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Hört das Auge mit?

Wie Farbe im Raum den Sound verändert

Berlin, 08.04.2026

Wer regelmäßig auf Jazzkonzerten unterwegs ist, kennt das Gefühl: Im einen Raum klingt dasselbe Trio warm und erdig, im anderen dünn und steril. Man schiebt es auf die Akustik, auf die PA, auf den Raum. Aber was, wenn es auch an der Wandfarbe liegt?

Eine neue Studie des Fachgebiets Audiokommunikation der TU Berlin legt genau das nahe. Die Forschenden haben 48 Versuchspersonen per VR-Brille in einen virtuellen Konzertsaal versetzt und ihnen identische Musik bei identischer Akustik vorgespielt — nur die Farbgebung des Raums wurde verändert. Zwölf Varianten, systematisch abgestuft nach Farbton, Helligkeit und Sättigung. Das Ergebnis der Untersuchung ist verblüffend eindeutig: Dunklere, gedeckte Farben ließen die Musik wärmer und angenehmer wirken. Kühle, grelle Töne — gesättigtes Blau, knalliges Grün — verschoben den Klangeindruck in Richtung Kälte und Distanz. Die wahrgenommene Lautstärke blieb laut der Studie unbeeinflusst, aber Klangfarbe und Wohlgefühl reagierten messbar auf das, was die Augen sahen.

Die Forschenden sprechen von multisensorischer Integration: Das Gehirn verrechnet visuelle und auditive Information nicht getrennt, sondern baut aus beidem eine einzige Erfahrung. Die Farbe eines Raums liefert dabei, so die Studie, eine Art Stimmungsvorlage, die das Ohr bereitwillig übernimmt. Musiker würden es vielleicht einfacher ausdrücken: Der Raum spielt mit.

Jeder Ort hat seinen eigenen Sound 

Für die Livemusikszene ist das mehr als eine akademische Fußnote. Wer an intime Konzerte in kleinen Spielstätten denkt, weiß: Jeder Ort hat einen eigenen Sound, der weit über Raummaß und Beschallungstechnik hinausgeht. Die dunklen Backsteinwände, das warme Licht, der abgewetzte Charme einer echten Spielstätte — all das formt den Höreindruck mit, bevor der erste Ton erklingt. Die Berliner Untersuchung liefert nun die empirische Bestätigung für etwas, das Konzertgänger und Musikerinnen schon lange spüren. Umgekehrt erklärt die Studie auch, warum Livemusik in Mehrzweckhallen mit Neonlicht und hellen Wänden so oft verloren klingt — selbst wenn die Akustik auf dem Papier stimmt. Es fehlt nicht an Dezibel, es fehlt an atmosphärischer Rahmung. Das Auge erzählt dem Ohr die falsche Geschichte.

Für Veranstalter und alle, die Spielstätten planen oder umbauen, steckt in den Ergebnissen ein konkreter Hinweis: Farbkonzepte gehören in die Diskussion um den Sound. Nicht ans Ende des Prozesses, als kosmetische Entscheidung, sondern an den Anfang. Wer einen Raum für improvisierte Musik gestaltet, sollte Farbe und Licht als Teil des Klangs begreifen. Die Studie legt nahe, dass schon kleine Eingriffe — ein Anstrich, eine veränderte Beleuchtung — die Wahrnehmung verschieben können.

Die Untersuchung hat Grenzen und die Autoren benennen sie selbst: VR und Kopfhörer sind kein realer Konzertraum mit echtem Publikum und echter Luft. Ob die Effekte sich über einen ganzen Abend halten und wie kulturelle Prägung sie beeinflusst, bleibt offen. Aber die Richtung stimmt. Und die Studie führt zu einer einfachen Frage: Wenn wir wissen, dass die Farbe eines Raums den Klang mitformt — warum behandeln wir Konzertorte dann so, als wäre nur die Akustik wichtig?


Studie: Fachgebiet Audiokommunikation, TU Berlin. Veröffentlicht am 23. März 2026.

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