Wo der böse Wolf Freejazz hört
Moers-Festival gab Programm für Pfingsten bekannt
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle: Moers-Festival
Das 55. moers festival stellt sich an Pfingsten politisch auf. US-Schwerpunkt, AACM-Avantgarde, Feldman-Hommage – und ein Umzug zurück an den Ursprungsort.
Das moers festival hat sein Programm für die 55. Jubiläumsausgabe vorgestellt. Vom 21. bis 25. Mai treten rund 200 Künstler*innen aus über 20 Nationen an einem neuen Standort auf: dem Kastellplatz in der Moerser Innenstadt, unweit des Schlosshofs, wo 1972 alles begann. Erstmals dauert das bundesgeförderte Festival fünf Tage. Ebenfalls am Tag der Programmvorstellung wurde bekannt, dass das moers festival erneut für den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie „Festival des Jahres" nominiert ist. Das Motto „…wie im Märchen" klingt vor diesem Hintergrund harmloser, als es gemeint ist.
Bei der Programm-Pressekonferenz im Rokokozimmer des Moerser Schlosses – so manches märchenhafte Outfit unter den Anwesenden stimmte schon mal auf die Programmatik ein – rahmte Festivalleiter Tim Isfort das so: „Heute propagieren so manche Märchenonkel und -tanten ihre ‚Wahrheiten' in Politik, sozialen Medien und zunehmend autokratischen Systemen. Der ‚böse Wolf' lauert heute überall." Die Metapher ist durchsichtig, dürfte aber als thematischer Rahmen funktionieren. Nicht als Folklore, sondern als Gegenerzählung, wie es diesem Fstival seit seiner Gründung entspricht. Es gehe, so Isfort, um eine „Wirklichkeitsflucht, die imstande ist, uns zu verzaubern und die Realität zu entzaubern".
Wie diese Auseinandersetzung konkret klingen soll, wurde im Schloss in ganzer Breite vorgestellt. Die USA bilden einen Schwerpunkt, und zwar nicht den gefälligen. Die Grammy-nominierte Saxophonistin Lakecia Benjamin kommt, ebenso das New Yorker Ensemble Yarn/Wire. Nicole Mitchell's Black Earth Sway, Tomeka Reid – die unter anderem im Trio mit der deutsch-polnischen Saxophonistin Angelika Niescier und der Cellistin Eliza Salem auftritt – und Joy Guidry stehen für eine afro-amerikanische Avantgarde mit Wurzeln in der Association for the Advancement of Creative Musicians, jener Chicagoer Selbstorganisation, die seit 1965 Schwarze Musikerinnen und Musiker jenseits des weißen Kulturbetriebs zusammenbringt. Dass Moers diese Linie betont, während die US-Kulturförderung unter dem amtierenden Präsidenten zusammengestrichen wird, dürfte kein Zufall sein. Parallel setzt die Reihe „?Afrika" mit Togo, Benin und Ghana die Grenzüberschreitungen zwischen den Kontinenten fort.
Zum ersten Mal fünf Festivaltage
Strukturell tut sich einiges. Das Festival zieht auf den Kastellplatz und dauert erstmals fünf Tage. Die WDR Big Band eröffnet unter Vince Mendoza mit dem südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini – am „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt".
Morton Feldman und György Kurtág wären in diesem Jahr hundert geworden. Das Festival widmet beiden einen Schwerpunkt: Feldmans „Rothko Chapel" wird „immoersiv" aufgeführt, Kurtágs Kammermusikfragmente erklingen durch seinen Sohn György Kurtág Jr. und den Cimbalom-Spieler Miklós Lukács. Feldman, der Amerikaner, dehnte die Stille bis an ihre Grenzen. Kurtág, der Ungar, verdichtete sie zur existenziellen Miniatur. Beide zusammenzudenken erzählt etwas über die Moderne, das ein Schwerpunkt allein nicht leisten würde.
Dazu kommen das indonesische Duo Senyawa in gleich fünf Konstellationen, Moritz Simon Geists Roboter-Performance, das transkulturelle Projekt Burned Roads of Myanmar – in dem Nicole Mitchell (Flöte) und Sessions-Kurator Jan Klare (Saxophon, Klarinette) mit den burmesischen Musikern Sein Hla Myaing (Pat Waing) und Su Su Win Maung (burmesische Harfe) zusammentreffen – und die Rückkehr der freien Sessions in den Schlosshof. In der Röhre kommt mit den Freysinn-Sessions ein selbstkuratiertes Format hinzu: zehn Slots an fünf Tagen, in denen Künstler*innen frei und ohne Programmvorgabe zusammenfinden. Ergänzt wird das Ganze durch die moers discussions zu kulturpolitischen und ästhetischen Fragen.
Das Line-up ist wie immer zu groß, um es hier vollständig abzubilden. Wie immer hat jeder die Chance, sich an fünf Tagen sein eigenes Moers-Erlebnis zusammenzustellen – wer tiefer eintauchen will, stöbert auf moers-festival.de weiter.
Zelten wieder im Park, aber nur für Festivalbesucher
Von der Hauptbühne auf dem Kastellplatz verzweigt sich das Geschehen in den Schlosshof, die Kirchen St. Josef und die evangelische Stadtkirche, das Alte Landratsamt, das Schlosstheater, das Peschkenhaus sowie die Röhre und das Bollwerk 107. Auf der Wiese am Pulverhaus finden tagsüber kostenlose Kinder- und Familienprogramme statt, abends verwandelt sich das Areal in eine Konzertbühne. Und eine Nachricht, die langjährige Festivalfans freuen dürfte: Das Zelten kehrt zurück. Auf der Ballonwiese im Freizeitpark, fußläufig zu allen Spielorten, entsteht wieder ein Campinggelände. Das Zeltplatz-Ticket kostet 30 Euro und ist nur in Kombination mit einem Festivalticket erhältlich. Das Ticketmodell „Pay What You Can" mit Preisen zwischen 45 und 172 Euro, das im vergangenen Jahr jüngeres Publikum anzog, wird fortgesetzt.
Fünf Tage in einer Kleinstadt am Niederrhein, politisch aufgeladen und kuratorisch ambitioniert. Im besten Fall gelingt Moers einmal mehr, was es seit über fünfzig Jahren versucht: einen Raum zu schaffen, in dem Musik mehr meint als sich selbst.
Das 55. moers festival findet vom 21. bis 25. Mai 2026 auf dem Kastellplatz statt. Tickets: tickets.moers-festival.de











