Tigran Hamasyan
Manifeste
TEXT: Stefan Pieper |
Armenien – das ist ein Land, dessen kulturelles Gedächtnis Jahrtausende zurückreicht, das aber auch von Genozid, Vertreibung und dem Trauma der jüngsten ethnischen Säuberung in Bergkarabach 2023 gezeichnet ist. Was für eine Kraft muss in einer Musiktradition stecken, die all das überlebt hat! Tigran Hamasyan ist derjenige, der diese uralte Kraft in die Gegenwart katapultiert – und zwar als lebendige, pulsierende, bisweilen geradezu explodierende Kunst.
Auf seinem neuen Album Manifeste treibt der 37-jährige armenische Pianist seine ohnehin einzigartige Symbiose aus polymetrischer armenischer Volksmusik und rockig-elektrischem Power-Jazz noch einmal um mehrere Hitzegrade nach oben. In erweiterter Besetzung – mit E-Gitarre, E-Bass, gleich mehreren Schlagzeugern, elektronischem Sounddesign und sogar dem Staatlichen Kammerchor Jerewan – entsteht ein Klangkosmos, der seinesgleichen sucht. Schon der Opener „Prelude For All Seekers" macht klar, wohin die Reise geht: Was die Drums als geradlinigen Puls anbieten, zertrümmert das Klavier in asymmetrische Splitter. Im Titelstück „Manifeste" hört man in den Drums ein 16/16-Metrum in Vierergruppen – versucht man aber, der Klaviermelodie zu folgen, stolpert man unweigerlich über die eigenen Ohren. Hamasyan konstruiert rhythmische Fata Morganen: Man glaubt zu wissen, wo man ist, und hat sich im nächsten Moment hoffnungslos verirrt. Das Spannungslevel: permanent kurz vorm Überkochen.
Tigran Hamasyan zeigt sich auf Manifeste einmal mehr als einer der progressivsten Tastenvirtuosen der Jetztzeit – ein Musiker, der technische Brillanz und emotionale Tiefe so selbstverständlich zusammendenkt, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Wer sich davon live überzeugen möchte: Am 18. April gastiert er im Kurhaus Bad Hamm – solo und beim einzigen Deutschlandauftritt. Ein Pflichttermin.
Manifeste ist erschienen bei Naïve Records.
