Besser aufgestellt, weiter prekär
Die nrwjazz-Studie wird zehn und bleibt aktuell
TEXT: Stefan Pieper |
Es war ein ungewöhnlicher Auftraggeber für eine ungewöhnliche Studie. Im Jahr 2016 ließ das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium den Jazz durchleuchten – nicht als Kunstform, sondern als kreativwirtschaftliches Feld. Der Verein nrwjazz e.V. befragte Musikerinnen und Musiker, Veranstalter und Publikum und legte unter dem kämpferischen Titel „Jazz We Can" eine Analyse vor, die Diagnose und Appell zugleich war. Zehn Jahre später stellt sich die Frage: Hat sie gewirkt? Oder liest sich die Studie wie ein Brief, der nie beantwortet wurde?
Die Befunde von damals waren eindrucksvoll und ernüchternd zugleich: Rund 1.000 Jazzmusiker, fast 200 Spielstätten, 3.500 Konzerte und über 30 Festivals machten NRW zur größten Jazzregion Deutschlands. Dahinter aber: Zwei Drittel der Musiker verdienten weniger als 12.500 Euro jährlich, über 90 Prozent der Veranstalter arbeiteten ehrenamtlich, ihr Durchschnittsalter lag bei 55 Jahren. Bei drei Vierteln der Spielstätten hing alles an einer einzigen Person. Die Förderlage war grotesk: Die gesamte Jazzsparte erhielt vom Land 144.000 Euro – 0,15 Prozent der Orchesterförderung. In Köln wurde jeder Opernbesuch mit 229 Euro subventioniert. Jeder Jazzkonzertbesuch mit 1,40.
Was die Studie über die Bestandsaufnahme hinaus leistete, war eine Neurahmung. Jazz als musikalische Grundlagenforschung, von der die Kreativwirtschaft profitiert. Die Interaktion in einer Jazzcombo – zuhören, reagieren, Fehler als produktive Momente begreifen – als Modell für zeitgemäße Unternehmenskultur. Der Pianist Benjamin Schäfer fand die Formel: Jazzbands sind kleine Demokratien. Das war die Sprache, die ein Wirtschaftsministerium verstehen wollte.
Mehr Förderung, aber eine Realität, die geblieben ist
Und sie hat tatsächlich etwas bewirkt. NRW steigerte die Mittel für die freie Musikszene auf 4,5 Millionen Euro jährlich, verdreifachte die Spielstättenprogrammprämie, schuf mit der Jazz-Exzellenzförderung NICA ein in Deutschland einzigartiges Instrument: dreijährige Stipendien für junge Musiker in der kritischen Phase nach dem Studium. Auf Bundesebene entstanden der Deutsche Jazzpreis, der Musikfonds, eine Honorarempfehlung von 300 Euro pro Tag. NRW führte Honoraruntergrenzen als Pilotprojekt ein. Ein Durchbruch – auf dem Papier.
Denn an der Lebensrealität der Musiker hat sich erstaunlich wenig geändert. Die Jazzstudie 2022 liefert die harten Zahlen: Jazzmusiker verfügen über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Ein Drittel verdient unter 10.000 Euro. Über die Hälfte fürchtet Altersarmut. Die Deutsche Jazzunion bilanziert nüchtern: Die Gagen sind geringfügig gestiegen, im Verhältnis zur Allgemeinbevölkerung hat sich die Situation weiter verschärft. Die Förderarchitektur ist besser geworden. Die Ökonomie der Musiker nicht.
Corona legte die Fragilität offen
Dann kam Corona – nicht als Ursache der Krise, sondern als Stresstest, der die 2016 beschriebene Fragilität schlagartig offenlegte. Musiker ohne Rücklagen, Veranstalter ohne Eigenkapital, Hilfsprogramme, die an der Berufsrealität von Freiberuflern vorbeigingen. Die Spätfolgen wirken bis heute: erschöpfte Ehrenamtliche, verändertes Publikumsverhalten, ein beschleunigter Rückzug ins Private. Viele Spielstätten, die 2025 aufgeben, kämpften seit der Pandemie mit sinkenden Besucherzahlen und steigenden Kosten. Der letzte Stoß kam dann aus den Rathäusern.
Was seitdem dazugekommen ist, war 2016 nicht absehbar. Da ist zunächst das Spielstätten- und Festivalsterben, das nrwjazz.net als kulturpolitische Chronik dokumentiert: Acht Brücken Köln liquidiert – nicht pausiert, nicht reformiert, sondern abgewickelt, obwohl die Förderung bis 2027 zugesagt war. Jazz in Essen nach 41 Jahren eingestellt. Die Monheim Triennale bedroht, der Bunker Ulmenwall in Bielefeld auf Crowdfunding angewiesen, Odyssee – Musik der Metropolen nach 27 Jahren beendet. Stefan Pieper bringt es auf die Formel: Was wie eine Häufung unglücklicher Einzelfälle aussieht, ist keine. Die Abwicklung der Kultur vollzieht sich nicht als Kulturkampf, sondern als buchhalterische Selbstverständlichkeit. In Köln werden einem Festival 450.000 Euro gestrichen, während dieselbe Stadt 1,5 Milliarden in die Opernsanierung versenkt.
Ökonomie der Ungleichheit wächst weiter
Dahinter wirkt eine Ökonomie der Ungleichheit, die das Fundament der freien Szene untergräbt. 2 Milliarden Dollar Umsatz für eine Taylor-Swift-Tournee, weniger als ein Euro Streaming-Erlös pro Jahr für 68 Prozent aller Musikschaffenden. Vier Konzerne kontrollieren über 150 europäische Festivals und diktieren Gagen, Ticketpreise, Sichtbarkeit. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat stellt im Dossier „Kosmos Kulturwirtschaft" die Swift-Milliarden neben die 238.000 Unternehmen der deutschen Kulturwirtschaft und nennt es Vielfalt. Aber es ist mehr als Vielfalt: Die Monopolbildung oben und das Sterben unten bedingen einander. Das ist nicht Pech – das ist System.
Gleichzeitig bricht die Infrastruktur weg, die das Konzertleben trägt. Die Kulturrats-Studie zum zivilgesellschaftlichen Engagement warnt: Ehrenamtliche Führungspositionen können nicht mehr besetzt werden. Die künstlerischen Leiter von 2016 sind heute 65. Nachfolger fehlen. Corona hat eine Generation von Engagierten erschöpft. Das Muster ist überall dasselbe: Einzelne Persönlichkeiten tragen ganze Konzertlandschaften. Wenn sie aufhören, hört alles auf.
Besser aufgestellt, aber in einem feindlicheren Umfeld
Wo steht der Jazz in NRW also zehn Jahre nach „Jazz We Can"? Besser aufgestellt, aber in einem Umfeld, das feindlicher geworden ist. Was 2016 eine Frage der Förderarithmetik war, ist heute eine Frage der kulturellen Selbstbehauptung: Ob eine Gesellschaft sich eine Musikkultur leisten will, die nicht nach Marktlogik funktioniert. Der Kulturrat hat in den letzten Monaten mit einer Dringlichkeit, die man selten von Spitzenverbänden hört, daran erinnert, dass Kulturpolitik mehr ist als Kulturförderung – dass sie Rahmenbedingungen schützen muss, in steuerlicher, sozialrechtlicher und nicht zuletzt in freiheitlicher Hinsicht. „Wenn Du keine Fehler machst, dann spielst Du keinen Jazz", stand am Anfang der Studie. Zehn Jahre später hat dieser Satz eine Bedeutung gewonnen, die über die Musik hinausreicht. Eine Kulturpolitik, die keine Fehler zulässt, die Jurys nicht vertraut und Freiräume beschneidet, macht keinen Jazz. Sie macht auch keine gute Gesellschaft. Die Diagnose liegt seit zehn Jahren auf dem Tisch. Es wird Zeit, das Rezept neu zu schreiben.
Quellen: „Jazz We Can" (nrwjazz e.V., 2016) · Jazzstudie 2022 (Dt. Jazzunion/Uni Hildesheim) · BK-Jazz-Bericht 2024 · Dossier „Kosmos Kulturwirtschaft" (Dt. Kulturrat, Hg. Zimmermann/Geißler, 2026) · Kulturengagement-Studie (Dt. Kulturrat/Kulturstiftung d. Länder, 2025) · Resolution des Dt. Kulturrats zur Kunstfreiheit (03/2026) · Reset!/Live DMA: Ownership Concentration in Europe's Live Music Sector (2025) · Streaming-Studie des Forschungsnetzwerks Digitale Kultur (2025) · Kulturpolitik-Rubrik nrwjazz.net (2025/2026)
Am Ostersonntag um 11 Uhr wird dieses Thema in der Sendung These Cats auf 674 FM vertieft. Moderation: Christopher Braucks und Bernd Zimmermann, Studiogast ist Stefan Pieper.

