Farewell Richie Beirach
Ein Weg, der nur ihm gehörte
Die Jazzwelt trauert um einen Pianisten, dessen Musik stets mehr war als die Summe ihrer Töne. Am 26. Januar 2026 ist Richard „Richie" Beirach im Alter von 78 Jahren in Worms gestorben – in jener deutschen Provinz, die ihm in seinen letzten Lebensjahren zur Heimat geworden war.
Wer Beirach je live erlebte, vergisst nicht, wie seine Hände über die Tasten glitten: lyrisch, nachdenklich, dabei von einer harmonischen Kühnheit, die immer wieder verblüffte. In seiner Musik verschmolz die Tiefe der europäischen Romantik mit der Freiheit des amerikanischen Jazz zu etwas ganz Eigenem. Bill Evans war sein Leitstern, doch Beirach fand einen Weg, der nur ihm gehörte.
Geboren 1947 in Brooklyn, klassisch ausgebildet am Berklee College und der Manhattan School of Music, hätte er ein akademischer Pianist werden können. Stattdessen zog es ihn in die Clubs, zu Stan Getz, Chet Baker und John Scofield. Vor allem aber fand er in Dave Liebman einen musikalischen Seelenverwandten. Ihre Partnerschaft – ob im Duo, in Lookout Farm oder später bei Quest – wurde zur vielleicht intensivsten Dialogform, die der moderne Jazz zu bieten hat. Fünf Jahrzehnte währte diese Verbindung, dokumentiert auf zahllosen Alben, zuletzt in der monumentalen Box „Empathy".
Ein Abschied, der keiner sein wollte
Bei ECM entstanden Aufnahmen wie „Eon", „Hubris" und das titelgebende „Elm", die längst Klassikerstatus genießen. Sein Stück „Leaving" – ein Abschied, der keiner sein wollte – gehört zum Standardrepertoire einer ganzen Pianistengeneration. Wie oft mag es in Sessions und auf Bühnen weltweit erklingen, diese sehnsuchtsvolle Ballade, die bei jeder Interpretation anders schimmerte?
2001 kam Beirach nach Deutschland, an die Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Dreizehn Jahre lang prägte er dort eine neue Generation europäischer Jazzmusiker, ehe er sich 2015 in die Pfalz zurückzog – in eine „Jazz-WG" auf dem Land, wo er mit dem Schlagzeuger Christian Scheuber und der Pianistin Regina Litvinova lebte und arbeitete. Deutschland wurde ihm mehr als Wahlheimat; es wurde zum Resonanzraum seiner späten Schaffensphase.
Richie Beirach war ein Brückenbauer – zwischen Kontinenten, zwischen Klassik und Jazz, zwischen Kopf und Herz. Sein letztes Album trug den Titel „Leaving". Er wusste wohl, dass auch ein Abschied Musik sein kann.
