„Dieselben Fragen wie vor dreitausend Jahren"
Mehmet Ali Sanlıkol baut kulturelle Brücken
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle: Agentur no-te
Ein neues Video dokumentiert den symbolträchtigen Auftritt des türkisch-amerikanischen Multiinstrumentalisten Mehmet Ali Sanlıkol in Rotterdam. Es wirkt wie eine Einladung, die Entwicklung dieses echten Welt-Musikers weiterzuverfolgen.
Mehmet Ali Sanlıkol schickt Mikrotöne durch die Big Band, holt die Janitscharenkapelle in den Jazz und baut nebenbei die Klaviatur um. Ein Musiker, der Gräben zuschüttet, während andere sie ausheben. „Ich mache mir keine Illusionen, mit einem Konzert die Welt zu verändern. Aber wenn fünf Menschen in den vorderen Reihen wirklich zuhören, ist etwas geschehen. Die Menschheit neigt dazu, ihren Fortschritt zu überschätzen. Wir debattieren immer noch dieselben Fragen wie vor dreitausend Jahren. Vielleicht ist Musik eine der wenigen ehrlichen Arten, sich ihnen zu nähern."
Das sagte Mehmet Ali Sanlıkol im Gespräch nach seinem Auftritt beim Konzert „Soul of the Silk Road" am 28. Februar im Rotterdamer De Doelen. Nun ist ein Videoclip dieses Abends erschienen. Die Aufnahme zeigt, was Sanlıkol meint: Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen müssen sich nicht erst auf eine gemeinsame Sprache einigen. Sie können einfach miteinander spielen. Und einander zuhören.
Ein niederländisches Orchester, ein Dirigent aus Istanbul, ein Komponist, der zwischen Istanbul und Boston lebt und denkt. Dazu ein Publikum, das sich auf Musik jenseits vertrauter Kategorien einlässt. Und das ausgerechnet in Rotterdam, der Hafenstadt, in der seit Jahrhunderten Schiffe, Waren und Lebensgeschichten aus aller Welt anlegen. Draußen läuft derweil das beängstigende Gegenprogramm. Menschen werden wieder nach Herkunft, Religion und Pass sortiert, politische Kräfte verkaufen Abgrenzung als Lösung und Misstrauen als gesunden Menschenverstand. Sanlıkol antwortet darauf nicht mit einem Manifest. Er macht Musik. Das ist die leisere Antwort, aber sie hallt länger nach.
Improvisieren heißt, sich nicht hinter Gewissheiten zu verschanzen
Am Anfang steht der Jazz. Sanlıkol kam 1993 als Stipendiat nach Boston und studierte am Berklee College of Music. Dort lernte er mehr als Akkordskalen und Voicings. Er lernte eine Haltung: zuhören, reagieren, Risiken eingehen. Wer improvisiert, kann sich nicht hinter Gewissheiten verschanzen. Er muss offen bleiben für das, was der andere spielt. Diese Haltung trägt ihn bis heute. Seine jüngste Veröffentlichung, The Electric Oud Man Speaks and You Listen…, treibt sie weiter. Das im Februar 2026 erschienene Album verbindet türkische Oud-Tradition, elektrische Verstärkung und zeitgenössischen Jazz. Sanlıkol spielt darauf eine elektrische Oud, die eigens für ihn entwickelt wurde. Sie ist kein Orientkolorit für die Plattenhülle, sondern ein eigenständiges Instrument für Klangsuche und Improvisation. Die alte Kurzhalslaute spricht hier mit einer Stimme von heute. Das Album fragt, was geschieht, wenn man die Grenzen einer musikalischen Sprache verschiebt.
Dieselbe Frage stellt sein SANLIKOL Renaissance 17, ein digitales Keyboard mit 17 statt zwölf Tasten pro Oktave. Es schafft Raum für die feinen Intervalle des türkischen Makam, für jene Töne, die bisher zwischen den Tasten verloren gingen. Die vermeintlich selbstverständliche westliche Klaviatur entpuppt sich dabei als das, was sie ist: eine historische Konvention. Auch Europa kannte einmal mehr Töne. Die Idee zu seinem Instrument kam Sanlıkol, als ihm in Boston Stimmungen aus Renaissance und Frühbarock vorgeführt wurden und er von Tasteninstrumenten mit geteilten Tasten erfuhr. Er reißt die Klaviatur also nicht ein. Er baut sie weiter.
Becken aus Istanbul
Auch Echoes from a Forgotten Past spannt einen Bogen über Jahrhunderte und Kontinente. Das 21-minütige Werk lässt osmanische Militärmusik auf ein modernes Jazzorchester treffen. Sanlıkol spielt die Zurna, jene Doppelrohrblattpfeife, die sich durch jede Blechwand schneidet. Am Schlagzeug sitzt Antonio Sánchez. Gewidmet ist das Stück der Familie Zildjian, deren Geschichte von den osmanischen Mehter-Kapellen bis tief in die amerikanische Jazzgeschichte reicht. Die Becken aus Istanbul wurden zum prägenden Bestandteil des Jazz-Schlagzeugklangs. Man stelle sich den Swing ohne dieses Schimmern vor, ohne das Zischen der Hi-Hat, ohne das Wogen des Ride-Beckens. Er wäre ein anderer. So viel zur Reinheit nationaler Kulturen. Sanlıkol erzählt diese Geschichte nicht als Fußnote. Er macht daraus neue Musik. Am 19. Februar 2027 bringt das Türkische Präsidentschafts-Sinfonieorchester in Ankara ein neues Orchesterwerk von Sanlıkol zur Uraufführung. Am 26. Mai 2027 folgt in Chicago ein Streichquartett für das Borromeo String Quartet. Der Schreibtisch ist voll, die Fristen drängen. Das alles ist keine Weltrettung. Aber vielleicht eine ziemlich gute Übung dafür.







