Ein Festival, das sich nicht anbiedert
Preview JOE Festival 2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Bildquelle: Jazzoffensive Essen
Das JOE Festival in Essen versammelt vom 19. bis 21. Februar improvisierte Musik zwischen aufbegehrender Gegenwartskunst und New Yorker Downtown-Noise – mit Elliott Sharp und einem Solorecital von Nik Bärtsch als krönenden Abschlüssen. Ein Blick auf das Programm – und die Bedingungen, unter denen es entsteht...
Es sind manchmal nur dreißig Zentimeter, die über die Qualität eines Konzerterlebnisses entscheiden. Nik Bärtsch, der Schweizer Meister des "Zen-Funk" und einer der profiliertesten Pianisten der europäischen Szene, wird das JOE Festival am Samstagabend beschließen – solo, rein akustisch, ohne jede Verstärkung. Dafür braucht er einen Flügel, der groß genug ist, um den Raum der Zeche Carl zu füllen. Festivalleiter Patrick Hengst wollte das Instrument ursprünglich in die Mitte des Publikums stellen, eine intime Konzertsituation schaffen. Die Idee scheiterte an Bestuhlungsplänen und Feuerwehrvorschriften. Also kommt der Flügel vor die Bühne. Improvisieren können hier nicht nur die Musiker.
Das JOE Festival – Jazz Offensive Essen, gegründet 1995, beheimatet in der denkmalgeschützten Zeche Carl im Stadtteil Altenessen – gehört seit knapp drei Jahrzehnten zu den wichtigsten Adressen für improvisierte Musik in Deutschland. Patrick Hengst und sein Co-Kurator Simon Camatta stemmen das Festival größtenteils neben ihren eigentlichen Berufen, ohne großes Team, mit einer institutionellen Förderung, die seit Jahren stagniert. Dass unter diesen Bedingungen ein Programm entsteht, das Namen wie Elliott Sharp – Zentralfigur der New Yorker Downtown-Szene – und eben Nik Bärtsch nach Essen holt, verdankt sich einer Mischung aus kuratorischer Hartnäckigkeit und glücklichen Fügungen.
Donnerstag: Aufbegehrende Klänge, Kölner Avantgarde und Berliner Elektronik
Den Auftakt macht das Sheen Trio mit einer Musik, die sich nicht einordnen lässt. Im Zentrum steht die iranischstämmige Bassklarinettistin und Flötistin Shabnam Parvaresh, deren Kompositionen kulturelle Prägungen aufgreifen, um sie in radikal gegenwärtige Klangsprache zu überführen. Gemeinsam mit der Gitarristin Ula Martyn-Ellis, deren Soundarbeit ihresgleichen sucht, und dem Schlagzeuger Philipp Buck entsteht aufbegehrende Gegenwartsmusik – experimentell, elektronisch erweitert, von hypnotischer Intensität. Beim Peng-Festival vor zwei Jahren hinterließ das Trio bleibenden Eindruck. Das Debütalbum "GOZAR" erschien 2023 auf BERTHOLD records.
Almost Natural, das zweite Ensemble des Abends, vereint einige der profiliertesten Stimmen der jüngeren deutschen Jazzszene. Der Kölner Bassist Florian Herzog hat das Projekt gegründet, um Avantgarde-Jazz mit Elementen aus Pop und Elektronik zu verbinden. Sebastian Gille, Träger des SWR Jazzpreises, gehört zu den gefragtesten Saxophonisten seiner Generation. Der österreichische Pianist Elias Stemeseder bringt die Erfahrungen der New Yorker Szene mit, in der er seit Jahren lebt. Schlagzeuger Leif Berger, den Hengst unbedingt wieder beim Festival haben wollte, komplettiert ein Quartett, das beim Winterjazz zuletzt für Aufsehen sorgte.
Ludwig Wandinger, Jahrgang 1995, beschließt den ersten Abend. Er hat mit Größen wie Jim Black, Christian Lillinger, Petter Eldh und The Notwist gearbeitet, veröffentlicht unter Pseudonymen Ambient- und Elektronik-Alben und gehört zu jener Generation, für die die Trennung zwischen akustischer und elektronischer Musik keine Kategorie mehr darstellt. Beim JOE Festival trifft sein Schlagzeugspiel auf das Streichquartett Puls – eine Begegnung, deren Ausgang sich nicht vorhersagen lässt.
Freitag: Stimme trifft Tuba, Leipziger Nervosität und New Yorker Intensität
Der Freitag beginnt mit einer lebenden Legende. Phil Minton, 85 Jahre alt, hat wie kaum ein anderer die Möglichkeiten der menschlichen Stimme ausgelotet. Der Brite, 1988 vom Jazz Forum als bester männlicher Sänger Europas ausgezeichnet, arbeitete mit Peter Brötzmann, Fred Frith, John Zorn und Derek Bailey. Seine "Feral Choir"-Workshops, in denen Laien und Profis zu kollektiven Stimmimprovisationen zusammenfinden, fanden in mehr als zwanzig Ländern statt. Sein Dialogpartner an diesem Abend ist der Kölner Tubist Carl Ludwig Hübsch, Organisator der Reihe "Sounds" und selbst ein Meister des Unkonventionellen. Beide Instrumente – Stimme wie Tuba – teilen ein Spektrum von tiefsten Tönen bis zu überraschenden Höhen, von zarter Lyrik bis zu explosiver Energie.
Das Leipziger Quartett Crutches folgt mit einer Musik, die sich jeder Kategorisierung entzieht. "Fahrstuhlmusik für Klaustrophobiker" nennen Jan Frisch (Gitarren, Bass), Olga Reznichenko (Synthesizer, Keytar), Laure Boer (Elektronik) und Valentin Schuster (Schlagzeug) ihren Sound, der Kammerjazz mit Punk-Attitüde kurzschließt. Ihr Album "Four Lttr Wrds", im Februar 2025 erschienen, dokumentiert eine Band, die stilistische Schubladen konsequent ignoriert.
Ingrid Laubrock und Tom Rainey beschließen den Freitagabend. Die beiden spielen seit 2007 zusammen und gehören zu den intensivsten Duos der improvisierten Musik. Die deutsche, in New York lebende Saxophonistin – 2009 mit dem SWR Jazzpreis ausgezeichnet – und der amerikanische Schlagzeuger, seit den späten Achtzigern zur ersten Garde der New Yorker Szene gehörend, haben fünf gemeinsame Alben veröffentlicht. Ihr jüngstes, "Brink" (2024, Intakt Records), zeigt das Duo auf dem Höhepunkt seiner Kunst: verdichtete Dialoge, in denen jeder Ton zählt.
Samstag: Grafische Partituren und ein pianistisches Ausnahme-Ereignis
Elliott Sharp, 73 Jahre alt, Gitarrist, Saxophonist, Komponist und Zentralfigur der New Yorker Downtown-Szene, eröffnet den Schlussabend mit "ReGenerate" – einer Komposition, die das Verhältnis von Notation und Improvisation neu denkt. Elf Musikerinnen und Musiker spielen zu einer animierten grafischen Partitur, die das Publikum auf einer Leinwand verfolgt, während die Ausführenden sie auf ihren Tablets sehen. Sharp, Schüler von Morton Feldman und Träger des Berlin Prize, hat für Essen lokale Musiker eingeladen: die Geigerin Gunda Gottschalk, den Posaunisten Christopher Harth, die Schlagwerkerin Salome Amend – und die beiden Festivalleiter selbst. Diese Durchlässigkeit zwischen internationaler Prominenz und regionaler Szene verkörpert die Philosophie des JOE Festivals.
Die Band Helicopter – das neue Projekt von Simon Camatta mit dem Saxophonisten Peter van Huffel und dem Bassisten Roland Fidezius – folgt als zweites Konzert des Abends.
Dann der krönende Abschluss: Nik Bärtsch solo. Dass der Zürcher Pianist, der seit 2006 auf dem legendären ECM-Label veröffentlicht und weltweit in den renommiertesten Konzerthäusern auftritt, ein abendfüllendes Solorecital in Essen-Altenessen spielt, darf man getrost als Coup bezeichnen. Bärtsch hat mit seinem Konzept der "Ritual Groove Music" eine unverwechselbare Klangsprache entwickelt: repetitive Strukturen, die sich in subtilen Variationen entfalten, minimale Mittel, maximale Wirkung. In Zürich pflegt er seit Jahren die legendäre "MONTAGS"-Reihe im Club EXIL, sein Quartett Ronin – mit Kaspar Rast, Jeremias Keller und Sha – füllt Säle von Tokio bis New York.
Für Essen hat sich Bärtsch das intimste aller Formate ausgesucht: allein am Flügel, rein akustisch, ohne Verstärkung. Ein Konzert, das absolute Konzentration verlangt – vom Pianisten wie vom Publikum. Dass ein Künstler dieses Formats den Abschluss eines Festivals macht, das mit minimalen Mitteln arbeitet, ist mehr als ein Booking-Erfolg. Es ist eine Bestätigung dafür, dass musikalische Ernsthaftigkeit ihr Publikum findet, auch jenseits der großen Metropolen.
Drei Abende, drei Konzerte pro Abend, keine Parallelveranstaltungen. Das JOE Festival verweigert sich der Logik des Überbietens und vertraut darauf, dass Musik, die sich nicht anbiedert, ihr Publikum findet.
PROGRAMM JOE FESTIVAL 2026
Donnerstag, 19. Februar
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Sheen Trio
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Almost Natural
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PULSE & Ludwig Wandinger
Freitag, 20. Februar
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Hübsch/Minton
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Crutches
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Laubrock/Rainey Duo
Samstag, 21. Februar
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Elliott Sharp "ReGenerate"
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Helicopter
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Nik Bärtsch Solo







