gehen sie zurück in ihre Büros und streichen die Mittel. Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Brutalität, sondern die Beiläufigkeit. Die Abwicklung der Kultur vollzieht sich nicht als Kulturkampf, sondern als buchhalterische Selbstverständlichkeit.

Eine Kulturdezernentin, für die John Coltrane ein Sportler sein könnte, verteilt Fördermittel nach Bauchgefühl. Das Problem ist nicht Böswilligkeit, sondern Ahnungslosigkeit – gepaart mit der Gewissheit, dass diese Ahnungslosigkeit hier keine Konsequenzen hat. Niemand würde einen Gesundheitsdezernenten akzeptieren, der Virus und Bakterium nicht unterscheiden kann. Aber Kulturpolitiker dürfen musikfern, kunstblind und literaturvergessen sein, solange sie Haushaltspläne lesen können.

Die große Zermürbung

Aber die Politiker sind nur ein Symptom. Die eigentliche Krankheit sitzt tiefer, in einer Gesellschaft, die nach zehn Stunden Lohnarbeit und Pendelzeit keine Herausforderung mehr will, sondern Betäubung. Netflix, Spotify und TikTok liefern sie frei Haus. Die Algorithmen wissen, was wir wollen, bevor wir es selbst wissen, und sie füttern uns mit dem, was nicht anstrengt. Das totalitäre Monster, das sich Mainstream nennt, braucht keine Zensur – es braucht nur Reichweite. Was nicht geklickt wird, existiert nicht. Die Diktatur der Quote ist effektiver als jede Bücherverbrennung, weil sie das Unerwünschte einfach unsichtbar werden lässt.

Die Mechanik des Verrats

Essen, Juli 2024: Oberbürgermeister Thomas Kufen verkündet, die Kulturförderung solle verdoppelt werden, bis 2030, auf eine Million Euro. Essen, Dezember 2024: Von 468.000 beantragten Euro werden 100.000 bewilligt. Über fünfzig Antragsteller gehen leer aus. Die Ersparnis beträgt 0,1 Prozent des städtischen Defizits. Der Oberbürgermeister verspricht im Sommer, der Kämmerer kassiert im Winter. Und dazwischen? Nichts, kein Aufschrei, keine Konsequenz. Die Zeche Carl fasst zweihundert Leute. Essen hat 590.000 Einwohner. Der Rest scrollt durch Instagram.

Die Verantwortungsdiffusion

Das Perfide am deutschen Kulturföderalismus ist seine eingebaute Unzuständigkeit. Die Kommune sagt, der Bund müsse helfen. Das Land sagt, die Kommunen müssten ihren Teil tragen. Der Bund sagt, er sei nur subsidiär zuständig. Während alle auf alle anderen zeigen, stirbt unten die Kultur. Der Bundeskulturfonds wurde von 32 auf 18 Millionen gekürzt – ein Minus von 46 Prozent. Das Land NRW hat seine Kürzungen nach Protesten zurückgenommen, aber erst nach einer Kürzung von 5,5 Millionen im Vorjahr. Niemand fühlt sich zuständig, und alle fühlen sich im Recht.

Die Bilanz des Jahres

Köln hat 2024 geschafft, was dem Zweiten Weltkrieg nicht gelang: die systematische Zerstörung von Brücken. Das Acht Brücken Festival wurde liquidiert – nicht pausiert, nicht reformiert, sondern liquidiert. Ein Festival, das für jeden städtischen Euro zwei weitere akquirierte, ist Geschichte. Während ihm 450.000 Euro gestrichen werden, obwohl diese bis 2027 zugesagt waren, versenkt dieselbe Stadt 1,5 Milliarden im Sanierungsdrama der Oper. Ursprünglich veranschlagt waren 253 Millionen.

Jazz in Essen, gegründet 1984 und über Jahrzehnte eine Institution: Jack DeJohnette spielte hier, Esbjörn Svensson, Ron Carter. Ende 2025 ist Schluss, und der Jazz Pott wurde zum letzten Mal überreicht. Bei der Monheim Triennale soll der Intendant abberufen werden, obwohl sein Vertrag bis 2029 läuft. Bei einem Konzert herrschte Stille an den Stellen, an denen Musik erklingen sollte – internationaler Protest durch Nicht-Spielen. Die offizielle Begründung lautet: die Finanzlage. Dieselbe Stadt protzt zeitgleich mit Millionen-Bauprojekten.

Der Bunker Ulmenwall in Bielefeld, einer der ältesten Jazzclubs Deutschlands, steht kurz vor der Pleite, wie die Betreiber selbst sagen. Crowdfunding soll retten, was die öffentliche Hand fallen lässt.

Das New Colours Festival Gelsenkirchen stellte seinen Antrag auf Förderung im Oktober und erhielt die Absage im Mai. Ein Viertel des Budgets war plötzlich weg. Und Odyssee – Musik der Metropolen? 27 Jahre lang tourte das Festival durch Bochum, Mülheim, Recklinghausen und Hagen. Gerade in Zeiten erstarkender AfD-Wählerschaft war es ein kostbares Ereignis. Im Sommer 2025 lief es zum letzten Mal. Es verschlang keine Millionenbeträge und hatte keine Lobby – nur Musik, nur Begegnung. Der Aufbau solcher Strukturen dauert Jahrzehnte. Die Zerstörung eine einzige Saison.

Die Bildungslücke

Die Politiker, die heute Kulturetats streichen, haben vor zwanzig Jahren den Musikunterricht gestrichen. Sie haben eine Generation herangezogen, die nicht weiß, was ihr fehlt. Wer nie ein Instrument gespielt hat, wird nicht verstehen, warum Musikschulen wichtig sind. Und wer Stockhausen für eine Biermarke hält, wird nicht begreifen, warum ein Festival für Neue Musik mehr ist als Lärm für Eingeweihte.

Der Rundfunk

Früher gab es eine Institution gegen die Verblödung, und sie hieß öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Seit 2024 ist der Reformstaatsvertrag aktiv. Spartenkanäle wurden halbiert, zwanzig Hörfunkwellen gestrichen. Kulturwelt, Nachtstudio, Border Music, Jazz und Politik – alles abgewickelt. 43 Prozent der Jazzmusiker sind betroffen, allein weil sich das Airplay in GEMA-Einnahmen niederschlägt.

Die Unsichtbaren

68 Prozent der Musiker verdienen weniger als einen Euro pro Jahr durch Streaming. 75 Prozent der Umsätze entfallen auf 0,1 Prozent der Künstler. Die Aktivrente gilt nur für Angestellte, und Selbständige – also praktisch alle freischaffenden Musiker – gehen leer aus.

„Ich habe gestern von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr morgens nur organisiert", erzählt ein Musiker. „Auto mieten, Hotelzimmer buchen, alles ausrechnen. Das Management ist die Hauptsache, die Musik läuft nebenbei." So viel ist hör-, sicht- und spürbar: Die Selbstverwaltung der Prekarität frisst die Zeit, die für das Eigentliche gedacht war.

Die fröhliche Verdrängung

Bremen, April 2025: die jazzahead!, Europas größte Jazzmesse. Fragt man die Teilnehmer nach der Stimmung, heißt es: positiv, Aufbruch, Zuversicht. Fragt man genauer, offenbart sich eine „fast schon verdrängende positive Grundstimmung". Die Festivalschließungen, die Förderkürzungen? Man spricht nicht darüber, jedenfalls nicht laut.

Die Verdrängung hat System. Wer Bookings braucht, muss optimistisch wirken, also lächelt man, tauscht Visitenkarten und tut so, als wäre alles in Ordnung. Man nennt das Resilienz. Man könnte es auch Selbstbetrug nennen.

Die Unbeugsamen

Und doch: Es gibt sie noch, die Idealisten in den Kulturausschüssen, die wissen, wer Karlheinz Stockhausen war – und auch seinen Sohn Markus kennen, den Trompeter, der mit dem verstorbenen Vater noch gemeinsam auftrat. Es gibt einzelne Lokalpolitiker, die seit Jahrzehnten für ihre Spielstätte kämpfen, oft auf verlorenem Posten.

Und es gibt die anderen Unbeugsamen: die Volunteers, die sich auf den Festivals den Arsch aufreißen. Pussy Riot im domicil Dortmund, und ihre Botschaft hallt nach: „Freiheit gibt es nur so lange, wie man für Freiheit kämpft." The Dorf in Residenz – Suppe kochen, Sessions spielen, Abwasch machen, und der Bandleader hilft beim Spülen. Das Peng Festival: zehn Jahre, vier Kuratorinnen, keine Institution im Rücken. Die Night of Surprise in Köln: 22 Konzerte, freier Eintritt. Die Macher, die das Platzhirsch Festival ohne Förderung haben wiederauferstehen lassen.

Eva Klesse bringt es auf den Punkt: „Die Zeiten sind zu wild, als dass wir unpolitisch sein können." Das Fuchsthone Orchestra unter Christina Fuchs und Caroline Thon macht Musik über Krieg und Kapital, die erschüttert.

Trotzdem

„Warum machen wir das eigentlich noch?" Die Frage steht am Ende fast jeden Gesprächs mit Kulturschaffenden. 32 verkaufte Tickets für ein internationales Jazzkonzert in einer Großstadt – das ist die Realität. Aber es sind auch 32 Menschen, die gekommen sind, die etwas gehört haben, das es anderswo nicht gibt. Sie haben sich dem Algorithmus entzogen und wissen noch, was der Unterschied ist zwischen Content und Kunst.

Auf dem Moers-Festival stand ein Mahnmal mit den Namen verschwundener Veranstaltungen darauf – ein Friedhof der Kulturgeschichte. Das Mahnmal wird größer werden, Jahr für Jahr.

Die freie Szene ist das schwächste Glied und das erste, das reißt. Aber manchmal, wenn man genau hinhört, hört man sie noch: die Musik, die nicht verstummen will. Nur hingehen muss man, und zwar selber – gegen den Algorithmus, gegen die Müdigkeit, gegen das Verschwinden.



 

Quellen

Bundesebene / Kulturförderung

Bündnis Internationaler Produktionshäuser:

  • taz: „Die Absage an die Kunst", 25.11.2025 – Streichung der Bündnismittel 2026
  • nachtkritik.de: „Produktionshäuser ohne Bündnisgelder", 20.11.2025
  • Fonds Darstellende Künste: Stellungnahme zu Kürzungen im Bundeshaushalt 2025

Bundeskulturfonds:

  • Fonds Darstellende Künste: Stellungnahme zu Kürzungen – 32 auf 18 Mio. Euro (-46%)
  • Jazz thing: „Bundeskulturfonds drastisch gekürzt", 30.07.2024
  • Deutscher Musikrat: Stellungnahme vom 02.09.2024

Köln

Acht Brücken Festival:

  • Die Deutsche Bühne: „Vor dem Aus: Acht Brücken Festival Köln", 16.05.2025 – 450.000 Euro Zuschuss gestrichen
  • MIZ: „Stadt Köln stellt Förderung des Festivals ACHT BRÜCKEN ein", 14.02.2025
  • VAN Magazin: „Was weg ist, ist weg", 22.11.2024
  • achtbruecken.de: Offizielle Stellungnahme zum Ratsbeschluss vom 13.02.2025

Kölner Oper Sanierung:

  • Bund der Steuerzahler: „Tragödie Sanierung Kölner Oper" – Baukosten 798 Mio. Euro, Gesamtkosten ca. 1,5 Mrd. Euro (ursprünglich veranschlagt: 253 Mio. Euro)
  • t-online.de: „Kein Ende in Sicht: Kosten der Kölner Opernsanierung steigen auf 1,5 Milliarden Euro", 12.09.2024
  • Wikipedia: Oper Köln – Chronologie der Kostensteigerungen

Essen

Kulturförderung Essen:

  • Diverse Berichte über OB Kufen-Ankündigung Juli 2024 (Verdopplung auf 1 Mio. bis 2030)
  • Haushaltsbeschluss Dezember 2024: 100.000 statt 468.000 Euro bewilligt

NRW Regional

Jazz in Essen:

  • Ende des Festivals nach 41 Jahren (gegründet 1984), letzter Jazz Pott 2025

Monheim Triennale:

  • Abberufung des Intendanten Reiner Michalke, Vertrag bis 2029
  • Protest durch Nicht-Spielen bei Konzerten

Bunker Ulmenwall Bielefeld:

  • Crowdfunding-Kampagne wegen drohender Pleite

New Colours Festival Gelsenkirchen:

  • Antrag Oktober, Absage Mai, 25% Budgetkürzung

Odyssee – Musik der Metropolen:

  • Veranstaltergemeinschaft (Bahnhof Langendreer, Ringlokschuppen Ruhr, Pelmke, Altstadtschmiede): Pressemitteilung zum Festivalende nach 27 Jahren
  • rvr.ruhr: „Letzte Ausgabe des Roadfestivals Odyssee"
  • Radio Hagen: „Aus für Odyssee: Musik der Metropolen"
  • Begründung: „finanzielle Situation in Land und Kommunen"

ÖRR-Reform

Deutsche Jazzunion:

  • MIZ: „Deutsche Jazzunion kritisiert reduzierte Sichtbarkeit des Jazz nach der Rundfunkreform", 25.09.2025 – 43,4% der befragten Mitglieder direkt betroffen
  • Backstage PRO: „Deutsche Jazzunion fordert mehr Sichtbarkeit für Jazz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk", 29.09.2025
  • Politik & Kultur: Stellungnahme der Deutschen Jazzunion zur Rundfunkreform, 03.12.2024
  • deutsche-jazzunion.de: Kampagne „Kein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ohne Jazz!"

Streaming / Musikwirtschaft

Studie „Vergütung im deutschen Markt für Musikstreaming":

  • Forschungsnetzwerk Digitale Kultur (Europa-Universität Viadrina / Universität Halle), gefördert durch BKM
  • ZDF: „Musikstreaming: Viel Profit für einige wenige", 11.02.2025
  • Bonedo: „Deutschland: Zwei Drittel aller Kunstschaffenden verdienen weniger als einen Euro mit Streaming", 25.02.2025
  • Berliner Zeitung: „Neue Studie: 68 Prozent der Musik-Acts erzielen mit Streaming weniger als einen Euro Umsatz im Jahr", 12.02.2025
  • Kerndaten: 68% der Künstler < 1 Euro/Jahr; 75% der Umsätze auf 0,1% der Künstler

Aufmerksamkeitsspanne

Microsoft Canada Studie (2015):

  • Aufmerksamkeitsspanne: 12 Sekunden (2000) → 8 Sekunden (2013)
  • Kritische Einordnung: WebCampus, OnlineMarketing.de – Methodik und Goldfisch-Vergleich wissenschaftlich umstritten

Weitere Quellen

  • NRWJazz.net: Diverse Berichte und Interviews (Stefan Pieper u.a.)
  • domicil Dortmund: Spielstätte des Jahres
  • Peng Festival: 10 Jahre, vier Kuratorinnen
  • Night of Surprise Köln: 22 Konzerte, freier Eintritt (Stefan Pieper, Oktober 2025)
  • Eva Klesse: Interview zur politischen Haltung
  • Fuchsthone Orchestra: Konzertberichte

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