Musikalische Feinmechanik
Klaus Paier und Florian Dohrmann kommen zu FineArtJazz
FOTO: Michael Reidinger
Wenn ein Akkordeon auf einen über 120 Jahre alten böhmischen Kontrabass trifft, dessen seidene Saiten einen fast vergessenen, samtigen Ton erzeugen, dann kann dies auch mal auf akustische Archäologie hinauslaufen: Am 23. Januar gastieren Klaus Paier und Florian Dohrmann im Kunstraum Norten und verwandeln die Gelsenkirchener Spielstätte in eine Kammer für musikalische Feinmechanik. Das Duo, das sich im Rahmen einer kleinen Club- und Kirchentour durch Deutschland bewegt und nun auch bei der Jazzreihe FineArtJazz Station macht, hat mit „Inspired Rendezvous" ein Album vorgelegt, das als Visitenkarte einer ungewöhnlichen Partnerschaft funktioniert. Keine Frage, dass diese zwei Musiker ihre jeweiligen Instrumente längst aus den gewohnten Kontexten gelöst haben – und nun gemeinsam ausloten, was passiert, wenn man Tango, Klezmer, Jazzballade und Kammermusik nicht als Schubladen, sondern als Vokabular begreift.
Zwei gleichberechtigte Stimmen
Klaus Paier, 1966 in Kärnten geboren und am Konservatorium Klagenfurt ausgebildet, gilt als einer der profiliertesten Akkordeonisten Europas. Er hat sein Instrument aus der Alpenfolklore befreit und zu einem Medium der Klangforschung gemacht – international tourend, vielfach ausgezeichnet, zu Hause zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik. Wer ihn live erlebt, hört einen Musiker, der Obertöne freilegt und Melodielinien so phrasiert, als würde er sie im Moment erst erfinden.
Florian Dohrmann, Jahrgang 1972 und Mitbegründer des legendären David Orlowsky Trios, bringt die Erfahrung eines Stilwanderers mit. Sein Kontrabass, gebaut 1903 in Böhmen, ist dabei mehr als ein Werkzeug – die von ihm bevorzugten seidenen Saiten, heute eine Rarität, erzeugen jenen warmen, volltönenden Klang, der sein Spiel unverwechselbar macht: weniger perkussiv, dafür reicher an Obertönen und seidiger im Ton. Gemeinsam entsteht ein permanenter Dialog, in dem beide Stimmen gleichberechtigt agieren. Momente großer Stille stehen neben impulsiven Improvisationen, kammermusikalische Feinheit neben jazziger Direktheit. Das Repertoire der beiden speist sich aus Eigenkompositionen, freien Improvisationen und stilistischen Querverweisen, die von Piazzolla bis zur osteuropäischen Volksmusik reichen. Der Kunstraum Norten ist für dieses Format ideal: klein genug, um jede Phrasierung zu hören, intim genug, um die Stille zwischen den Tönen als Teil der Musik zu begreifen. Ein Abend für alle, die wissen, dass Zuhören eine aktive Tätigkeit ist,
Klaus Paier & Florian Dohrmann | Fr 23.1. | Kunstraum Norten, Gelsenkirchen | Infos und Tickets beim Veranstalter
