RAUS AUS DEN HÄUSERN, MITTEN INS LEBEN
Preview Asphalt Festival in Düsseldorf
Drei Wochen lang macht das asphalt Festival aus Düsseldorf eine einzige große, atmende Spielfläche. Ein Streifzug durch den Sommer 2026 – in dem der Jazz eine tragende Stimme führt.
Es gehört zu den schönsten Eigenheiten dieses Festivals, dass es die Kunst nicht dorthin sperrt, wo man sie ohnehin vermutet. Wenn das asphalt Festival vom 15. Juli bis 2. August zum vierzehnten Mal seine Tore öffnet, werden Tunnel, Industriehallen und sogar eine Wasserfläche zu Spielorten. Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić, das Gründungsduo aus Regisseur und Komponist, halten an ihrer Überzeugung fest: Kunst gehört nicht in den Elfenbeinturm, sondern dahin, wo das Leben pulsiert.
Wer genauer hinhört, erkennt heuer einen roten Faden, der sich quer durchs Programm zieht – und dieser Faden swingt. Der Jazz, in all seinen heutigen Schattierungen, ist die heimliche Hauptfigur dieser Ausgabe.
Am eindringlichsten wird das unter der Erde, im KIT, jener gläsernen Röhre unter der Rheinpromenade, deren kühle Akustik zum Resonanzraum für das Anspruchsvolle wird. Hier führt der ukrainisch-deutsche, in den USA lebende Pianist Vadim Neselovskyi mit dem niederländischen Ysaÿe String Trio seine neue Suite „Perseverantia" auf – ein Werk für Klavier und Streichtrio, das den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in Töne fasst, gespeist aus Begegnungen mit Geflüchteten und ukrainischen Musikern. Zwischen tastender Stille und eruptiver Wucht überschreitet Neselovskyi, der am Berklee College lehrt, mühelos die Grenze zwischen Jazz, Klassik und Improvisation. Wenige Tage später lässt Schlagzeuger Tilo Weber, Träger des Deutschen Jazzpreises, gemeinsam mit dem Pulse-Streichquartett Jazz und Neue Musik ineinanderfließen – ein weiterer Beweis, wie durchlässig die Genregrenzen an diesem Ort werden. Dass im selben Tunnel das legendäre Arditti Quartet mit der Sopranistin Christina Daletska und der Harfenistin Consuelo Giulianelli Zeitgenössisches von scheuer Wildheit spielt, rundet diesen Pol ab.
Jazz auf dem Wasser
Der zweite Pol liegt im Freien, am Schwanenspiegel, wo eigens eine Seebühne ins Wasser gesetzt wird – und auch hier regiert über weite Strecken der Jazz. Den Auftakt macht der Franko-Libanese Hausmane, dessen Stimme zwischen Chanson, Folk und Soul changiert und den Jazz wie selbstverständlich hineinwebt. Wenig später kommt mit Reuben James einer jener Londoner Pianisten und Sänger, die Kollegen längst verehren: ein Musiker, der mit Stormzy, Sam Smith und Lang Lang gearbeitet und die Musik zu „Ted Lasso" mitgeprägt hat und der Funk, Improvisation und Soul zu etwas verschmilzt, das tanzbar bleibt, ohne je gefällig zu werden. Die Pariser von OZMA spielen einen modernen, elektrisch aufgeladenen Jazz, der sich ungeniert bei Rock und Elektronik bedient, während das Londoner Ausnahmetalent anaiis den Neo-Soul ins Flüsternde, Intime wendet – beide ohne ihre jazzigen Wurzeln je zu verleugnen. Dazwischen bleibt Raum für den Indie-Folk der Leipziger Almost Twins und das Chanson der Französin Juliette Magnevasoa.
Wer die Sprache der Bühne sucht, wird ebenso fündig: Sasha Marianna Salzmann eröffnet mit einer Rede über Kunst in Kriegszeiten, Florentina Holzingers Musical-Horror „A Year without Summer" ist längst ausverkauft, im KIT spürt Fotograf Laurenz Berges verlassenen Orten nach, und die dänische Gruppe fix+foxy chauffiert ihr Publikum in „Taxi Drivers" durch die rauen Ecken der Stadt. Achtundzwanzig Produktionen, über siebzig Vorstellungen, Gäste aus mehr als einem Dutzend Ländern – das ist viel, fast zu viel für drei Wochen. Doch genau darin liegt der Reiz: wählen, sich verlaufen, Neues riskieren. Der Vorverkauf läuft. Wer klug ist, greift früh zu.














