Utopie auf dem Dorf
Das 16. Avantgarde Festival 2026 beginnt
FOTO: Bildquelle: website avantgarde festival
Wenn ab morgen wieder Meerjungfrauen, Krautrock-Veteranen und ein über 100 Jahre altes Harmonium auf demselben Hof aufeinandertreffen, dann ist Avantgarde-Festival-Zeit. Von Freitag bis Sonntag, 19. bis 21. Juni, verwandelt sich das beschauliche Schiphorst (Steinhorster Weg 2) zum sechzehnten Mal in einen Spielplatz für experimentelle Musik, Klangkunst und allerlei künstlerischen Schabernack. Das Festival, getragen vom gemeinnützigen Verein Avantgarde Schiphorst e.V. und gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Initiative Musik, hat sich seinen Ruf als eines der eigensinnigsten kleinen Festivals des Landes redlich verdient. Hier geht es nicht um Headliner und Hauptbühnen, sondern um eine Haltung: neugierig, genau, komisch – und auf die beste Art wirklich eigenartig.
Vom Großorchester bis zum Toy Piano
Das Programm spannt einen weiten Bogen. Mit dabei ist das Andromeda Mega Express Orchestra aus Berlin, das 2026 sein 20-jähriges Bestehen feiert und im vergangenen Sommer beim Deutschen Jazzpreis als „Liveact des Jahres" ausgezeichnet wurde. Das Münchner Kollektiv Embryo bringt seinen grenzüberschreitenden Krautrock-Jazz mit, eine Band, die seit 1969 Generationen und Genres verbindet.
Daneben wird es leiser und seltsamer: Katarzyna Karpowicz erweitert das japanische Koto um elektronische Schatten, Valle Döring verwandelt eine alte Pumporgel mit über 25 Mikrofonen in einen elektroakustischen Cyborg, und Jennifer Hymer widmet sich mit „Toy Piano Plus" den Klängen von Spielzeugklavier, Spieluhr und Tischtennis. Die Hamburger Premiere des Physical Listening Club verschmilzt Clubästhetik, Stimme und Choreografie zu einem körperlich intensiven Hörerlebnis.
Künstlerisches Herz des Festivals ist einmal mehr AGF – die Dichterin und Medienkünstlerin Antye Greie-Ripatti –, die in diesem Jahr gleich zwei Stücke aufführt und das Klangsystem zu einer Art akustischem Parlament macht: ein sozialer Raum, in dem Stimmen, Zuhören und Mitwirkung zur Komposition werden.
Mehr als nur Konzerte
Wer nur Bühnen erwartet, unterschätzt das Festival. In der Ausstellung Hum/-or/-an zeigt der Avantgarde-Rock-Pionier und Comiczeichner Peter Blegvad die ganze, herrlich uneinordenbare Bandbreite seines Schaffens. Workshops wie Open Field (zum radikalen Zuhören) oder die Session des Growlers Choir laden zum Mitmachen ein, und die unkuratierte ANNEX-Bühne wartet darauf, von jedem spontan bespielt zu werden – keine Anmeldung, keine Kuration, einfach machen. Für Kinder und Junggebliebene rollt am Samstag und Sonntag der „Wissenskiosk" auf die Dorfwiese.
Den Abschluss bildet am Sonntag das verträumte Happening von art-errorist & friends – mit Weckruf durch Schafe und Möwen, Jazz im Hof und einer abschließenden „Goodbye Ceremony", bevor die Utopie wieder auf die Realität trifft.
Praktisches
Essen ist beim 3-Tagespass inklusive (vegan/vegetarisch), das Festivalticket gibt es nur im Vorverkauf, da die Küche nach Ticketzahlen plant. Camping mit Zelt ist auf dem Gelände möglich, Hunde sind willkommen, und an der Bar gilt: Bargeld mitbringen. Anreise per Bahn bis Ahrensburg oder Lübeck, von dort mit dem Bus 8730 bzw. 8720/8780 in Richtung Schiphorst. Ein wichtiger Hinweis noch: Ab 2 Uhr gilt striktes Nachtruhegebot – das Festival findet schließlich mitten im Dorf statt.
Mehr Infos, Timetable und Tickets gibt es unter avantgardefestival.de.












