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Verse, die nicht stillsitzen

Caroll Vanwelden kommt zu FineArtJazz

Gelsenkirchen, 11.02.2026
FOTO: Caroll Vanwelden

Was passiert, wenn man Texte, die seit über vier Jahrhunderten vor allem in Seminarräumen und auf Theaterbühnen verhandelt werden, einer Jazzmusikerin übergibt? Im Fall von Caroll Vanwelden: erstaunlich viel. Die in Belgien geborene Sängerin und Pianistin hat zwischen 2012 und 2017 eine dreiteilige Reihe von Alben vorgelegt, auf denen sie Shakespeares Sonette nicht rezitiert, sondern in Jazzstücke verwandelt. Nun gastiert sie mit ihrem neuen Trio auf Schloss Horst in Gelsenkirchen.

Vanweldens Ansatz ist klug durchdacht. Statt die Verse einfach mit Akkordfolgen zu unterlegen, nimmt sie die metrische Struktur der englischen Originale zum Ausgangspunkt ihrer Melodieführung. Betonung und Phrasierung des Textes bestimmen die vokale Linie. Das ist als Verfahren nicht neu – schon Komponisten der zweiten Wiener Schule arbeiteten ähnlich mit Sprachmelodie –, doch im Jazzkontext eröffnet es ganz neue, ungewohnte Möglichkeiten. Die Stücke pendeln zwischen swingender Leichtigkeit und meditativer Verdichtung, je nachdem, ob Shakespeare gerade die Freuden der Liebe besingt oder über Vergänglichkeit grübelt.

Cello, Elektronik, Synthesizer

Für die aktuelle Tournee hat Vanwelden ihr Ensemble umbesetzt. Jean-François Assy spielt Cello und ergänzt es um elektronische Klangbearbeitung, Dominiqué Vantomme bedient Keyboards und Synthesizer. Die Besetzung deutet darauf hin, dass es weniger um klassischen Jazztrio-Sound gehen dürfte als um eine Klangästhetik, die kammermusikalische Transparenz mit atmosphärischer Elektronik verbindet. Vanwelden selbst singt und spielt Klavier – sie bleibt das Zentrum, um das sich die Arrangements gruppieren.

Das das Konzert ausgerechnet in einem Renaissanceschloss stattfindet, ist eine nette Pointe. Schloss Horst, erbaut im 16. Jahrhundert, ist tatsächlich ein Zeitgenosse Shakespeares. Für eine Musik, die explizit mit dem Verhältnis von Alt und Neu spielt, ist dieser Rahmen definitiv nicht die schlechteste Wahl.

mehr Infos und Tickets: www.publicjazz.de

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