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Im Wohnzimmer der freien Szene

Interview mit Reiner Skubowius

Bochum, 25.08.2026
TEXT: Heinz Schlinkert | FOTO: Reiner Skubowius, Mechthild Demmerling

Seit 1988 ist der Bochumer Kulturrat e. V. ein fester Ankerpunkt der Bochumer Kulturlandschaft. Im Magazingebäude auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe verbindet das soziokulturelle Zentrum Konzerte, Lesungen und Ausstellungen mit kultureller Bildung und gesellschaftlichem Engagement. Toleranz, kulturelle Verständigung und der Einsatz gegen Rassismus gehören ebenso zum Selbstverständnis des Hauses wie ein vielseitiges, weltoffenes Programm in persönlicher Atmosphäre. Jazz ist dabei seit den Anfängen eine der tragenden Säulen.

Reiner Skubowius kennt den Kulturrat seit 1990 und ist heute unter anderem für Booking, PR sowie die technische Betreuung der Veranstaltungen zuständig. Im Gespräch mit nrwjazz erzählt er, wie sich der Kulturrat über fast vier Jahrzehnte entwickelt hat, welche Herausforderungen einen kleinen Kulturveranstalter heute erwarten, was den Jazz im Ruhrgebiet auszeichnet und welche Konzerte ihm besonders in Erinnerung geblieben sind.

Hallo Reiner, wie und wann hast Du im Kulturrat angefangen? Was sind Deine Aufgaben?

Den Kulturrat kenne ich bereits seit dem zweiten Jahr nach seiner Gründung, das war 1990 und ich habe in der Zeit eine eigene kleine Kulturzeitung herausgebracht. Der Kulturrat war einer der beliebten Auslegeorte. Ab und an habe ich dann mal am Tresen ausgeholfen und alles kennen gelernt. Ab 2010 habe ich stundenweise regelmäßig im Kulturrat mitgeholfen, und da mein zweites Standbein Graphik-Design ist, übernahm ich zusätzlich die Gestaltung von Flyern und Plakaten. Ab 2013 bin ich als den damaligen Vorstand unterstützenden Geschäftsführer offiziell und mit einer ‘Dreiviertelstelle‘ eingestiegen. 
Aktuell bin ich im Kulturrat fürs Booking zuständig, koordiniere interne Termine und betreue im Bereich PR Anzeigenschaltung und Homepage. Nach und nach habe ich dann auch das Ton- und Lichtpult bei Veranstaltungen übernommen, was ich mir im ‘learning-by-doing‘-Verfahren erarbeitete. Layoutarbeiten übernehme ich gerne auch weiterhin. 

Welche Rolle spielt Jazz im Programm des Kulturrats?

Jazz ist neben Folk, Klezmer, Blues, Weltmusik und Lied von Anfang an eine der Hauptsäulen im Kulturrat. Das geht von Bebop bis Gypsyswing, von der Trioformation bis zum Orchester. Es gibt Bands, die von Anfang an dabei sind und schon ihr ‘Silberjubiläum‘ bei uns feiern konnten, jedes Jahr kommen aber neue Künstler°innen dazu. Der Kulturrat wird derzeit auch wieder stark gerade von Jazzbands entdeckt, es gibt sehr viele Anfragen! 
Schwierig wird es, wenn – als Beispiel – ein Quartett aus Leipzig mit Hotelübernachtung anfragt, die im Ruhrgebiet aber niemand kennt. Ich freue mich selbstverständlich über den Aufmerksamkeitswert, den der Kulturrat in der Szene anscheinend hat, aber zusammen mit Gema, KSK und anderen Verbindlichkeiten übersteigt das dann schlicht und einfach unsere Möglichkeiten. Daher orientieren wir uns lieber lokal und regional. Das Ruhrgebiet ist zum Glück Schmelztiegel verdammt guter Musiker°innen.

Wonach stellst du das Programm des Kulturrats zusammen?

Wir bieten rund 75+ Veranstaltungen im Jahr an, davon sind 80% Konzerte. Daneben gibt es noch Vorträge, Kunstausstellungen, manchmal Theater und Lesungen etc. – wir versuchen also, ein breites Kultur-Spektrum abzubilden (mit Ausnahmen wie z. B. Schlager oder Volksmusik), und so jedes Wochenende für Abwechslung und Vielfalt zu sorgen. Das Stamm-Publikum soll genauso zufrieden sein wie neue Gäste, die uns erst noch entdecken. 
Und natürlich stehen wir auch für eine bestimmte Grundhaltung, die zum einen in der Satzung des Vereins verankert ist, und die wir zum anderen mit unserem Angebot zum Ausdruck bringen wollen. Wir vertreten demokratische Werte, Begriffe wie Vielfalt, Respekt, (Meinungs-)Freiheit. Seit 26 Jahren bieten wir im November mit unseren ‘Anne Frank Kulturwochen gegen Gewalt und Rassismus‘ ein Schwerpunktprogramm zu Antiziganismus und Antisemitismus. Als soziokulturelles Zentrum formulieren wir mit dieser Reihe unser Selbstverständnis, sie ist unser nach außen gezeigtes gesellschaftspolitisches Statement. Das ist auch bei der Stadt Bochum anerkannt, die uns, als gut vernetzter Bestandteil der ‘Freien Szene‘ in Bochum, über das Kulturbüro unterstützt. 

Welche Konzerte hast du als 'legendär' besonders in der Erinnerung?

Da bin ich sofort bei ‘Lulo Reinhardt meets India‘. Er hatte sich auf die Suche nach den Wurzeln seiner Musik gemacht, ist dabei in Indien fündig geworden, hat mit heimischen Musikers gejammt, neue Musik entwickelt, traditionelle Instrumente und den modernen Gypsystil gemischt und kam mit diesem Projekt zum 30. Geburtstag des Bochumer Kulturrat 2018 auch zu uns. Es war grandios! 
Ebenfalls aus diesem Genre: bei unserem 2. Gypsyfestival ein Jahr zuvor konnten wir – nach vielen Telefonaten und Mails – das Rosenberg Trio bei uns willkommen heißen. Und ich hatte das Vergnügen, den Abend am Mischpult zu betreuen. Das Konzert war komplett ausverkauft und es wurde am Ende backstage noch ein launiger und gemütlicher Abend… 
Und ich habe beste Erinnerungen an das ‘Duo Matria‘, Tamara Lukasheva und Matthias Schriefel. Ukraine meets Allgäu sozusagen, Keyboard, Kindertrompete, schrägster Gesang und Alphorn. Musik, so groß wie die Berge. Ich habe das damals eine Mischung aus Jan Garbarek und Yoko Ono genannt und gerate noch immer ins Schwärmen! Hm, ich müsste die beiden eigentlich noch mal einladen.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren verändert?

Die Welt wird komplexer und kleinteiliger, ‘Haftung‘ ist ein Wort, was Du vor 10 oder 15 Jahren noch nicht so oft gehört hast, das hat großen Einfluss auf Verträge, Veranstaltungsplanung und -durchführung. Die Preise gehen durch die Decke, es soll aber auch eine einigermaßen vertretbare Gage gezahlt werden. Da hast Du als kleiner Kulturanbieter schon mal ein Problem, beides unter einen Hut zu kriegen. Öffentliche Fördergelder müssen verantwortungsvoll eingesetzt werden, was ‘verantwortungsvoll‘ genau ist, wird notfalls immer mal wieder neu ausdiskutiert. Es wird also bürokratischer. Das braucht mehr Zeit und Menschen, die sich darum kümmern. Das operative Tun bleibt dann manchmal fast auf der Strecke. Wenn am Ende auf und vor der Bühne davon aber nichts oder nur wenig zu spüren ist, hast Du etwas richtig gemacht. 
Und das ist auch weiterhin das Ziel, denn wenngleich es wie eine Binse klingt: Kultur soll Spaß machen! Ich möchte, dass unsere Gäste sich wohlfühlen, versuche eine Art ‘Wohnzimmeratmosphäre‘ zu schaffen, im besten Sinne barrierefrei. Ob das gut funktioniert hat, sehe ich dann später in unserem Gästebuch… – nebenbei bemerkt: der Kulturrat ist auch wirklich barrierefrei zugänglich. 

Wie siehst du die Zukunft des Kulturrats, besonders in Hinblick auf Jazz?

Seit diesem Herbst gibt es einen neuen Vorstand, der den Kulturrat weiterführen wird. Das nächste Etappenziel ist 2028, dann steht die 40 vor dem Komma und das will gefeiert werden. Das heißt, es gibt einiges zu planen und zu organisieren. 
Und Jazz? Auf den Punkt gebracht: Wir werden das so weitermachen. Jazz ist unglaublich vielfältig und die Szene verjüngt sich stetig, da ist Veränderung also die Konstante. Wir haben einfach nur das Problem, die vielen tollen Bewerber°innen nicht alle terminieren zu können. Sorry for that! 

Lieber Reiner, ich danke Dir für dieses Gespräch!

Die nächsten Jazztermine sind:
05.09. Padista (früher Padi Orchestra) mit Milli Häuser
18.09. Bernd Steinmann Quartett (das ist das 'Essener Gitarrenduo' plus 2 Musikerinnen), von der Rennaissance bis zum Flamenco
26.09. ''French Touch'' (Stefanie Schulte- Hoffmann, Akkordeon und Peter Brekau, Gitarre), Musettes und Chansons
09.10. Erdquintett feat. Christian Kappe (Trompete)
12.12. Jörg Hegemann Trio (Boogie Woogie Express)
Karten können  per E-Mail (tickets@bochumerkulturrat) reserviert oder im VVK erworben werden (Adressen s. www.bochumerkulturrat.de).


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