Der leise Revolutionär
Farewell Ralph Towner
FOTO: Svíčková/Wikipedia
Der amerikanische Gitarrist und Komponist Ralph Towner, geboren am 1. März 1940 in Chehalis, Washington, ist am 18. Januar 2026 in Rom verstorben. Er wurde 85 Jahre alt. Apollo-Astronauten nahmen seine Musik auf Kassette mit zum Mond. Zwei Mondkrater wurden nach seinen Kompositionen benannt...
Es gibt Musiker, deren Klang wie ein Naturereignis wirkt – leise, aber unausweichlich. Ralph Towner war ein solcher Künstler. Wenn seine Finger über die Saiten der zwölfsaitigen Gitarre glitten, entstand eine Musik, die sich jeder Zuordnung entzog: zu komplex für den Folk, zu lyrisch für den orthodoxen Jazz, zu improvisiert für die Klassik. Towner machte aus dieser Grenzgängerschaft eine Kunstform. Dass Astronauten ausgerechnet seine Klänge wählten, um sie ins All zu tragen, ist ein passendes Bild für einen Künstler, dessen Musik stets etwas Schwereloses hatte, etwas, das über die irdischen Kategorien hinauswies. Geboren in Washington, zog er mit fünf Jahren nach Oregon, wo er aufwuchs. Seine Mutter war Klavierlehrerin und Kirchenorganistin, jedes Familienmitglied beherrschte ein oder mehrere Instrumente – Blech, Streicher, Holzbläser, ein ganzes Familienorchester. Bereits mit vier Jahren begann der kleine Ralph am Klavier zu improvisieren, indem er Schallplattenaufnahmen aus der Swing-Ära nachahmte. Mit sieben spielte er Trompete in Dixieland-, Swing- und Polka-Bands und wurde das jüngste Mitglied, das je in der Stadtkapelle von Bend, Oregon auftrat.
Raum und Stille als Partner des Klangs
Die klassische Gitarre entdeckte Towner erst spät, im vierten Jahr seines Kompositionsstudiums an der University of Oregon. Diese Begegnung sollte sein Leben verändern. Nach dem Abschluss 1963 ging er nach Wien, um bei dem legendären Professor Karl Scheit zu studieren. Es folgten Graduiertenstudien in Komposition bei Homer Keller in Oregon, dann ein zweites Jahr bei Scheit in Wien – als wollte er sich dieser europäischen Tradition doppelt versichern. Was Towner daraus formte, war etwas völlig Neues: eine akustische Sensibilität, die Raum und Stille als gleichwertige Partner des Klangs behandelte. 1968 zog er nach New York, um seine Karriere als Gitarrist, Pianist und Komponist ernsthaft zu verfolgen. Zwei Jahre später schloss er sich dem Paul Winter Consort an, aus dem 1970 das Quartett Oregon hervorging: Mit Glen Moore am Kontrabass, dem Multiinstrumentalisten Collin Walcott und dem Oboisten Paul McCandless schuf Towner ein Ensemble, das die Landschaft der improvisierten Musik nachhaltig prägen sollte. Was diese Formation in den folgenden Jahrzehnten einspielte, lässt sich am besten als Kammer-Jazz beschreiben, wenngleich auch dieser Begriff zu eng gefasst ist. Oregon verband indische Ragas mit europäischer Klassik, amerikanischen Folk mit freier Improvisation, und das Erstaunliche war: Es klang nie eklektisch, sondern wie die natürlichste Sache der Welt.
Über 40 Alben unter eigenem Namen
Towners Solokarriere, die ihn von Anfang an mit dem Münchner Label ECM verband, umfasst über vierzig Alben unter eigenem Namen. Manfred Eichers nüchterne, detailreiche Klangästhetik erwies sich als ideale Leinwand für Towners Kompositionen, die niemals auf Effekt aus waren, sondern auf Substanz. Stücke wie „Icarus" oder „The Silence of a Candle" entfalteten eine Intimität, die man sonst nur aus der Kammermusik kannte. Der Deutsche Schallplattenpreis für „Solstice" 1976 – eingespielt mit Jan Garbarek, Eberhard Weber und Jon Christensen – und für das Oregon-Album „Ecotopia" 1988 würdigten diese Arbeit, ebenso der Down-Beat-Poll für akustische Gitarre und der New York Jazz Award als bester akustischer Gitarrist der Stadt.
Neben der Gitarre spielte Towner Klavier und – ab 1980 – Synthesizer, dazu Perkussion, Trompete und Waldhorn. Er hat über 150 seiner Instrumentalkompositionen eingespielt. Seine Orchesterwerke wurden vom Philadelphia Orchestra, dem Stuttgarter Opernorchester, dem St. Paul Chamber Orchestra, dem Indianapolis Symphony und dem Stavanger Kammerorchester aufgeführt. Das Cabrillo Festival ernannte ihn zum Composer-in-Residence; die AT&T-Rockefeller Foundation gab Werke bei ihm in Auftrag. Für das Kino schrieb er die Musik zu Carlo Mazzacuratis „Un Altra Vita", für das Theater vertonte er eine Adaption der Schriften Vincenzo Consolos und Shakespeares „Sommernachtstraum". Choreographen wie Alvin Ailey, Pilobolus und Murray Louis arbeiteten mit seiner Musik. Die Liste seiner Kollaborationen liest sich wie ein Who's Who der improvisierten Musik: Keith Jarrett, Jan Garbarek, Gary Burton, John Abercrombie, Gary Peacock, Jack DeJohnette, Egberto Gismonti, Joe Zawinul und Wayne Shorter von Weather Report, Freddie Hubbard, Dave Holland, Elvin Jones, Michel Portal. 2001 erhielt sein Stück „The Templars" vom Album „Oregon In Moscow" – eingespielt mit dem Moskauer Tschaikowsky-Sinfonieorchester – eine Grammy-Nominierung für die beste Instrumentalkomposition.
Auch mit 83 hatte er noch Neues zu sagen
Seit einiger Zeit lebte Towner in Rom. Sein Album „At First Light" von 2023 wurde von der Kritik als eines der besten Werke des Jahres gefeiert. Es bewies, dass auch ein 83-Jähriger noch Neues zu sagen hat – oder vielmehr: zu spielen, mit jener Ruhe und Präzision, die sein Markenzeichen war. Was bleibt? Ein Werk, das Generationen von Gitarristinnen und Gitarristen beeinflusst hat. Die Art, wie Towner das akustische Instrument als kammermusikalisches, texturiertes Werkzeug neu dachte, seine feinsinnige Harmonik, sein Gespür für das Ungespielte – all das wirkt fort. Es gibt keine Show in dieser Musik, nur handwerkliche Meisterschaft und poetische Tiefe. Wer Ralph Towner wiederbegegnen will, muss nur eine seiner Aufnahmen auflegen. Er wird dort sein, in jedem Ton, in jeder Pause. Die Stille zwischen den Noten war immer sein eigentliches Instrument.
