Farewell Gunter Hampel
Ein verspäteter Nachruf
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Es gibt Musiker, deren Bedeutung sich nicht allein an Platten, Konzerten oder Diskografien ablesen lässt. Gunter Hampel war so ein Fall. Sein Name steht für eine Idee von Musik, die heute fast utopisch erscheint: grenzenlos, neugierig, kompromisslos frei. Geboren am 31. August 1937 in Göttingen, gestorben am 19. Mai 2026 im Alter von 88 Jahren, gehörte Hampel zu den letzten großen Pionieren jener Aufbruchszeit. Schon Mitte der sechziger Jahre begann er, den Jazz von harmonischen und formalen Zwängen zu lösen und ihm eine europäische Stimme zu geben. Seine legendäre Aufnahme Heartplants gilt bis heute als eine der frühen Wegmarken dieser Entwicklung.
Dabei wirkte Hampel stets wie ein Grenzgänger zwischen Welten. Viele Jahre lebte er in New York, arbeitete mit Musikerinnen und Musikern wie Jeanne Lee, Anthony Braxton, Marion Brown oder Perry Robinson und bewegte sich selbstverständlich zwischen amerikanischer Avantgarde und europäischer Improvisationsszene. Doch anders als manche Exilanten verlor er nie die Verbindung zu seinen Wurzeln. Seine Musik blieb geprägt von jener besonderen europäischen Offenheit, die nicht auf Stilreinheit setzte, sondern auf Begegnung.
Das Vibraphon wurde bei Hampel zu einem Instrument des Schwebens. Seine Töne wirkten oft wie Lichtreflexe in Bewegung: flirrend, weit, voller Luft zwischen den Klängen. Wo andere Free Jazz als Konfrontation verstanden, suchte Hampel häufig nach Räumen. Seine Musik konnte eruptiv sein, aber ebenso melodisch, verspielt und überraschend zugänglich. Mit der Galaxie Dream Band erschuf er über Jahrzehnte hinweg ein musikalisches Universum eigener Prägung. Schon der Name verrät viel über diesen Künstler. Hampel dachte Musik nicht in Genres, sondern in Konstellationen. Klänge wurden zu Planeten, Improvisationen zu Umlaufbahnen, Begegnungen zu neuen Sternbildern.
Vielleicht war er gerade deshalb eine Ausnahmefigur. Er verkörperte eine Haltung, die heute selten geworden ist: den unbeirrbaren Glauben an die Freiheit der Kunst. Nicht als Pose, sondern als tägliche Praxis. Nun ist diese Stimme verstummt. Doch ihre Resonanz bleibt hörbar – in Moers, in Köln, in New York, in den Archiven der improvisierten Musik und überall dort, wo Menschen weiterhin das Risiko suchen, das im ersten, noch unbekannten Ton liegt. Wer über Jahrzehnte das moers festival besucht hat, durch nächtliche Sessions zog, zwischen Niederrhein und Ruhrgebiet die großen und kleinen Wunder improvisierter Musik erlebte, begegnete früher oder später auch dem Geist jener Generation, zu der Hampel gehörte. Einer Generation, die den europäischen Jazz nicht verwaltete, sondern erfand. Während in Wuppertal Musiker wie Peter Brötzmann und Peter Kowald die Energie des Free Jazz in neue Extreme trieben, entwickelte Hampel seine eigene Klangwelt – weniger brachial, dafür oft schwebend, offen, beinahe kosmisch.
Farewell, Gunter Hampel.
