Freier Eintritt, freie Improvisation
Ein Vorausblick auf das Platzhirsch-Festival
Platzhirsch Duisburg: Laut draußeZwei Tage, neun Spielorte, über vierzig Programmpunkte: Am 18. und 19. September lädt Duisburgs kreativstes Festival wieder ein – bei freiem Eintritt. Mit dabei: eine Live-Vertonung von Lynchs „Eraserhead", freie Improvisation aus Barcelona und ein Film über den Komponisten Julius Eastman.
Seit dreizehn Jahren kommt in Duisburg ein Festival ohne festen städtischen Etat aus und ist trotzdem immer weiter gewachsen: Die aktuelle Ausgabe vom Platzhirsch-Festival vom 18. bis 19. September verbindet internationale Avantgarde, regionale Szene, Literatur und bildende Kunst in diversen Spielstätten rund um den Dellplatz - und verlangt dafür keinen Eintritt. Der Schwerpunkt liegt auf improvisierter Musik und aktuellen Underground-Bands, dazu kommt in diesem Jahr ein besonderes Film-Konzert. Veranstalter ist der gemeinnützige Verein Kultursprung, der das Festival seit 2013 ehrenamtlich organisiert und mit rund 100.000 Euro aus Sponsoring und Spenden finanziert.
David Lynchs "Eraserhead" bekommt in Duisburg einen neuen Soundtrack
Der Freitag sammelt Formate, in denen Musik sich auf etwas anderes bezieht. In St. Joseph läuft „Gesänge – Rufe", eine Arbeit zwischen Film, Konzert und Performance, im Bora folgt „Eraserhead Xiu Xiu". David Lynchs verstörendes Filmdebüt von 1977 hat im engeren Sinn keine Musik; was den Film trägt, ist das Sounddesign von Lynch und Alan Splet. Wer das nachspielt, kann keine Themen zitieren, sondern muss ein Klangprinzip rekonstruieren. Jamie Stewart und Angela Seo tun es mit Field Recordings, selbstgebauten Instrumenten, Orgel, Modularsynthesizern und Mitteln der Musique concrète, und zwar als Konzert mit eigener Bildebene, nicht als Filmvorführung mit Live-Begleitung. Später übernehmen FLÖJTER aus Schweden und Frankreich die Kirche.
Draußen läuft parallel das regionale Programm, und die Reihenfolge verdient Beachtung. Das Junge Ensemble Bahtalo eröffnet die Hauptfläche, Güner Künier beschließt den Abend. Dazwischen spielen Alles ist gesagt, Müde Augen sowie die englischen Bands 1000 Rabbits und Plainhead. Die regionale Szene bekommt damit die späten, gut besuchten Slots statt der frühen Randzeiten – auch das eine Programmierentscheidung, die man von größeren Festivals selten sieht. Im Bora liest zudem Karosh Taha aus „Gulistan".
Der Samstag beginnt am frühen Nachmittag mit Zauberkunst, der Mixed-Abled-Dance-Produktion DOR, Werkstätten, dem MINT-Bus der Universität Duisburg-Essen und Deniz & Ove im Kinderprogramm; dazu spielt AKTAF – Einheit in der Vielfalt e. V. Das alles läuft auf derselben Fläche und in derselben Zeitleiste wie der Abend.. In der Säule bespielen Lütfiye Güzel und Miedya Mahmod das Format „ABLA PALAVRA".
Improvisierte Musik, die körperlich bleibt
Am Abend teilt sich das Programm in zwei Stränge. Draußen beginnen Princess Thailand aus Frankreich, es folgen die Kanadier Concrete Vehicles, Los Sara Fontan und Sophia Kennedy; im Graefen spielen Die Expressionisten. Das Barceloneser Duo Los Sara Fontan dürfte für Improvisationsfreunde der interessanteste Programmpunkt des Abends sein: Sara Fontán behandelt ihre Geige perkussiv und geräuschhaft, arbeitet mit Präparationen, Effektketten und langen Bögen, Edi Pou setzt an Elektronik und Schlagwerk repetitive Muster dagegen, die zwischen Krautrock-Puls und Rückkopplung pendeln. Frei improvisierte Musik, die den offenen Platz verträgt, weil sie körperlich bleibt. Sophia Kennedy kommt aus der Gegenrichtung: Sie veröffentlicht auf Pampa Records und stellt Chanson, Musicalgesten, Sampling und Elektronik nebeneinander, ohne die Nähte zu kaschieren – näher an Kate Bush und Scott Walker als am aktuellen Elektropop.
In St. Joseph laufen zur selben Zeit die langen Formen: Trace Polly, die Franzosen Pas Est Le Saut und zum Schluss Penelope Trappes. Die Australierin, früher Teil des Duos The Golden Filter, baut aus Tape-Loops, verhallten Streichern und bewusst zurückgenommener Stimme Stücke, in denen harmonische Bewegung minimal bleibt und die Spannung aus Textur und Dynamik entsteht. Der Kirchenraum liefert ihr den Nachhall, den sie sonst elektronisch herstellen müsste, und die nötige Konzentration. Der dichteste Moment des Wochenendes liegt womöglich in der Säule, wo „Joy Boy" läuft. Julius Eastman, 1990 verarmt gestorben, gehört zu den zentralen Figuren des amerikanischen Minimalismus; seine Partituren waren nach seinem Tod zu großen Teilen verloren und werden erst seit wenigen Jahrzehnten rekonstruiert. Ein ehrenamtlich gestemmtes Stadtfestival programmiert damit einen Komponisten, an dem der Betrieb jahrzehntelang vorbeigesehen hat, und stellt ihn in dieselbe Zeitleiste wie Improvisationsduo, Kunstpop und Kinderprogramm.
Dass ein Programm dieser Reichweite fast ohne öffentliche Mittel zustande kommt, ist zweischneidig. Es zeigt, was ehrenamtliche Strukturen leisten – und macht zugleich sichtbar, dass die Stadt kulturelle Grundversorgung derzeit an Spendenbereitschaft und unbezahlte Arbeit delegiert. In Duisburg, wo Künstlerinnen und Künstler seit dem Frühjahr offene Briefe zur Kulturpolitik unterschreiben, ist beides Teil derselben Debatte.
Platzhirsch-Festival, Duisburg, Dellplatz und weitere Spielorte, 18. und 19. September 2026, Eintritt frei. Programm: platzhirsch-duisburg.org