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Tigran Hamasyan

Manifeste

Hamm, 10.04.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Armenien – das ist ein Land, dessen kulturelles Gedächtnis Jahrtausende zurückreicht, das aber auch von Genozid, Vertreibung und dem Trauma der jüngsten ethnischen Säuberung in Bergkarabach 2023 gezeichnet ist. Was für eine Kraft muss in einer Musiktradition stecken, die all das überlebt hat! Tigran Hamasyan ist derjenige, der diese uralte Kraft in die Gegenwart katapultiert – und zwar als lebendige, pulsierende, bisweilen geradezu explodierende Kunst.

Auf seinem neuen Album Manifeste treibt der 37-jährige armenische Pianist seine ohnehin einzigartige Symbiose aus polymetrischer armenischer Volksmusik und rockig-elektrischem Power-Jazz noch einmal um mehrere Hitzegrade nach oben. In erweiterter Besetzung – mit E-Gitarre, E-Bass, gleich mehreren Schlagzeugern, elektronischem Sounddesign und sogar dem Staatlichen Kammerchor Jerewan – entsteht ein Klangkosmos, der seinesgleichen sucht. Schon der Opener „Prelude For All Seekers" macht klar, wohin die Reise geht: Was die Drums als geradlinigen Puls anbieten, zertrümmert das Klavier in asymmetrische Splitter. Im Titelstück „Manifeste" hört man in den Drums ein 16/16-Metrum in Vierergruppen – versucht man aber, der Klaviermelodie zu folgen, stolpert man unweigerlich über die eigenen Ohren. Hamasyan konstruiert rhythmische Fata Morganen: Man glaubt zu wissen, wo man ist, und hat sich im nächsten Moment hoffnungslos verirrt. Das Spannungslevel: permanent kurz vorm Überkochen.

Doch Manifeste ist weit mehr als virtuose Muskeldemo. Das Album atmet in großen emotionalen Bögen. In Stücken wie „Yerevan Sunset" oder dem zarten „One Body, One Blood" öffnen sich besinnliche Ruhepole, süßlich-melodische Inseln, auf denen Hamasyan das Erbe seiner Heimat mit geradezu zärtlicher Hingabe zelebriert. Der Staatliche Kammerchor Jerewan verleiht dem abschließenden „National Repentance Anthem" eine ergreifende Gravitas, und auf „Window From One Heart To Another" haucht die Blul, eine traditionelle armenische Hirtenflöte, der Komposition etwas wunderbar Erdiges ein. Das emotionale Herzstück des Albums aber ist „War Time Poem": Ein fragiles Klaviersolo tastet sich vorsichtig in die Stille – wie ein Kind, das nach dem Bombenangriff zaghaft vor die Tür tritt. Hamasyan widmet das Stück den Kindern, die 2023 aus Bergkarabach vertrieben wurden, und findet darin trotz allem eine Botschaft der Zuversicht und der Liebe.

Tigran Hamasyan zeigt sich auf Manifeste einmal mehr als einer der progressivsten Tastenvirtuosen der Jetztzeit – ein Musiker, der technische Brillanz und emotionale Tiefe so selbstverständlich zusammendenkt, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Wer sich davon live überzeugen möchte: Am 18. April gastiert er im Kurhaus Bad Hamm – solo und beim einzigen Deutschlandauftritt. Ein Pflichttermin.

Manifeste ist erschienen bei Naïve Records.

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