Nie ideologisch oder ethnisch
Zum Tod von Richie Beirach
TEXT: Prof. Ralf Schrabbe | FOTO: Steffen Pohle
Viele Pianisten haben bei ihm Unterricht gehabt und waren begeistert, wie Sven Bergmann, aus NRW. Beirach hat Jazz nie ideologisch oder ethnisch definiert, sondern viel mehr als eine in und für alle Richtungen offene Musik aufgefasst - als "Sozialmusik". Es machte ihm Spaß, mit anderen zusammenzuspielen.
Richard „Richie“ Allen Beirach unterrichtete von März 2001 bis zum Sommer 2014 an derHMT Leipzig als Professor für Jazzpiano. Natürlich kannte ich ihn schon lange vor dieser Zeit. Allen waren seine stilbildenden Alben wie „Lookout Farm“, „Eon“ oder „Elm“ im Ohr. Richie war ein Musicans musican, der in den 80er Jahren von Insidern in einem Atemzug mit Keith Jarrett, Chick Corea und Herbie Hancock genannt wurde. Während diese drei Pianisten das Geschäftliche professionell handhabten, hatte Richie in diesem Punkt weniger Glück, bis er schließlich nach Leipzig kam.
Persönlich habe ich ihn in meiner Zeit an der New School in New York kennen und schätzen gelernt. Seine Musizierpraxis beinhaltete immer introspektive, romantisch-europäische und auf der afro-amerikanischen Tradition basierende Elemente. Seine harmonische Klangsprache entstammt der intensiven Auseinandersetzung mit der klassischen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Student an der New School faszinierte mich sein musikalischer Ansatz von „Head“, „Hands“ und „Ears“ also dem emotionalen Mitteilungsbedürfnis, den pianistischen Fähigkeiten und der spontanen Interaktion mit der Band. Richies Souveränität basierte auf Können, Handwerk und Talent. Alles andere hat erst danach zu kommen. Meine Aufenthalte bei ihm in der Spring Street in Soho waren jedes Mal Sternstunden seiner totalen Hingabe zur Musik und zu deren Vermittlung. Jedes Mal wurde nicht nur ich, sondern auch Brad Mehldau, Joey Calderazzo u.v.m. auf Wolke 7 in das vibrierende Leben Manhattan`s entlassen.
Nie wieder habe ich jemanden getroffen, der so bedingungslos sein Leben der Musik verschrieben hat. Jahre später, ich war mittlerweile in Leipzig, konnte die FRJazz/Popularmusik/Musical eine Professur für Jazzpiano ausschreiben. Im ersten Durchgang des Verfahrens konnte sich die Kommission nicht auf einen Kandidaten einigen (es hatten sich ausschließlich Männer beworben). Somit ergab sich für die zweite Runde die Möglichkeit, infrage kommende Persönlichkeiten direkt anzusprechen. Ich rief Richie an, ober er sich vorstellen könne sich auf die Professur zu bewerben und an dem aus Kolloquium, Lehrprobe und Vorspiel bestehendem Berufungsverfahren teilzunehmen. Dass seine Performance von mir bewertet werden würde, irritierte ihn ganz schön. Meine Replik, dass selbst Miles Davis dies zu tun hätte, beruhigte die Gemüter.
Sein Deutsch beschränkte sich vom Beginn des Berufungsverfahrens bis zum Ende seines Lebens, auf das Verstehen von Speisekarten und der perfekten Verständigung mit dem Bedienungspersonal in Restaurants. Alle, die sich ihn wegen seiner eingeschränkten Deutschkenntnisse nicht als erfolgreichen Pädagogen und Kollegen vorstellen konnten, haben das universale Wesen von Musik missverstanden. Unsere Studierenden kamen durch ihn in den Genuss eines kostenfreien Englischkurses. Richie prägte mit der ihm eigenen Artunzählige Studentinnen und Studenten, wertete unsere FR, die HMT Leipzig und den Jazz immens auf. Ein Versuch, ihn auf konventionelle Art in die akademische Selbstverwaltung zu integrieren scheiterte: das von Richie organisierte Professorenkonzert endete in einem grandiosen Chaos. Wir haben fortan seine Expertise auf andere Weise produktiv genutzt, wissend, dass er ein unkonventioneller Musiker und Kollege ist. Das hat vorzüglich geklappt.
Nach seiner Emeritierung zog er in die Pfalz. Er verließ Leipzig, doch seine Musik und Inspiration blieben. Der Kontakt brach für einen längeren Zeitraum ab, bevor wir den Faden wieder aufnahmen und uns wieder trafen. Leider nicht in Clubs, sondern in Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Manchmal wünsche ich mich zurück in die New Yorker oder frühe Leipzig Zeit, aber als Jetzt-Mensch. Etwas klüger, etwas erfahrener und in dem Wissen, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der mir ganz viel für mein Leben und meine Musik geschenkt hat. Am 26.1.2026 starb Richard Allen „Richie“ Beirach im Alter von 78 Jahren.
