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Zwei Tage, neun Spielorte

Ein Fahrplan durch das Platzhirsch-Festival

Duisburg, 16.09.2026
TEXT: Andre Symann | 

Duisburg wird am 18. und 19. September wieder zu einem besonderen Ort für neugierige Augen und Ohren: Das Platzhirsch Festival verteilt seine Konzerte, Performances und Filmformate über neun Spielorte rund um den Dellplatz. Zwischen Kirche, Club, Open-Air-Bühne und Kulturzentrum entsteht ein Programm, das freie Improvisation, Avantgarde, Elektronik und eigenwilligen Pop selbstverständlich nebeneinanderstellt. Wer aus den mehr als vierzig Programmpunkten gezielt die musikalischen Höhepunkte herausfiltern möchte, kann sich an diesem Fahrplan orientieren.

FREITAG, 18. September 

1000 Rabbits · Dellplatz · ab 20 Uhr

Den ersten internationalen Akzent setzt das britische Projekt 1000 Rabbits auf der Freifläche. Die Musik des Londoner Duos bewegt sich zwischen experimentellem Pop, Indie und elektronisch verfremdeten Sounds: kurze, eigenwillige Songs, die eher mit Brüchen und schrägen Texturen als mit klassischem Songwriting arbeiten. Ein ungewöhnlicher Auftakt für einen Festivalabend, der sich zunehmend in die experimentelleren Winkel des Programms bewegt.

„Gesänge – Rufe“ · St. Joseph · ab 21 Uhr

Eine Arbeit zwischen Film, Konzert und Performance führt in den Kirchenraum. Der Titel deutet bereits an, dass Stimme und Raum hier nicht bloß musikalisches Material sind. Wer sich zunächst auf eine konzentriertere, atmosphärische Erfahrung einlassen möchte, findet hier einen Gegenpol zum späteren Xiu-Xiu-Abend im Bora.

Eraserhead Xiu Xiu · Bora · ab 22 Uhr

Das Herzstück des Freitags: Jamie Stewart und Angela Seo von Xiu Xiu entwickeln eine neue Live-Musik zu David Lynchs Eraserhead. Xiu Xiu, seit den frühen 2000er-Jahren eine der eigenwilligsten Formationen des US-Experimentalpop, verbindet Noise, Industrial, Post-Punk, Elektronik und Avantgarde mit einer ungewöhnlich expressiven Form des Songwritings. Für Eraserhead geht die Band noch weiter in Richtung Klangkunst: Field Recordings, elektronische Geräusche, Orgel, selbstgebaute Instrumente und Musique concrète treffen auf Lynchs verstörende Bildwelt. Bereits mit Plays the Music of Twin Peaks hatte Xiu Xiu Lynch musikalisch interpretiert; nun wird aus der Hommage eine eigene, audiovisuelle Auseinandersetzung mit dessen Universum.

Güner Künier · Dellplatz · ab 22.10 Uhr

Während im Bora die industrielle Dunkelheit von Eraserhead regiert, öffnet Güner Künier auf dem Dellplatz ein anderes Klangfenster. Die in Berlin lebende türkisch-deutsche Musikerin, Sängerin und Produzentin verbindet psychedelische Musik, anatolische Einflüsse und Krautrock mit Post-Punk und elektronischen Sounds. Traditionelle türkische Klangvorstellungen werden dabei nicht folkloristisch ausgestellt, sondern in einen zeitgenössischen, urbanen Kontext überführt. Gerade diese Verbindung von kultureller Herkunft und experimenteller Clubästhetik macht Künier zu einer interessanten Stimme der aktuellen Berliner Szene.

FLÖJTER · St. Joseph · ab 23.10 Uhr

Zum Abschluss geht es noch einmal in die Kirche. FLÖJTER ist ein französisch-schwedisches Duo aus der Flötistin Delphine Joussein und dem Free-Jazz-Saxofonisten und Improvisationsmusiker Mats Gustafsson. Was nach Kammermusik klingt, hat mit gepflegtem Flötenspiel wenig zu tun: Joussein und Gustafsson erweitern das Instrumentarium mit Elektronik, Effekten, Stimme und Geräusch und bewegen sich zwischen Free Jazz, Noise und experimenteller Improvisation. Besonders reizvoll dürfte dabei der Kontrast zwischen dieser radikalen Klangsprache und der Akustik von St. Joseph sein.

Samstag, 19. September

Los Sara Fontan · Dellplatz · ab 21 Uhr

Die katalanische Geigerin Sara Fontán und Edi Pou, bekannt als Schlagzeuger des experimentellen Duos ZA!, gehören zu jener europäischen Improvisationsszene, die Rockenergie, freie Musik und elektronische Klangexperimente selbstverständlich zusammendenkt. Fontán behandelt die Violine nicht als klassisches Melodieinstrument, sondern auch perkussiv, geräuschhaft und elektronisch; Pou erweitert sein Schlagzeug um Sampling und elektronische Mittel. Das Ergebnis kann zwischen Minimalismus, Post-Rock, Noise und freier Improvisation pendeln – Musik mit starkem körperlichem Impuls, die gerade auf einer offenen Festivalbühne ihre Wirkung entfalten kann.

Joy Boy: A Tribute to Julius Eastman · Die Säule · ab 21 Uhr

Zeitgleich wartet in der Säule ein ganz anderer Blick auf die amerikanische Avantgarde: Joy Boy widmet sich Julius Eastman, einem der radikalsten und lange unterschätzten Komponisten der amerikanischen Minimal Music. Eastman verband die repetitive Strenge der Minimal Music mit Blues, Jazz, Pop und einer ausdrücklich politischen Dimension. Seine Musik überschreitet dabei immer wieder die Grenze zwischen Konzertmusik und gesellschaftlicher Aussage. Nach seinem Tod 1990 geriet ein großer Teil seines Werks in Vergessenheit; erst seit einigen Jahren erlebt es eine bemerkenswerte Renaissance. Wer zwischen Eastman und Los Sara Fontan wählen muss, entscheidet sich damit zwischen zwei unterschiedlichen Wegen, wie musikalische Wiederholung, Improvisation und Avantgarde gedacht werden können.

Sophia Kennedy · Dellplatz · ab 22.10 Uhr

Mit Sophia Kennedy wechselt der Abend vom Experiment in den großen Popmoment – allerdings in eine ausgesprochen eigensinnige Variante davon. Die in Baltimore geborene und in Hamburg lebende Sängerin und Produzentin verbindet elektronische Produktion mit klassischem Songwriting, Chanson, Art Pop und theatralischen Gesten. Ihre Songs können zugleich kühl produziert und emotional überschwänglich wirken. Als Bezugspunkte taugen eher Kate Bush, Scott Walker oder die große Tradition des Art Pop als gewöhnlicher Elektropop. Damit ist Kennedy eine ideale Besetzung für die Hauptbühne: zugänglich genug für ein großes Publikum, aber voller musikalischer Abzweigungen.

Penelope Trappes · St. Joseph · ab 23.10 Uhr

Den musikalischen Samstag beschließt die australisch-amerikanische Sängerin, Komponistin und Produzentin Penelope Trappes in St. Joseph. Ihre Musik wurzelt in der experimentellen Seite von Ambient, Art Pop und elektronischer Musik: Stimme, Tape-Loops, Streicher, Synthesizer und Hall werden zu atmosphärischen Klangräumen geschichtet. Dabei geht es weniger um den klassischen Song als um Verdichtung, Textur und Dynamik. Ihre oft dunkle, fragile Musik erinnert in ihrer Intimität an die Tradition des experimentellen Singer-Songwritings, öffnet sich aber zugleich in Richtung Sound Art und zeitgenössischer Elektronik. Für den späten Kirchenraum ist das ein programmatischer Schlusspunkt.

Aftershowparty · Stapeltor · ab 23.30 Uhr

Wer danach noch nicht nach Hause möchte, wechselt ins Stapeltor. Die Aftershow führt den musikalischen Faden des Festivals in die Nacht weiter – mit Indie, Post-Punk, Wave, Rock'n'Roll, Disco und House auf zwei Floors.

Die Spielstätten

Dellplatz

Das Zentrum des Platzhirsch-Festivals liegt mitten in Duisburg-Mitte. Auf dem großen Platz findet der wesentliche Teil des Open-Air-Programms statt – Konzertbühne, Begegnungsort und Festivaltreffpunkt zugleich.

Bora

Nur wenige Schritte vom Dellplatz entfernt liegt die Bora (Dellplatz 16 A), ein Club- und Veranstaltungsort mit deutlich intimerer Atmosphäre. Hier findet am Freitag unter anderem die Eraserhead-Vertonung von Xiu Xiu statt.

St. Joseph

Die Kirche St. Joseph am Dellplatz 20 bringt einen völlig anderen akustischen und atmosphärischen Rahmen ins Festival. Gerade die Konfrontation des sakralen Raums mit experimenteller und elektronischer Musik gehört zu den reizvollen Konstanten des Platzhirsch-Konzepts.

Die Säule

Die Säule in der Goldstraße 15 ist eine traditionsreiche Duisburger Adresse für Theater, Jazz und andere Formen der freien Kultur. Der vergleichsweise konzentrierte Innenraum bildet einen Kontrapunkt zur großen Festivalfläche am Dellplatz – 2026 etwa beim Film Joy Boy: A Tribute to Julius Eastman.

Stapeltor

Das soziokulturelle Zentrum Stapeltor liegt am Stapeltor 6, ebenfalls in Duisburg-Mitte. Hier endet der Samstag nicht mit dem offiziellen Konzertprogramm: Ab 23.30 Uhr übernimmt die Aftershowparty mit zwei Floors und einem stilistischen Spektrum von Post-Punk und Wave über Electronica bis House.


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