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Ein Klang von Würde und Selbstbestimmung

Farewell Abdullah Ibrahim

München, 17.06.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Peter Rauch

Sein Klavierspiel war vor allem eine humanistische Haltung – eine leise Verteidigung der Menschenwürde. Ein einzelner Akkord, lange ausgehalten, bis der ganze Saal zu schwingen begann – und ringsum nichts als Raum, Stille, Atem. So klang Abdullah Ibrahim, der nicht die Noten suchte, sondern den Raum dazwischen. Nun ist dieser Raum verstummt: Der südafrikanische Jazzpianist und Komponist ist am Montag im Alter von 91 Jahren in Deutschland gestorben, nach kurzer Krankheit, in seiner oberbayerischen Wahlheimat. Erst Ende März, beim Jazzfestival seiner Geburtsstadt Kapstadt, saß er ein letztes Mal öffentlich am Flügel.

Wer ihm zuhörte, begriff schnell: Hier herrschte die Kunst der Geduld. Ibrahim wartete, wo andere brillierten, und vertraute der Klarheit einer einzelnen Linie, wo andere Kaskaden schütteten. Aus diesem Weglassen erwuchs eine Wucht, die nie nach Effekt schielte, sondern nach Verdichtung. Musik, die nicht laut werden musste, um gehört zu werden.

Geboren wurde dieser Klangpoet 1934 in Kapstadt, als Adolph Johannes Brand, im quirligen Stadtteil District Six, den das Apartheidregime später dem Erdboden gleichmachte. Was um ihn herum klang, sog er auf wie ein Schwamm: Kirchenhymnen, Gospel, das Pulsieren der Townships, amerikanischer Jazz von den Platten der Matrosen. Als Dollar Brand wurde er Ende der 1950er mit den Jazz Epistles bekannt, der ersten großen schwarzen Jazzband des Landes. 1962 kehrte er Südafrika den Rücken – im selben Jahr, in dem man Nelson Mandela hinter Gitter brachte. In einem Zürcher Klub hörte ihn Duke Ellington, war elektrisiert und holte ihn ins Studio. 1968 konvertierte Dollar Brand zum Islam und wurde, der er fortan blieb: Abdullah Ibrahim.

Er demonstrierte nie, sondern erzählte

Seine Musik agitierte selten – und war doch zutiefst politisch. Sie hielt der Apartheid etwas Unzerstörbares entgegen: Würde, Selbstbestimmung, einen Klang von innen. Als Nelson Mandela 1990 die Freiheit zurückerhielt, rief er Ibrahim heim. Bei seiner Amtseinführung 1994 saß der Pianist am Flügel. „Mozart Südafrikas" hat Mandela ihn genannt. In keine Schublade ließ er sich je sperren: afrikanische Melodik, amerikanischer Jazz, spirituelle Formen und europäische Harmonik verwoben sich zu einer Sprache, die nur ihm gehörte. Sein Spiel wurde mit den Jahren immer karger, essenzieller. „Solotude" (2021), eingespielt in der Stille der Pandemie, ist Spätstil in Reinform – ein Mann, sein Flügel, kein Ton zu viel. Und „3" (2024), sein letztes Album, ein zartes Trio-Konzert aus der Londoner Barbican Hall, klingt fast wie ein winkender Abschied: kurze Stücke, hymnische Motive, ringsum viel Raum. Ibrahim demonstrierte nie. Ibrahim erzählte. Und er hatte, wie nur wenige, den Mut zur Stille.

Auch in NRW war dieser leise Gigant mehrfach zu Gast – unter anderem im Jahr 2005 beim Klavier-Festival Ruhr, einem der wichtigsten Klavierfestivals Europas. Sein Auftritt fiel in jene Phase, in der das Festival seine Türen verstärkt auch zum Jazz öffnete: Der Flügel galt nicht länger als Reservat der Klassik, sondern als globales Medium, dem die Improvisation ebenso zu eigen ist.

Was von Abdullah Ibrahims Ausstrahlung bleibt, ist eine Musik der inneren Sammlung. Eine Kunst, die das Schweigen nicht fürchtete, sondern bewohnte. Und die Gewissheit, dass die leisesten Töne manchmal am weitesten tragen – über alle Grenzen, über jeden Lärm hinweg.

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