Statt drinnen jetzt davor
Das politische Orchester Lebenslaute spielt in Bochum gegen die Wohungsnot auf
Der folgende Konzerttipp ist ungewöhnlich, denn er bezieht sich auf ein Konzert, das offiziell abgesagt – oder besser: buchstäblich vor die Tür gesetzt – wurde, weil es um Wohnungsnot und die dafür (Mit-)Verantwortlichen geht. Aber es findet dennoch statt: Am kommenden Freitag, 7. August, spielt das „politische Orchester Lebenslaute" nicht wie geplant im Forum des Kunstmuseums Bochum, sondern davor, auf dem Goetheplatz vor der Villa Marckhoff-Rosenstein: Musik und Redebeiträge zu Wohnungsnot, Mietpreisexplosionen und der Frage, was ein milliardenschwerer Immobilienkonzern mit einer Stadt macht. Der Titel benennt das Anliegen unmissverständlich: „Viva la Musica – enteignet Vonovia". Aus dem Konzert im Saal ist so eine „Kundgebung für die Kunstfreiheit" geworden. Musikalisch passt das Programm zum Anlass: Auf dem Plan stehen unter anderem Werke von Hanns Eisler auf Texte von Bertolt Brecht sowie von Kurt Weill – also ausgerechnet jene Namen, die musikalisches Schaffen und politische Haltung stets zusammengedacht haben.
Es geht um die Freiheit von Kunst und Meinung
Zur Vorgeschichte: Das Museum hatte das Konzert bestätigt und mit grünem Licht in den Veranstaltungskalender aufgenommen – bis der Name Vonovia zum Problem wurde. Solange dieser falle, „seien Verleumdung und üble Nachrede nicht auszuschließen", heißt es in einem von Museumsdirektorin Noor Mertens unterzeichneten Schreiben. Die Stadt Bochum ließ den Vertrag daraufhin platzen: Über Wohnungsnot dürfe man durchaus sprechen – nur den Verantwortlichen bitte nicht beim Namen nennen. Vonovia ist einer der bedeutendsten Gewerbekunden der Stadt und Hauptsponsor des VfL Bochum – zugleich ein Konzern, in dessen Umfeld häufig von Mietpreistreiberei, Luxussanierungen und intransparenten Nebenkostenabrechnungen die Rede ist und dessen Geschäftsmodell regelmäßig Gerichte beschäftigt. Er sponsert auch die Kultur, etwa mit einem „Vonovia Award für Fotografie" im Bochumer Kunstmuseum. Das Spannungsfeld ist also komplex. Gegenüber der WAZ wies Vereinssprecherin Viola Forte den Vorwurf strafbaren Verhaltens zurück: Eine seit Jahren öffentlich geführte Kritik am Geschäftsgebaren des Konzerns werde hier in die Nähe einer Straftat gerückt, die Stadt mache sich „zum Erfüllungsgehilfen wirtschaftlicher Interessen". Dass ausgerechnet in einem Kunstmuseum die Kunstfreiheit eingeschränkt werde, nennt der Verein einen „politischen Skandal". Auch das Netzwerk „Stadt für Alle" spricht von einem Angriff auf die Kunst- und Meinungsfreiheit.
Wer ist Lebenslaute?
Das politische Orchester Lebenslaute verbindet seit 1986 Musik mit gewaltfreiem Protest – ein in Deutschland einzigartiges Netzwerk aus Profimusikern und ambitionierten Laien; in Bochum tritt das Orchester in bis zu 90-köpfiger Besetzung an. Gespielt wird dort, wo ein Orchester normalerweise nicht vorgesehen ist: auf Militärgeländen, vor Rüstungsbetrieben, an Abschiebeflughäfen oder in Braunkohletagebauen. Das Konzert ist dabei nicht Begleitung des Protests, sondern sein Kern; in schwarzer Konzertkleidung werden Werke von Bach, Beethoven oder Brahms gespielt und zugleich Zufahrten oder Eingänge blockiert. Entstanden ist die Gruppe im Umfeld der Friedensbewegung; die erste große Aktion war 1986 eine Konzertblockade am Pershing-II-Raketenlager in Mutlangen. Seither reicht das Themenspektrum von Aufrüstung über Atomkraft, Kohle und Abschiebungen bis zum Klimaschutz. Basisdemokratisch organisiert, über Monate vorbereitet und konsequent gewaltfrei, erhielt Lebenslaute 2014 – gemeinsam mit der US-Friedensorganisation Code Pink – den Aachener Friedenspreis.
Freitag, 7. August, Beginn 19 Uhr, Eintritt frei, Spenden erbeten. Am Samstag, 8. August, geht es weiter: Musikalische Protestzüge ziehen durch die Bochumer Innenstadt, ab 12 Uhr folgt eine Abschlusskundgebung mit Konzert auf dem Husemannplatz.
Quellen:
- Sven Westernströer: „‚Enteignet Vonovia': Verein plant Protestkonzert – und kassiert eine Absage", Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), Lokalteil Bochum, 5.8.2026; Angaben und Aufruf des Orchesters Lebenslaute.
- Ralf Wurzbacher: „Enteignet Vonovia? – Nicht in diesem Museum!", NachDenkSeiten.
- „Stadt Bochum verbietet Konzert im Kunstmuseum wegen Kritik an Vonovia", bo-alternativ.de, 30. Juli 2026 (https://www.bo-alternativ.de/2026/07/30/stadt-bochum-verbietet-konzert-im-kunstmuseum-wegen-kritik-an-vonovia/).
- „Streit um Konzert im Kunstmuseum Bochum", Lokalberichterstattung vom 4. August 2026 (Stellungnahmen der Stadt Bochum und des Netzwerks „Stadt für Alle").
- Veranstaltungsankündigung und Aufruf des politischen Orchesters Lebenslaute (Flyer „Viva la Musica – enteignet Vonovia").

