Jetzt wird es Sommer!
Ein Vorausblick auf das Südtirol Jazzfestival Alto Adige 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Felix Zimmermann, Damiano Andreotti, Danilo Codazzi, Tore Sætre, Hreinn Gudlaugsson, Bengt Nyman
Vom 26. Juni bis 5. Juli verteilt das Südtirol Jazzfestival Alto Adige rund 50 Konzerte auf etwa 35 Spielorte. Das von Stefan Festini Cucco, Max von Pretz und Roberto Tubaro geleitete Festival zählt zu den konsequentesten Europas – jüngst vom Europe Jazz Network für „Adventurous Programming“ ausgezeichnet. Sein zentrales Prinzip: Der Ort ist nicht Kulisse, sondern Bestandteil der Musik. Das Programm will dabei erlebbar machen, wo der europäische Jazz gegenwärtig steht: zwischen orchestraler Verdichtung, elektroakustischer Forschung und der zunehmenden Verschmelzung von Jazz, Clubkultur und Komposition.
Eröffnung: Klang als physische Energie
Eröffnet wird am 26. Juni im NOI Techpark Bozen mit dem Gard Nilssen Supersonic Orchestra. Mit dreifacher Rhythmusgruppe und groß besetzter Bläsersektion steht das Ensemble in der Tradition kollektiver Großformationen – von Charles Mingus über das Globe Unity Orchestra bis zur skandinavischen Energy-Jazz-Schule. Aus dem Orchester lösen sich im Festivalverlauf kleinere Formationen, etwa die Supersonic Horns, die unter anderem in der Silvesterkapelle im Langental auftreten. So entsteht ein musikalischer Spannungsbogen über das gesamte Festival hinweg. Die Eröffnungsnacht im Batzen Sudwerk gestalten Elektro Guzzi, deren live gespielter Techno die Grenze zwischen Clubkultur und improvisierter Musik konsequent auflöst.
Anaïs Drago: eine der zentralen Stimmen der Gegenwart
Eine der prägnantesten künstlerischen Positionen des Festivals nimmt die 1993 in Biella geborene Geigerin Anaïs Drago ein. Sie steht für eine radikale Erweiterung der Jazzgeige hin zu einem elektroakustisch geprägten Klangdenken und wurde 2024 mit der nach dem Free-Jazz-Pionier benannten Seifert Competition ausgezeichnet. Zudem wurde sie mehrfach im DownBeat Critics Poll als „Rising Star“ geführt. Ihre Musik verbindet freie Improvisation, Elektronik und zeitgenössische Klangforschung zu einer eigenständigen Sprache jenseits traditioneller Jazzidiome. Besonders ihr Solokonzert im Klimastollen Prettau dürfte zu den markantesten Momenten der Ausgabe zählen: Die spezifische Raumakustik wird hier selbst zum kompositorischen Material. Auch ihr Trio ReLeVé, das 2026 für die jazzahead!-Showcases ausgewählt wurde, zählt zu den derzeit interessantesten jungen europäischen Formationen.
Nordische Prägung und europäische Linien
Stark vertreten ist erneut die nordische Szene. Das Goran Kajfeš Subtropic Arkestra führt auf dem Waltherplatz in Bozen die Idee des Spiritual Jazz weiter und verbindet sie mit psychedelischer Klangsprache und repetitiven Strukturen – deutlich hörbar im Dialog mit dem Erbe von Sun Ra und Don Cherry, der den skandinavischen Jazz nachhaltig geprägt hat. Der norwegische Pianist Håvard Wiik, bekannt unter anderem durch das Ensemble Atomic, steht für eine Ästhetik zwischen Postbop, freier Improvisation und struktureller Offenheit. Ergänzt wird dieses Spektrum durch Projekte wie Sissel Vera Pettersen / Eirik Hegdal, die die improvisatorische Linie der nordischen Szene weiterführen. Mit dem britischen Organisten und Pianisten Kit Downes ist zudem eine kammermusikalisch geprägte, stark ECM-inspirierte Klangsprache präsent.
Ortspezifik und Risiko als Prinzip
Ein zentrales Merkmal des Festivals bleibt die konsequente Einbindung ungewöhnlicher Spielorte. Erstmals bespielt werden unter anderem die Pferderennbahn Meran, die Stiftskirche Gries und die Seebühne am Wunderwald in Klobenstein. Mit dem Projekt Brazilian Motions macht Matthias Schriefl selbst die Wanderung zum Schneeberg zur musikalischen Komposition. In Kooperation mit dem Film Festival Bozen vertonen Matteo Paggi und Andrea Grossi eine Sammlung katalanischer Stummfilme live. Die sogenannten Sonic Reactions treiben das Prinzip der Improvisation weiter: Musikerinnen und Musiker treffen ohne Vorbereitung aufeinander und entwickeln Musik erst im Moment der Aufführung. Das fünfstündige KABARILA Jazz Ritual erweitert diesen Ansatz in Richtung kollektiver Performance-Formate. Den Schlusspunkt setzt am 5. Juli das Sheen Trio um die Bassklarinettistin Shabnam Parvaresh auf der Seebühne im Wunderwald am Ritten – ein kammermusikalisches Klangkonzept zwischen Bassklarinette, Gitarre und Schlagzeug, das Landschaft und Musik nochmals eng verschränkt.
Struktur und Haltung
Hinter dem weit verzweigten Festivalnetz steht ein dezentrales Konzept, das von Festivalgründer Klaus Widmann entwickelt und vom heutigen Leitungsteam konsequent weitergeführt wurde. Das Umherziehen zwischen Spielorten ist dabei nicht logistisches Nebenprodukt, sondern künstlerisches Prinzip. „Nomadisch zu sein war eine bewusste Wahl“, so Stefan Festini Cucco im vergangenen Jahr in Bozen. Gerade die intimen, teils abgelegenen Spielorte erzeugen eine besondere Intensität, die große Bühnen selten erreichen. Möglich wird dieses Modell durch ein breites Netzwerk aus Kulturorten, Gemeinden und historischen Gasthäusern in ganz Südtirol. An die Stelle früherer Länderschwerpunkte ist eine offene Programmlogik getreten, die das Hören selbst zum Thema macht – und in den Sonic Reactions ihren radikalsten Ausdruck findet. „Wenn ein Konzert im Freien endet, hören wir noch eine Weile weiter und nehmen unsere akustische Umgebung anders wahr“, beschreibt Stefan Festini Cucco diesen Ansatz. Dass ein großer Teil der Konzerte bei freiem Eintritt stattfindet, ist dabei sowohl Haltung als auch strukturelle Realität: In Parks, auf Plätzen und in alpinen Landschaftsräumen wäre eine klassische Zugangsschranke kaum sinnvoll. Möglich wird das Modell durch ein stabiles Fördernetzwerk aus öffentlicher Hand – der Autonomen Provinz Bozen, der Region und zahlreichen Gemeinden – sowie privaten Partnern, das dem Festival eine bemerkenswerte Kontinuität verleiht.
Praktische Infos
Tickets: Der Großteil der Konzerte – auf Plätzen, in der Natur und viele Tageskonzerte – ist kostenlos. Kartenpflichtig sind vor allem die Late-Nights im Batzen Sudwerk (10 €, ermäßigt 5 €) sowie einzelne Sonderkonzerte (KABARILA und DIASILLA je 15 €, Anaïs Drago im Klimastollen Prettau 5 €). Abos ab 28 €, Festival-Abo 75 € (ermäßigt 45 €). Ermäßigungen unter anderem für alle unter 30. Vorverkauf über ticket.bz.it und die Kasse des Stadttheaters Bozen (Piazza Verdi 40, Tel. +39 0471 053800).
Übernachtung: Quartier-Basis ist Bozen, je nach Konzerttag bieten sich auch Meran, Brixen oder Bruneck an. Einige Spielstätten sind selbst Hotels (Parkhotel Laurin in Bozen, Parkhotel Holzner am Ritten, Hotel Bad Ratzes in Seis) – frühzeitig buchen lohnt sich.
Zu allen Außenspielorten ist ein Shuttlebus im Einsatz!
Info & Programm. suedtiroljazzfestival.com; Veranstalter JMP – Jazz Music Promotion, Bozen, info@suedtiroljazzfestival.com.
Programm-Highlights Tag für Tag
-
Fr 26.6. – Eröffnung (Bozen): 20:30 Supersonic Drummers, 21:00 Gard Nilssen's Supersonic Orchestra (NOI Techpark); 23:00 Afterparty Elektro Guzzi + ALPI (Sudwerk)
-
Sa 27.6.: 11:00 Supersonic Horns (Silvesterkapelle Langental); 21:00 Goran Kajfeš Subtropic Arkestra (Waltherplatz); 23:00 SERA KALO eXII (Sudwerk)
-
So 28.6.: 11:30 Pettersen/Hegdal (Vigiljoch); 15:00 Anaïs Drago solo (Klimastollen Prettau); 18:00 Håvard Wiik Trio (Sarnthein); 21:00 Team Hegdal mit Gard Nilssen (Berloffa-Park)
-
Mo 29.6.: 15:00 Sonic Reaction mit Anaïs Drago & Kit Downes (Waaghaus); 21:00 Anaïs Drago – ReLeVé (Semirurali-Park); 23:00 OASIS BOOM (Sudwerk)
-
Di 30.6.: 18:00 Kit Downes – Solo Organ (Stiftspfarrkirche Gries); 21:00 Spin & Spells (Brennereien Roner, Tramin); 23:00 My End Is My Beginning (Sudwerk)
-
Mi 1.7.: 19:30 Paggi/Grossi – Silent Movie Score (Filmclub); 21:00 KABARILA (Sudwerk); 21:00 N∆BOU (Stadtplatz Sterzing)
-
Do 2.7.: 18:00 Laura Zöschg & Euregio Jazzwerkstatt (Stanglerhof, Völs); 21:00 LVDF (Guggenberg Brixen); 21:00 DIASILLA (Messe Bozen)
-
Fr 3.7.: 20:00 Matthias Schriefl & Musikkapelle Schabs (Festung Franzensfeste); 21:00 NUBU (Parkhotel Laurin)
-
Sa 4.7.: 11:00 Felix Hauptmann (Parkhotel Holzner, Ritten); 21:00 O.N.E. (NOI Techpark); 23:00 VAAGUE (Sudwerk)
-
So 5.7. – Abschluss: 12:00 Brazilian Motions / Matthias Schriefl (St. Martin am Schneeberg); 18:00 Sheen Trio (Wunderwald, Klobenstein); 23:00 Closing Party (Sudwerk)














