Die Zahlen sind alarmierend
Livekomm kritisiert Kürzungen bei der Livemusikförderung
Es gibt Kultur, die viel Geld kostet und Kultur, die viel Publikum erreicht. Beides muss nicht dasselbe sein. Der Entwurf des Bundeskulturhaushalts 2027 liefert dafür ein bemerkenswertes Beispiel: Während der Festivalförderfonds für Pop- und Livemusik von vier auf zwei Millionen Euro schrumpfen soll, können die Bayreuther Festspiele mit einem Plus von einer Million Euro rechnen. Die LiveMusikKommission (LiveKomm), der Bundesverband der Musikspielstätten, sieht darin keine Einzelentscheidung, sondern Ausdruck einer grundsätzlichen Schieflage der Kulturförderung.
Denn die Frage ist nicht nur, welche Kultur als förderwürdig gilt. Es geht auch darum, welche Kultur tatsächlich stattfindet, wen sie erreicht und auf welchen Strukturen sie beruht. Clubs, kleine Konzertorte und Festivals leisten mit vergleichsweise wenig öffentlichem Geld einen erheblichen Beitrag zu kultureller Vielfalt, Nachwuchsförderung und regionaler Wertschöpfung. 2025 besuchten nach Zahlen der GEMA knapp 75 Millionen Menschen Livemusikveranstaltungen in Deutschland. Trotzdem bleibt die öffentliche Förderung dieser Infrastruktur marginal. Für zentrale Pop- und Livemusikprogramme des Bundes – Festivalförderfonds, Amateurmusikfonds, Reeperbahn Festival und Initiative Musik – stehen zusammen rund 31 Millionen Euro zur Verfügung. Gemessen am Kulturhaushalt von 2,36 Milliarden Euro sind das gerade einmal rund 1,3 Prozent. Und selbst diese bescheidene Summe steht unter Druck. Förderprogramme für den Erhalt von Spielstätten werden zurückgefahren oder eingestellt. Das Bundesschallschutzprogramm etwa ist von der Einstellung bedroht. Dabei steigen Kosten für Personal, Energie, Mieten und Technik, während sich die Einnahmesituation vieler Veranstalter verschlechtert.
Wer hat, dem wird gegeben
Die Zahlen aus der Branche sind entsprechend alarmierend. 74 Prozent der Berliner Clubs sehen sich zunehmend auf öffentliche Förderung angewiesen. Tatsächlich macht Förderung dort gerade einmal zwei Prozent des Umsatzes aus. 95 Prozent der befragten Clubs sehen ohne strukturelle Verbesserungen die langfristige Existenz vieler Spielstätten gefährdet. Besonders betroffen ist das Fundament der Livemusik: Veranstaltungen mit bis zu 500 Besucher*innen verzeichneten gegenüber 2019 einen Besucherrückgang von 5,7 Prozent – obwohl die Zahl der Veranstaltungen nahezu konstant blieb. Das eigentliche Paradox zeigt sich beim Vergleich mit der sogenannten Hochkultur. Nach Berechnungen des Deutschen Musikinformationszentrums wird eine Theaterkarte an öffentlich finanzierten Häusern durchschnittlich mit rund 191 Euro pro Besuch subventioniert. Ein kleiner Club erhält dagegen in der Regel keine institutionelle Grundförderung. Er muss sich über Eintrittskarten und Gastronomie finanzieren. Öffentliche Förderung pro Ticket: faktisch null Euro.
Dabei ist die gesellschaftliche Reichweite keineswegs automatisch dort am größten, wo die öffentliche Förderung am höchsten ist. Der „Relevanzmonitor Kultur“ der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass zwar 91 Prozent der Bevölkerung den Erhalt von Theaterangeboten für kommende Generationen befürworten. Vier von fünf Befragten haben im vergangenen Jahr allerdings kein klassisches Kulturangebot besucht; 35 Prozent waren noch nie in einem klassischen Konzert oder einer Oper. Die symbolische Wertschätzung der Hochkultur ist groß – ihre tatsächliche Nutzung deutlich kleiner. mDie LiveKomm stellt deshalb eine unangenehme Frage: Warum wird eine Kulturinfrastruktur, die Millionen Menschen erreicht und zugleich die Grundlage für den musikalischen Nachwuchs bildet, politisch so behandelt, als handele es sich um ein Randphänomen?
Andere Prioritäten sind möglich
Ein Blick nach Großbritannien zeigt, dass andere Prioritäten möglich sind. Unter Premierminister Andy Burnham werden die finanziellen Belastungen für Pubs, Clubs und Livemusikspielstätten reduziert; zugleich sollen zusätzliche Mittel in die lokale Musikindustrie fließen. Mit dem Liveline Fund existiert zudem ein branchengetragenes Modell, bei dem Einnahmen aus großen Veranstaltungen zur Unterstützung kleinerer Grassroots-Venues eingesetzt werden. Auch in Deutschland gibt es mit dem Live Music Fund Germany der Bundesstiftung LiveKultur einen Ansatz in diese Richtung. Was bislang fehlt, ist die politische Rückendeckung. Dabei ließe sich mit vergleichsweise kleinen Beiträgen viel bewegen. Ein „Club-Euro“ pro Ticket hätte allein bei den Adele-Konzerten 2024 auf dem Gelände der Münchner Messe rund 730.000 Euro für den strukturellen Erhalt der Livemusik-Infrastruktur eingebracht.
Die LiveKomm fordert deshalb mehr Geld für Popularmusik auf allen staatlichen Ebenen und einen ressortübergreifenden „Nationalen Maßnahmenplan LiveKultur“. Er soll konkrete Förderinstrumente und verbindliche Zuständigkeiten für Clubs, Festivals und Spielstätten festlegen. Gefordert werden außerdem die Fortführung des Bundesschallschutzprogramms, die Prüfung einer Sonderabgabe für die Livemusikbranche sowie ein bundesweit einheitliches Bescheinigungsverfahren nach § 4 Nr. 20a und 20b UStG, das Musikclubs steuerrechtlich mit Theatern und öffentlichen Bühnen gleichstellt. Auch öffentlich geförderte Einrichtungen der Hochkultur sollen sich nach Vorstellung der LiveKomm am Erhalt der Popkulturlandschaft beteiligen. Am Ende geht es um mehr als einzelne Förderprogramme. Es geht um die Frage, welche kulturelle Infrastruktur eine Gesellschaft für erhaltenswert hält. Wenn Clubs schließen, verschwinden nicht nur Veranstaltungsorte. Es verschwinden Bühnen für den Nachwuchs, Räume für lokale Szenen und Orte, an denen Kultur nicht als fertiges Produkt konsumiert, sondern gemeinsam erlebt wird.
Ende Oktober soll ein "Live-Gipfel" stattfinden
Die LiveKomm fordert deshalb einen „Live-Gipfel“, bei dem Bund, Länder, Kommunen und die relevanten Verbände einen verbindlichen Maßnahmenplan entwickeln sollen. Viel Zeit bleibt nicht: Nach dem weitgehenden Wegfall der Tonträgererlöse ist die Livebranche für viele Künstler*innen zur wichtigsten verbliebenen Einkommensquelle geworden. Der Gipfel soll deshalb noch bis Ende Oktober 2026 stattfinden. Die entscheidende Frage lautet damit nicht nur, wie viel Geld Kultur kostet. Sondern auch, welche Kultur wir uns leisten wollen – und welche wir uns leisten können, wenn wir ihre Grundlagen weiter vernachlässigen.
