Freilegen, nicht verdecken
Ein Nachruf auf Cassandra Wilson
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Stefan Pieper
Cassandra Wilson ist tot. Die Sängerin, Gitarristin und Produzentin starb am 1. September im Alter von 70 Jahren in Jackson, Mississippi, wo sie geboren wurde und die letzten Jahre lebte. Sie hinterlässt mehr als 20 Alben als Bandleaderin und gilt als eine der prägendsten Jazzvokalistinnen ihrer Generation.
Moers-Festival, am 14. Mai 2016: Cassandra Wilson steht auf der Bühne nicht mit einem klassischen Jazzquartett oder einer Band, die ihre bekannten Blue-Note-Sounds reproduzierte, sondern mit dem Trio Harriet Tubman: Brandon Ross an Gitarre und Banjo, Melvin Gibbs am Bass, J. T. Lewis am Schlagzeug. Das Projekt hieß „Black Sun". Schon der Bandname war ein Statement: Harriet Tubman führte im 19. Jahrhundert versklavte Menschen über das Underground Railroad in die Freiheit. Entsprechend weit entfernt von gefälligem Crossover klingt die Musik des Trios: elektrisch, schwer, bluesgetränkt, mitunter geradezu bedrohlich – ein Klangkörper, der sich mit afroamerikanischer Geschichte befasst, während Brandon Ross auf die afrikanischen Wurzeln des Banjos verweist.
Erklären musste sie an diesem Abend nichts. Dass Blues und Avantgarde, Geschichte und Improvisation zusammengehören konnten – all das ergab sich, während sie darin sang. Und sie griff selbst zur Gitarre: nicht virtuos im klassischen Sinn, aber als Teil dieses Klangkörpers. Sie wollte nicht vor einer Band stehen, sondern sich innerhalb der Musik bewegen.
Die Welt für einen Moment erträglicher machen
Geboren wurde sie am 4. Dezember 1955 als Cassandra Fowlkes, der Vater Jazzmusiker, die Mutter Lehrerin. Motown und Miles Davis, populäre afroamerikanische Musik und Thelonious Monk, das lag in ihrer Welt ohnehin nebeneinander. Über das College und New Orleans führte der Weg nach New York, ins Umfeld des von Steve Coleman geprägten M-Base Collective: rhythmisch komplex, elektrisch, offen für Hip-Hop und Funk verkörperte auch diese Musik das Gegenteil dessen, was man sich damals unter einer Jazzsängerin vorstellte.
Den entscheidenden Schritt machte sie Anfang der neunziger Jahre bei Blue Note. „Blue Light 'Til Dawn" (1993) fand eine Sprache, die radikal reduziert und zugleich ungemein weit war. Robert Johnson und Joni Mitchell konnten dort nebeneinander stehen, ohne dass daraus ein demonstratives Crossover wurde. Der Rest ist institutionelle Anerkennung: der Grammy für „New Moon Daughter" 1997, zwölf Jahre später ein zweiter für „Loverly", 2001 der Titel „America's Best Singer" im Time Magazine, 2022 die Ernennung zum NEA Jazz Master. Dazu Arbeiten mit Wynton Marsalis – auch bei dessen Pulitzer-gekröntem „Blood on the Fields" –, mit Bill Frisell, Charlie Haden, Angelique Kidjo.
2015 erschien mit „Coming Forth by Day" ihre Auseinandersetzung mit Billie Holiday zu deren 100. Geburtstag – und ihr letztes Album unter eigenem Namen. Auch hier ging es nicht um Nachahmung. Wilson behandelte Holiday nicht als Ikone, der man sich möglichst originalgetreu anzunähern hat, sondern begegnete ihr als Künstlerin einer anderen Generation. Nicht die leidvolle Biografie, aus der man diese Musik gemeinhin erklärt, stand im Zentrum, sondern das, was solche Songs vermochten: eine Welt zu schaffen, in der die Realität für einen Moment erträglicher wurde.
Selbstbestimmung auf einer tieferen Ebene
Dass Cassandra Wilson am Ende ihres Lebens nach Jackson zurückkehrte, ist kein Zufall. So weit sie gereist ist – von den experimentellen M-Base-Zirkeln im New York der achtziger Jahre bis auf die großen internationalen Bühnen –, diese Stadt blieb die Grundierung, auf der alles andere aufbaute. Ihre dunkle Altstimme war nicht einfach tief. Sie hatte Gewicht, ohne sich aufzudrängen. Sie konnte hauchen, erzählen, eine Melodie beiläufig umkreisen oder einen Ton so lange stehen lassen, bis aus einer schlichten Phrase Geschichte wurde. Gegenüber der Washington Post hat sie einmal sehr präzise beschrieben, wie sie mit fremdem Material umging: „A song has to live for you." Ein Stück müsse mit einer konkreten Erinnerung verbunden sein. Es zu singen bedeute deshalb nie, es zu covern: „You're uncovering it." Man legt es frei.
Das Politische an dieser Musik lag nie in plakativen Botschaften. Wilson hat aus ihren Konzerten keine Kundgebungen gemacht und ihre Songs nicht mit Parolen aufgeladen. Es lag eine Ebene tiefer, in einer Form von Selbstbestimmung: Sie ließ sich nicht vorschreiben, wie eine Jazzsängerin zu klingen hat, welches Repertoire ihr zusteht, in welche Kategorie sie gehört. Die Weigerung, zwischen Blues und Avantgarde, zwischen Mississippi und New York eine Grenze zu ziehen, war deshalb nie bloß eine Geschmacksfrage. Und ein Abend wie der in Moers war kein Ausflug ins Experimentelle, sondern die konsequente Anwendung dieser Haltung – auf einer Bühne, auf der afroamerikanische Geschichte nicht Thema war, sondern Material.
Cassandra Wilson musste sich nicht befreien, um Grenzen zu überschreiten. Sie hat diese Grenzen gar nicht erst anerkannt. Das war keine Beliebigkeit, es war eine Entscheidung – und wer sie in Moers und anderswo erlebt hat, konnte das immer wieder überprüfen. Was bleibt, ist keine Denkmalpflege, sondern das nächste Hören: ein Song, der plötzlich anders klingt, weil eine Stimme darin steckt, die wusste, dass Musik niemals nur aus Tönen besteht.



