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Drama und Freiheit

Sharon Mansur kommt in Bochums Christuskirche

Bochum, 07.05.2026
FOTO: Gabriel Baharlia / ACT

Die israelische Pianistin Sharon Mansur sprengt am 9. Mai in der Christuskirche mit ihrem Trio die Grenzen zwischen Jazz, Metal, arabischen Vierteltönen und Electronica – als wären sie nie da gewesen.

Sharon Mansur hat einen Werdegang, der in keinen gewöhnlichen Lebenslauf passt. Klassische Ausbildung an der Jerusalem Music Academy, Chopin und Rachmaninow, dann Keyboards in einer Symphonic-Metal-Band mit Opernsängerin. Funk- und Blues-Combos folgten, dazu Auftritte als DJ unter dem Namen „Shasha" auf EDM-Festivals. Was nach Unentschlossenheit klingen könnte, erweist sich beim Hören als das Gegenteil: eine Musikerin, die in jedem Genre etwas gesucht und gefunden hat.

Im Metal war es die Wucht, in der Klassik das Drama, im Jazz die Freiheit. Letzterer habe sie anfangs irritiert, erzählt Mansur – zu filigran für jemanden, der mit Distortion und Rachmaninow aufgewachsen war. Was sie sofort überzeugte, war die Improvisation als Haltung: „Zuhören und seinen Instinkten folgen. Ich glaube, dass auch die Pioniere des Jazz ihren Stil so entwickelt haben."

Arabische Musik und Progressive Rock begegnen sich 

Als prägend beschreibt Mansur ein Konzert der Fakultät für Arabische Musik an ihrer Akademie. Die Melodien hätten sich vertraut angefühlt – ihr Vater stammt aus dem Irak, die Klänge erinnerten an ihre Kindheit. Die ungeraden Taktarten, in der arabischen Musik allgegenwärtig, kamen ihr durch ihren Hintergrund im Progressive Rock wie selbstverständlich vor. Mansur begann, die charakteristischen Viertelton-Melodien des Nahen Ostens auf elektrische Keyboards zu übertragen und verließ damit das westliche Halbton-Raster.

Auf dem Debütalbum „Trigger", erschienen auf dem ACT-Label, verdichtet sich all das. Gemeinsam mit dem Kontrabassisten David Michaeli, bekannt als Bassist des israelischen Erfolgs-Trios Shalosh, und dem Schlagzeuger Aviv Cohen, der auch bei Yemen Blues trommelt, hat Mansur Stücke eingespielt, die sich jedem Schubladendenken entziehen. Kein einziges steht im 4/4-Takt. Der Opener „Outside In" verweist auf Mansurs Metal- und Klassik-Vergangenheit, „If I Can" entfaltet sich cineastisch-sphärisch, in „Big Dreams In Kadikoy" schlängeln sich Viertelton-Linien über das Keyboard, während das Titelstück in Piano-Eruptionen mündet.

Israelische Musik ist per se ein Hybrid 

Was diese Musik zusammenhält, ist weniger eine konzeptuelle Klammer als eine durchgängige Haltung. Mansur spielt nicht über ihre Einflüsse – sie hat sie verinnerlicht. Dass israelische Musik per se ein Hybrid ist, kommt ihr dabei entgegen. „Es gibt keine explizit traditionelle israelische Musik", sagt sie. „Weil das Land so jung ist, war sie immer schon eine Mischung verschiedener Einflüsse – aus Europa, dem Nahen Osten, dem Mittelmeerraum und Nordafrika."

Inhaltlich kreisen die Stücke auf „Trigger" um Verlust und Trennung, aber auch um die Fähigkeit, in schwierigen Erfahrungen etwas Konstruktives zu finden. „Change Your Narrative" heißt eines der Stücke – ein programmatischer Titel für eine Musikerin, die selbst beständig die Perspektive wechselt.

Sharon Mansur Trio | 9. Mai, 20 Uhr | Christuskirche | Einlass 19 Uhr | VVK 26/13 € zzgl. Gebühren   

 

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