Mozart am Bosporus, Klarinette auf Abwegen
Wegweiser durch das Multiphonics Festival
FOTO: Bildquelle: Website Multiphonics Festival
Vom 21. bis 25. Oktober 2026 lotet das Multiphonics Festival in Köln die Grenzen zwischen Jazz, Weltmusik und freier Improvisation aus. Zwischen Alter Feuerwache und Altem Pfandhaus treffen persische Traditionen auf Jazzrock, kammermusikalische Zwischentöne auf den Sog marokkanischer Gnawa-Musik.
Was wäre gewesen, wenn Wolfgang Amadeus Mozart 1781 nach Konstantinopel gereist wäre? Das deutsch-türkische Ensemble FisFüz macht aus dieser historischen Spekulation das Programm seines Abschlusskonzerts. In „Mozart im Morgenland oder: Die Entführten aus dem Serail“ begegnet der Komponist den Musikern des osmanischen Hofes. Was dabei musikalisch herauskommt, dürfte mehr sein als ein exotisches Gedankenspiel: ein Spiel mit Perspektiven und Hörgewohnheiten, das auch Mozarts Oper aus ungewohnter Richtung beleuchtet.
Solche Grenzüberschreitungen gehören zum Konzept des Multiphonics Festivals, das die Klarinettistin Annette Maye ins Leben gerufen hat. Die Klarinette ist dabei kein bloßes Erkennungszeichen, sondern ein Instrument mit vielen möglichen Rollen: Sie kann Melodien ornamentieren, sich in kammermusikalische Dialoge einfügen oder in freier Improvisation ihre vertraute Funktion hinter sich lassen. Die Bassklarinette bringt zusätzliche Tiefe ins Spiel. Entscheidend ist, was die Musiker aus diesen Möglichkeiten machen – und welche musikalischen Sprachen dabei aufeinanderprallen.
Zum Auftakt führt das Beyond The Roots Large Ensemble Einflüsse aus persischer, indischer und japanischer Musik mit türkischer Folklore, mitteleuropäischen Traditionen und zeitgenössischem Jazz zusammen. Am Donnerstag setzt die iranische Klarinettistin und Komponistin Shabnam Parvaresh mit ihrem Sheen Trio andere Akzente. Gemeinsam mit Gitarristin Ula Martyn-Ellis und Schlagzeuger Philipp Buck verbindet sie persische Bezüge mit Rock und experimenteller Klangkunst. Ihre Musik bewegt sich zwischen meditativer Ruhe und eruptiver Energie; Themen wie Migration, Erinnerung und Identität bilden einen persönlichen Hintergrund. Danach schaltet Jin Jim mit Jazzrock, Flamenco und progressiven Rhythmen in einen deutlich druckvolleren Modus.
Der Freitag setzt auf zwei Spielarten improvisierter Musik. Der französische Klarinettist Louis Sclavis und Pianist Benjamin Moussay erkunden in „Unfolding“ die Möglichkeiten des Duos. Anschließend öffnet Short Cuts mit Pianistin Sylvie Courvoisier, Holzbläser Ned Rothenberg und Schlagzeuger Nasheet Waits den Raum für spontane musikalische Entscheidungen. Hier geht es weniger um stilistische Vermittlung als um das Risiko des Augenblicks.
Am Samstag treffen bei einem Trio mit Khadim Seck, Tony Clark und Max Clouth indische und afrikanische Traditionen auf modernen Jazz. Danach setzt Gnawa World Blues auf rhythmische Intensität: Der marokkanische Musiker Majid Bekkas, Gitarrist Nguyên Lê, Schlagzeuger Hamid Drake und Gast Manuel Hermia verbinden Gnawa-Trance und Desert Blues mit Rock und Jazz. Die Musik zielt auf einen Sog, der sich aus Wiederholung, Verdichtung und improvisatorischer Freiheit entwickelt.
Die Konzerte finden in der Alten Feuerwache und im Alten Pfandhaus in der Kölner Südstadt statt. Die Konzentration auf zwei Häuser und klar konturierte Konzertabende macht das Programm auch für spontane Besucher überschaubar. Man muss nicht das ganze Festival mitnehmen, um unterschiedliche Zugänge zu improvisierter Musik kennenzulernen.
Zum Abschluss kehrt FisFüz mit Mozart und dem osmanischen Hof zu einer Frage zurück, die über das historische Gedankenspiel hinausgeht: Was passiert, wenn Musik nicht nur die eigene Tradition bestätigt, sondern sich auf fremde Klangsprachen einlässt? Die Antwort gibt es nicht als These, sondern auf der Bühne.
Multiphonics Festival, Köln, 21.–25. Oktober 2026.
Programm, Spielstätten und Tickets: https://multiphonics-festival.com/









