Kultur unter Druck
Jazz muss jetzt Haltung zeigen
TEXT: Stefan Pieper |
In Sachsen-Anhalt ist die AfD mit fast 44 Prozent der Stimmen stärkste Kraft geworden. Damit steht erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Möglichkeit im Raum, dass eine als rechtsextrem eingestufte Partei in einem deutschen Bundesland Regierungsverantwortung übernimmt. Noch ist die Regierungsbildung offen. Doch allein dieses Szenario markiert eine historische Zäsur. Der Wahlerfolg wird auch - und gerade?- außerhalb Deutschlands als Warnsignal wahrgenommen. Deutschland gilt nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus als Land, in dem die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit tief im politischen Selbstverständnis verankert ist. Dass eine extrem rechte Partei nun derart stark wird und nach der Macht greift, erschüttert dieses Selbstbild.
Die Deutsche Jazzunion und die Bundeskonferenz Jazz reagieren mit einem direkten Aufruf. Sie seien „erschüttert, besorgt und mit einem Gefühl der Hilflosigkeit“. Doch gerade jetzt dürfe man nicht verharren: zusammenstehen, Haltung zeigen, handeln. nJazz ist dafür mehr als ein beliebiges kulturelles Beispiel. Seine Geschichte ist geprägt von Migration, kultureller Vermischung und Begegnung. Die Musik lebt vom Unterschied, vom Zuhören und von der Offenheit für das Unvorhersehbare. Eine Ideologie, die Menschen nach Herkunft oder vermeintlicher kultureller Zugehörigkeit sortiert, steht dazu im Widerspruch.
Geht auf Konzerte! Veranstaltet Konzerte!
Wie konkret dieser Anspruch aussehen kann, zeigt sich ausgerechnet in Halle. Unmittelbar nach der Wahl beginnt dort das A-Minor Festival für Jazz und improvisierte Musik des Jazzkollektivs Halle. Vom 8. bis 13. September bringt das Festival Konzerte, Workshops, Film und Gespräche an verschiedene Orte der Stadt. nWährend die AfD triumphiert, entsteht dort ein öffentlicher Raum, der auf Offenheit und Austausch setzt. Ein Festival verhindert keinen Rechtsruck, ein Konzert verändert keine Mehrheitsverhältnisse. Aber es schafft Öffentlichkeit und Begegnung. Gerade dort, wo gesellschaftliche Offenheit unter Druck gerät, ist das nicht nebensächlich.
Deshalb reicht es nicht mehr, sich auf die vermeintliche politische Neutralität der Kunst zurückzuziehen. Ein Konzert muss keine Parteitagsrede sein, Musik darf widersprüchlich, ambivalent oder unpolitisch bleiben. Doch wer Räume für unterschiedliche Menschen und Perspektiven offenhält, setzt der Normalisierung von Ausgrenzung etwas entgegen. Das hat kulturpolitische Konsequenzen. „Vielfalt“ darf nicht bei Sonntagsreden stehen bleiben. Clubs, freie Spielstätten, Festivals, soziokulturelle Zentren und Jugendkultur brauchen eine belastbare Infrastruktur. Gerade in strukturschwachen Regionen sind sie keine Luxusangebote, sondern soziale Orte. Wer sie schwächt, spart nicht nur an Kultur.
„Die Vielen“ gegen rechte Hetze
Die Jazzverbände verweisen deshalb auch auf „Die Vielen“, das bundesweite Bündnis von Kulturinstitutionen und Verbänden für eine offene Gesellschaft. Am 12. September ruft „Die Vielen“ in Berlin zur „Glänzenden Demonstration“ gegen rechtsextreme Politik und eine Regierungsbeteiligung der extremen Rechten auf. Der Jazz kann die Demokratie nicht retten. Aber er kann Räume verteidigen, in denen Freiheit, Unterschiedlichkeit und Begegnung praktisch erfahrbar sind. Jetzt ist nicht die Zeit für Angststarre. Es ist Zeit, diese Räume zu behaupten – mit Musik, Öffentlichkeit und Widerspruch.
