Frische Klänge im Ballenlager
Das EmsJazzFestival Greven geht in die fünfte Runde
FOTO: Bildquelle: website Stadt Greven
Noch zwei Wochen. Dann öffnet das Grevener Ballenlager wieder seine Türen für drei Tage, an denen im Münsterland die Uhren anders gehen: Vom 4. bis zum 6. September steigt das EmsJazzFestival zum fünften Mal – und das Jubiläumsprogramm hat es in sich. Neun Bands im Hauptprogramm, dazu die Inside Out Big Band als Auftakt am Samstagnachmittag, eine Jazz-Ausstellung im Foyer und ein Publikum, das inzwischen aus der halben Republik anreist. Rund zwei Drittel der Besucherinnen und Besucher kommen mittlerweile von außerhalb Grevens – ein Umstand, den die Macher mit einer Mischung aus Stolz und Staunen zur Kenntnis nehmen.
Ein Ruf, der weit über die Ems hinausreicht
Dass aus einer lokalen Idee eine feste Größe im nordrhein-westfälischen Festivalkalender geworden ist, hat sich spätestens im vergangenen September herumgesprochen. „Tosender Beifall aus dem vollbesetzten Ballenlager", notierten die Westfälischen Nachrichten damals und vergaben fünf Sterne. Selbst der Reutlinger Generalanzeiger – gut 500 Kilometer Luftlinie entfernt – schrieb dem Grevener Wochenende „exklusive Momente" zu. Und die Bands selbst bedankten sich hinterher für Herzlichkeit, Organisation und ein Programm, das sich etwas traut.
Genau daran hält die Jazz AG der Grevener Kulturinitiative fest. Rollo Grieskamp, Roland Post, Werner Jacobs, Ulrich Reske und Jürgen Beckgerd kuratieren auch die fünfte Ausgabe nach dem bewährten Prinzip: drei Tage, ein breiter Querschnitt durchs Genre, bewusst gesetzte Brüche im Ablauf – und nichts, was man schon hundertmal gehört hat. Ehrenamtlich, wohlgemerkt. Gefördert wird das Festival vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Der Ort trägt seinen Teil dazu bei. Die knapp hundert Jahre alten Mauern der ehemaligen Grevener Baumwollspinnerei geben dem Ganzen eine Kulisse, die kein Konzerthaus nachbauen kann: Backstein, Industriegeschichte, moderne Technik – und kurze Wege in die Innenstadt.
Freitag: Vom „Überjazz" zur Ausnahmepianistin
Den Auftakt macht um 17 Uhr das Horst Hansen Trio, das aus fünf Musikern besteht und sich auf einen möglicherweise nie existierenden Gründervater beruft. Ein Chronist der Ruhrfestspiele taufte das Ganze „heftiger Überjazz" – powernde Grooves, Anleihen bei Hip-Hop und Drum & Bass, immer auf der Kippe zwischen Jazz und Tanzmusik. Wer glaubt, ein Jazzfestival beginne getragen, wird hier eines Besseren belehrt. Der Kontrast folgt um 19.15 Uhr: Pianist David Helbock und Cellistin/Bassistin Julia Hofer öffnen im Duo akustische Räume, wie zuletzt auf ihrem Album „Faces of the Night". Er der Grenzgänger aus Vorarlberg, sie die Schnellstarterin der österreichischen Szene, die aus dem Pop kommt und entsprechend groovt. Und dann, um 21.30 Uhr, das, was einer der Kuratoren offen als seine „absolute Traum-Formation" bezeichnet: das Quartett von Shuteen Erdenebaatar. Die aus der Mongolei stammende, in München lebende Pianistin gewann 2024 den Deutschen Jazzpreis; gemeinsam mit Nils Kugelmann (b), Valentin Renner (dr) und Anton Mangold (sax) verwebt sie Klänge ihrer Heimat mit dem Jazz – poetisch, unaufgeregt und erstaunlich klischeefrei.
Samstag: Big Band, Leuchtturm und Grand Dame
Der Samstag startet bereits um 15.30 Uhr mit der Inside Out Big Band unter Leitung von Ansgar Elsner: satter Bläsersound aus dem Münsterland, von Swing-Klassikern über Latin und Funk bis zu Pat Metheny und Chick Corea. Um 17 Uhr kehrt ein alter Bekannter zurück. Jens Düppe war 2023 solo in Greven, 2024 mit dem Cologne Contemporary Jazz Orchestra – nun bringt der Schlagzeuger, den das Jazzpodium zu den führenden deutschen Vertretern seines Fachs zählt, sein neues Quintett mit: Francesco Bearzatti (sax), Frederik Köster (tp), Lars Duppler (p) und Christian Ramond (b).
Triosence macht um 19.15 Uhr weiter mit dem, was Pianist Bernhard Schüler einmal „Songjazz" getauft hat – Jazz, Fusion, Folk und Worldmusic, gespielt mit einer Leichtigkeit, die in diesen Zeiten fast trotzig wirkt. Mit dabei: Omar Rodriguez Calvo (b) und Tobias Schulte (dr).
Den Höhepunkt des Abends setzt um 21.30 Uhr Aki Takase mit ihrer Band Japanic. Die 78-Jährige gilt als Leitfigur des europäischen Improvisationsjazz, hat neunmal den Deutschen Schallplattenpreis gewonnen und bewegt sich seit Jahrzehnten souverän zwischen Bop-Tradition und Avantgarde. Mit Daniel Erdmann (sax), Vincent von Schlippenbach (turntables), Carlos Bica (b) und Dag Magnus Narvesen (dr) dürfte das der lauteste, wildeste und überraschendste Programmpunkt des Wochenendes werden.
Sonntag: Kammermusik, Streicher und zwei Erzähler
Der Schlusstag beginnt um 16 Uhr mit Prepared aus der Münchner Experimentalszene. Chris Gall, Florian Riedl und Christoph Holzhauser bahnen sich mit Klavier, Bassklarinette und Schlagzeug einen Weg durch Kammermusik, Minimalismus, Tango und Hip-Hop – live gern deutlich anders als auf Platte. Um 18.15 Uhr wird es ambitioniert: Sebastian Wappler bringt sein Trio mit Enna Lesch (b) und Valentin Steinle (dr) plus das vierköpfige LYS-Ensemble mit und lotet die Schnittstelle von Jazz und Klassik aus – Groove trifft auf Klangtiefe, Improvisation auf Komposition. Zum Finale um 20.30 Uhr treffen zwei aufeinander, die sich gesucht und gefunden haben: der Schweizer Stimmakrobat Andreas Schaerer und der spanische Pianist Daniel Garcia, der 2023 in Greven bereits für Jubel sorgte. Wenn die beiden anfangen, sich auf der Bühne Geschichten zu erzählen – zwischen Jazz, Flamenco, Folklore und Hip-Hop –, ist alles möglich. Ein Abschluss, der noch länger nachhallen dürfte als die letzte Zugabe.
Alles, was man wissen muss
Wann: Freitag, 4., bis Sonntag, 6. September 2026 Wo: Ballenlager im Kulturzentrum GBS, Friedrich-Ebert-Straße 3–5, 48268 Greven Tickets: Festivalticket 120 Euro (ermäßigt ab 110 Euro), Tagesticket 49 Euro (ermäßigt ab 45 Euro) – online über localticketing.de, Hardtickets bei Cramer + Löw und Greven Marketing Extra: Jazz-Ausstellung in Kooperation mit der Galerie Hunold, das gesamte Wochenende in Foyer und Saal. Für Speisen und Getränke ist vor Ort gesorgt. Anreise: Parken am Wilhelmplatz oder am Hallenbad; vom Bahnhof sind es rund fünfzehn Minuten zu Fuß. Infos: emsjazz.de
