Ein Tag, viele Wege
Fahrplan zum Opening Day der Cologne Jazzweek
Am 5. September beginnt die Cologne Jazzweek mit einem musikalischen Stadtparcours: Zwischen Stadtgarten, Neu St. Alban und Christuskirche treffen junge Stimmen der europäischen Szene, Kölner Improvisationskunst und internationale Grenzgänger aufeinander. Abends wird es im Ursprung fi elektronisch, körperlich und ziemlich unberechenbar.
Der erste Tag der Cologne Jazzweek ist nichts für Menschen, die sich gerne einen Stuhl suchen und ihn bis zum Ende des Konzerts nicht mehr verlassen. Am Samstag, 5. September, wird das Festival zur musikalischen Wanderung durch Köln. Die Wege sind kurz, die stilistischen Entfernungen dagegen teilweise beträchtlich. Und fast alles, was tagsüber passiert, ist kostenlos.
13.30 Uhr – Loslaufen mit zFuaß
Der ungewöhnlichste Konzertbeginn gehört zugleich zu den körperlichsten: Bei „zFuaß – Die Grüne Route“ geht es vom Stadtgarten aus auf eine rund zweistündige musikalische Wanderung durch das Viertel. Die beiden Multiinstrumentalisten Matthias Schriefl und Johannes Bär nehmen ihr Publikum mit auf eine Tour rund um Stadtgarten, Mediapark und Herkulesberg. Dabei ist die Route selbst Teil des Konzerts. Wege, Plätze, Anhöhen und Aussichtspunkte werden zu temporären Bühnen; Blechbläser, Alphorn, Tuba, Trompete, Akkordeon und Stimmen tauchen dort auf, wo man sie nicht unbedingt erwartet. Köln wird damit nicht nur bespielt, sondern gewissermaßen zum Instrument. Festes Schuhwerk ist deshalb sinnvoll – und ein wenig Entdeckergeist. Die genaue Route wird erst wenige Tage vor der Veranstaltung bekannt gegeben.
14.15 Uhr – Damian Dalla Torre: intime Klangräume
Wer lieber stationär startet, kann fast zeitgleich in Neu St. Alban einsteigen. Dort präsentiert der in Italien geborene und in Leipzig lebende Saxofonist, Komponist und Produzent Damian Dalla Torre sein Projekt People Pleaser – als Kooperation von NICA artist development, Cologne Jazzweek und dem Südtirol Jazzfestival Alto Adige.
Dalla Torre gehört zu jener Generation von Musikern, für die die Trennung zwischen Jazz, Ambient, elektronischer Musik und experimentellem Pop zunehmend künstlich wirkt. Akustische Instrumente werden elektronisch weiterbearbeitet, Klänge werden eher als Räume denn als klassische Jazznummern gedacht.
Besonders interessant: Auf der Jazzweek tritt Dalla Torre im Trio mit Babett Niclas an der Harfe und Markus Rom an der Gitarre auf. Nach seinem viel beachteten Album I Can Feel My Dreams von 2024 ist People Pleaser ein weiteres Kapitel dieser Suche nach einer Musik zwischen Intimität, Elektronik und Improvisation. Das Konzert ist kostenlos.
14.30 Uhr – Abheben mit Manic Anomaly
Nur einen kurzen Weg entfernt beginnt im Stadtgarten Saal das erste große Klangabenteuer des Tages: Hendrik Eichler’s Manic Anomaly.
Der Kölner Schlagzeuger und Komponist hat eine paneuropäische Formation zusammengestellt, in der Angelika Niescier, Teis Semey, Kirke Karja und Louise van den Heuvel aufeinandertreffen. Das Ergebnis bewegt sich zwischen atmosphärischer Weite und massiver Verdichtung, zwischen akustischem Jazz und elektronischen Klangflächen.
Die Weltraummetaphorik des Projekts ist dabei mehr als Dekoration: Musik soll hier tatsächlich wie ein unbekanntes Gelände funktionieren – mit Verdichtungen, Verschiebungen und plötzlichen Öffnungen.
Das Konzert markiert zugleich die Veröffentlichung des Albums „Nova Celestia“ – beziehungsweise, in der englischen Festivalfassung, Metamorphmanic Anomaly.
15 Uhr – 51 Saiten und sehr viel Ruhe
Eine Viertelstunde später wird es in der Christuskirche deutlich leiser. Das Kathrin Pechlof Trio bringt ein Instrument ins Zentrum, das im Jazz noch immer eine besondere Randstellung besitzt: die Harfe. Pechlof, Saxofonist Christian Weidner und Bassist Robert Landfermann spielen bereits seit rund 15 Jahren zusammen. Aus dieser langen gemeinsamen Geschichte ist eine kammermusikalische Form der Improvisation entstanden, die nicht auf Lautstärke, Virtuosität oder große Gesten angewiesen ist. Pechlofs eigener Weg erklärt viel von dieser Musik: Sie studierte zunächst klassische Harfe, absolvierte anschließend ein Studium der Jazzkomposition in Köln und wurde später Teil der Berliner Jazz- und Improvisationsszene. Klassik, Neue Musik, Jazz und freie Improvisation sind bei ihr deshalb keine getrennten Welten. 51 Saiten – das ist die Summe aus Harfe, Saxofon und Bass. Aber vor allem ist es ein Konzert über Klangfarben und gegenseitiges Zuhören.
15.30 Uhr – La BOMBA: Jetzt wird es körperlich
Wer danach wieder etwas mehr Druck braucht, muss nur in den Stadtgarten wechseln. Dort wartet Luca Curcio – La BOMBA. Der italienische Bassist und Komponist hat für sein Quintett Musiker zwischen Berlin und Kopenhagen zusammengebracht. Mit dabei sind Igor Osypov an der E-Gitarre, Francesco Bigoni und Asger Uttrup Nissen an den Saxofonen sowie Simon Olderskog Albertsen am Schlagzeug. Curcio denkt dabei nicht nur als Bassist, sondern auch als Produzent: Sein Debütalbum La BOMBA verbindet improvisierten Jazz mit Sample-Ästhetik und nachträglicher Studiobearbeitung. Aufgenommene Ensembleklänge werden zerlegt, geloopt und neu zusammengesetzt. Der Groove bleibt dabei das physische Zentrum der Musik. Der Titel ist also durchaus Programm: dichte Tontrauben, kreisende Grooves und ein Sound, der eher auf den Körper als auf die Jazztheorie zielt.
16 Uhr – Vertrauen, Verlust und Orgelklang
Zurück nach Neu St. Alban: Dort treffen die ukrainische Sängerin Kateryna Kravchenko, der luxemburgische Vibrafonist Arthur Clees und der Organist Janne Nicolas aufeinander. Kravchenko und Clees lernten sich während ihres Jazzstudiums in Dresden kennen. Aus einer unmittelbaren musikalischen Vertrautheit entwickelte sich ihr Duo. Die Musik kann leicht und sehnsuchtsvoll sein, aber ebenso von Verlust und Schmerz erzählen. Mit der Orgel bekommt dieses fragile Duo eine zusätzliche Dimension. Ein Konzert für alle, die am Eröffnungsnachmittag nicht nur Energie, sondern auch Zwischentöne suchen.
16.30 Uhr – FIELD und Marc Ducret: Musik als Forschungsfeld
Im Stadtgarten Saal wird anschließend weitergeforscht. FIELD feat. Marc Ducret ist ein Quintett um den Berliner Saxofonisten Uli Kempendorff, das sich ausdrücklich als gleichberechtigte musikalische Kooperation versteht. Im Zentrum steht an diesem Nachmittag die Uraufführung von „Windows“, einer sechsteiligen Suite des dänischen Schlagzeugers Peter Bruun. Unterschiedliche rhythmische Perspektiven treffen auf improvisatorische Prozesse; aus dem komponierten Material soll sich ein ständig bewegendes Klangfeld entwickeln. Dazu kommt mit dem französischen Gitarristen Marc Ducret ein Musiker, der für eine besonders expressive und energetische Sprache auf der E-Gitarre bekannt ist. Bei FIELD trifft er auf Søren Kjærgaard am Klavier und Jonas Westergaard am Bass. Wer zeitgenössischen europäischen Jazz nicht als Genre, sondern als Forschungsarbeit versteht, sollte hier sitzen.
17 Uhr – Teis Semey: Der „Bad Boy“ zum Finale
Zum vorläufigen Finale des kostenlosen Nachmittagsprogramms kehrt Teis Semey auf die Open-Air-Bühne zurück – und damit auch ein Musiker, der schon bei Hendrik Eichlers Manic Anomaly am Nachmittag eine Rolle gespielt hat. Der 1993 in Aalborg geborene Gitarrist studierte in Amsterdam und wird dort gerne als „the bad boy of Dutch Jazz“ bezeichnet. Seine Musik ist roh, laut und gelegentlich ausgesprochen ruppig, ohne dabei in bloße Kraftmeierei abzugleiten. In seinem Quintett stehen ihm zwei Saxofonisten gegenüber, deren warmere, lyrische Klangsprache immer wieder gegen die eruptive Energie der Rhythmusgruppe arbeitet. Semey versteht Improvisation dabei vor allem als Kommunikation: Seine Kompositionen liefern den Rahmen, innerhalb dessen die fünf Musiker ihre Musik kollektiv entwickeln.
20.30 Uhr – keiyaA: Vom Doomscrolling auf die Tanzfläche
Nach einer kurzen Verschnaufpause wechselt die Jazzweek am Abend den Aggregatzustand. Im Ursprung fi tritt keiyaA auf – und damit eine Künstlerin, die sich nur noch schwer in klassische Jazzschubladen stecken lässt. Die aus Chicago stammende Sängerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin verbindet R&B, Soul, Jazz, elektronische Musik und Clubästhetik. Ihr 2025 erschienenes zweites Album hooke's law ist dabei ein besonders spannendes Beispiel für diese Mischung. Der Titel verweist auf das physikalische Hooke’sche Gesetz und damit auf die Idee von Spannung und Rückfederung. Das Album entstand aus einer persönlich schwierigen Phase – und verwandelt diese Erfahrung in eine Musik, die zugleich verletzlich, witzig, aggressiv, sexy und ausgesprochen tanzbar sein kann. Kritiker beschrieben die Platte als eine Mischung aus R&B, Hip-Hop, elektronischer Musik und Jungle, durchzogen von Samples und verfremdeten Stimmen. Nach dem Nachmittag voller akustischer Klangforschung ist das der Moment, an dem der Kopf anfangen darf zu wackeln.
22.30 Uhr – Trompete trifft Elektronik: Chkheidze & Evans
Und dann wird es endgültig experimentell. Die georgische Elektronik- und Klangkünstlerin Anushka Chkheidze trifft auf den New Yorker Trompeter Peter Evans. Beide kennen sich von der Monheim Triennale, wo sie bereits in unterschiedlichen Zusammenhängen gearbeitet haben. Chkheidze bewegt sich zwischen elektronischer Musik, Feldaufnahmen, Stimmen und Klanginstallation. Bei der Monheim Triennale arbeitete sie unter anderem mit Orgel und Elektronik und entwickelte daraus eine Art elektronische Klangarchitektur. Evans wiederum gehört zu den radikalsten Klangforschern des modernen Trompetenspiels. Mit Multiphonics, Zirkularatmung und Spaltklängen erweitert er das Instrument weit über seine konventionellen Möglichkeiten hinaus. 22.30 Uhr im Ursprung fi ist deshalb kein klassisches „Trompete-plus-Elektronik“-Konzert zu erwarten, sondern ein Dialog zweier Klangforscher: akustische Extreme treffen auf digitale Räume.
Der optimale Fahrplan?
Wer den Eröffnungstag maximal auskosten möchte, kann bereits um 13.30 Uhr mit zFuaß beginnen, anschließend nach Neu St. Alban oder in den Stadtgarten wechseln und sich ab 15 Uhr zwischen Kirche, Saal und Open Air treiben lassen. Die kurzen Wege rund um den Stadtgarten machen genau diese Mischung möglich. Und vielleicht ist das sogar die beste Strategie für den ersten Tag: nicht versuchen, alles abzuhaken, sondern sich treiben lassen. Denn die eigentliche Stärke dieses Samstags liegt weniger in einzelnen Namen als in den abrupten Perspektivwechseln: Wanderung und Konzert, Harfe und Elektronik, komponierte Suite und freie Improvisation, Groove und Klanginstallation. Am Ende führt der Weg dann konsequent aus dem Park in den Club. Erst wackeln die Füße auf der „Grünen Route“, später der Kopf bei keiyaA – und kurz vor Mitternacht stellt sich bei Anushka Chkheidze und Peter Evans die Frage, was eine Trompete eigentlich alles sein kann.





