Bild für Beitrag: Ein Chorus für Halle | Jazz als Fundament, nicht als Rückzug
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Ein Chorus für Halle

Jazz als Fundament, nicht als Rückzug

Haan, 07.09.2026

Es gibt Wochen, in denen ein Festivalprogramm mehr ist als ein Festivalprogramm. Am 8. September beginnt in Halle (Saale) die zweite Ausgabe des A-MINOR Festivals für Jazz und improvisierte Musik, veranstaltet vom Jazzkollektiv Halle. Zwei Tage zuvor hat Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt – mit einem Ergebnis, das bundesweit für Schlagzeilen sorgt und für die freie Kulturszene des Landes handfeste Fragen aufwirft. Der AfD-Landesverband, der die Wahl klar gewann, wird vom Landesverfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

Das Jazzkollektiv reagiert darauf nicht mit Schweigen und nicht mit Abwanderung, sondern mit einem Programmpunkt. Am Samstag, 12. September, 11 Uhr, lädt das Festival ins WUK Theater Quartier zum Kulturgespräch „Wie weiter nach der Landtagswahl?" – gemeinsam mit Akteur:innen der halleschen und sachsen-anhaltinischen Kulturlandschaft. Die Fragen, die dort auf dem Tisch liegen, formuliert der Veranstalter selbst nüchtern: Welche Auswirkungen sind zu erwarten? Welche Handlungsoptionen gibt es? Und wie kann man sich gegenseitig solidarisch unterstützen? Der Eintritt ist frei. Schon am Vortag geht es um Machtverhältnisse im eigenen Feld: Das Kulturgespräch „Klassismus im Jazz" (11.9., 11 Uhr) fragt nach sozialer Herkunft als Zugangsschranke – ein Thema, zu dem es für die deutsche Jazzszene bislang kaum empirische Erkenntnisse gibt.

Ein Programm, das Herkunft nicht als Grenze denkt

Der ästhetische Gegenentwurf steckt schon im Kuratorium. Die Eröffnung übernimmt am 9.9. das Mia Dyberg Trio (Kopenhagen/Berlin) mit elastischem Free Jazz. Am 10.9. spielt das Halle Large Ensemble unter Leitung von Bastian Duncker Kompositionen von Sun Ra – ein Ensemble aus herausragenden Musiker:innen der halleschen Szene, von denen, wie es auf der Festivalseite lakonisch heißt, viele mittlerweile im Exil leben. Ein Satz, der mehr über Kulturpolitik erzählt als manche Studie. Im Doppelkonzert folgt TAU um Philipp Gropper und Philip Zoubek zwischen Free Jazz, Fusion und Hip-Hop-Beats.

Der 11.9. bringt den Schweizer Akkordeonisten Jonas Kocher solo, das Warschauer Duo Sébastien Beliah & Olga Kozieł, das polnische und ukrainische Gesangstraditionen mit freier Improvisation kurzschließt, sowie spätnachts THE DRAW (Uwe Haas / Eric Schaefer) im Gewölbe. Am 12.9. treffen das zwölfköpfige Andromeda Mega Express Orchestra und Evi Filippous inEVITABLE aufeinander, dazu gibt es Workshops mit Kocher und mit Beliah/Kozieł. Zum Abschluss am 13.9. das Release-Konzert von Eggnog the Nonth in der Galerie BLECH. und, bei freiem Eintritt im Dom zu Halle, Ephemeralities (Kocher/Lingens/Szlavnics) und Trieders Holz mit dem neuen Programm von Conni Trieder. Den Auftakt macht bereits am 8.9. im Puschkino Christine Turners Dokumentarfilm „Sun Ra – Do The Impossible", mit Einführung und Gespräch von Dr. Ulrich Steinmetzger.

Die Klammer, die das Kollektiv über all das legt, ist die Offenheit für Einflüsse von außen – nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Wer das Programm liest, sieht diesen Satz eingelöst: Kopenhagen, Warschau, Biel, Berlin, Köln, Athen, Halle.

Warum wir darüber berichten

Das A-MINOR Festival wird unter anderem vom Land Sachsen-Anhalt, der Stadt Halle, der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Pro Helvetia und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert. Anders gesagt: Es ist genau jene Infrastruktur, über die in den kommenden Monaten in Magdeburg entschieden wird. Und es ist zugleich der Beweis, dass diese Infrastruktur etwas hervorbringt, das internationalen Maßstäben standhält. Wir als nrwjazz berichten darüber aus Solidarität mit den Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt. Aus Halle dringen dieser Tage vor allem Wahlprozente nach außen. Es lohnt sich, daneben zu setzen, was dort sonst noch passiert: sechs Tage Musik, zwei offene Gesprächsrunden, zwei Workshops, ein Festival-Radio.

Service

A-MINOR Festival für Jazz und improvisierte Musik 8. bis 13. September 2026, Halle (Saale) Spielstätten: WUK Theater Quartier, WUK Theater Studio im Künstlerhaus 188, Puschkino, Pierre Grasse, Galerie BLECH., Dom zu Halle

Tickets gibt es in zwei frei wählbaren Preisklassen plus Soli-Variante (Konzertabende 17/25/35 €, Eröffnung und Abschlusskonzert 10/15/20 €, Workshops 15/20/30 €). Die Gesprächsrunden und das Konzert im Dom sind kostenfrei (Kollekte).

Alle Konzerte und Gespräche werden live im Festival-Radio gestreamt (Jan Langhammer und Alejandro Weyler), ausgewählte Veranstaltungen zusätzlich bei Radio Corax, 95.9 FM.

Programm und Vorverkauf: jazzkollektiv-halle.de/a-minor

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