Christoph Gieses Schnelldurchlauf Vol. 86
Neues aus der CD-Welt
TEXT: Christoph Giese |
JIM SNIDERO: „House Of Trane“ (Savant Records)
Ein Besuch als Inspiration. Das ist die Geschichte hinter der neuesten Platte von Jim Snidero. „House Of Trane“ ist das 27. Album des umtriebigen US-Amerikaners, und die Aufnahmen entstanden nachdem Snidero das John and Alice Coltrane Home in Dix Hills, New York besucht hatte. Den Ort, wo John Coltrane seine letzten Lebensjahre verbrachte und einst sein Meisterwerk „A Love Supreme“ komponierte. So schrieb Snidero nach diesem Erlebnis sechs neue Stücke, dazu gibt es einen Standard und die Platte schließt mit Coltranes Komposition „Resolution“ von „A Love Supreme“. Zusammen mit Pianist Stefan Karlsson, Bassist Nate Reeves und Schlagzeuger Jason Tiemann ist Jim Snidero mit „House Of Trane“ ein eindringliches und beseeltes Album im Geiste Coltranes geworden, das so zauberhaft ist, auch weil es nie versucht Coltrane kopieren zu wollen.
SEAN MASON TRIO: „State Of The Art“ (Taylor Christian Records)
Elegant swingender Triojazz, das bietet „State Of The Art“, das dritte Album als Bandleader des Grammy-nominierten Pianisten, Komponisten und Produzenten Sean Mason. Mit Bassist Felix Moseholm und Drummer Domo Branch swingt sich Mason klassisch durch seine sieben Kompositionen, die nach gutem, alten Jazz klingen, auch soundtechnisch san vergangene Zeiten erinnern. Das Bersondere an diesem Album: Das Trio hat zwei Tänzer zu den aufnahmen eingeladen. Mason wollte MIT ihnen spielen. Und ihre Schritte, Stimmen, Fingerschnippen, oder Gesten wurden Teil dieser Aufnahme, die mit einer live aufenommenen Nummer in Dizzy´s Club in Manhattan endet.
MARTIN FABRICIUS / STEVE SWALLOW / BRAD SHEPIK / CLAES BRONDAL: „Ever After – Live at Southampton Arts Center“ (Caretone Records)
Es war nur dieses eine Mal dass die vier Beteiligten an diesem Livealbum in dieser Formation zusammengspielt haben, eben bei diesem Konzertabend in den Hamptons auf Long Island, im April 2018. Für den dänischen Vibrafonisten Martin Fabricius war es ein Traum, einmal mit seinem musikalischen Idol, dem US-Bassisten Steve Swallow, gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. Mit Landsmann und Schlagzeuger Claes Brondal und US-Gitarrist Brad Shepik fand Fabricius dann die anderen Partner dieser Einspielung. Fünf Nummern von Fabricus und drei von Swallow bilden das Programm. Die Musik fließt elegant, es gibt Raum für alle vier Beteiligten hell zu strahlen. Und dass man sich an dem Tag des Konzertes erstmals traf zum Proben, hört man dieser wundervollen Platte nicht an. Dass Martin Fabricius sich nach diesem Abend mehrmals schon wünschte, das in dieser Forrmation zu wiederholen, ist da nur mehr als verständlich. Noch ist es dazu nicht gekommen. Aber immerhin erscheint nun die Aufnahme von damals.
MIGUEL ZENÓN & LUIS PERDOMO: „El Arte del Bolero, Vol. 3“ (Miel Music)
Liebeslieder sind es, die diese zwei begnadeten Musiker hier spielen, in ihrer schon dritten Sammlung von lateinamerikanischen Boleros. Altsaxofonist Miguel Zenón aus Puerto Rico und der Pianist Luis Perdomo aus Venzuela. Beide leben sie längst in New York und spielen auch in Zenóns Quartett zusammen. Hier nehmen sie acht Boleros und setzen sie in einen Jazz-Kontext. Mit Raffinesse, spürbar viel Liebe und Emotionen, mit zarten, immer in den sanften Fluss der Songs eingebundenen Improvisationen. Beide Musiker sind große Gestalter, das hört an in jedem Moment dieser seelenvollen Einspielung. Beide sind auch grute Zuhörer des jeweils anderen, auch das hört man. Schöner als Zenón und Perdomo das hier tun kann man dem Bolero wohl kaum huldigen.
BÄNZ OESTER: „Together“ (Unit Records)
Der Schweizer Jazzbassist Bänz Oester hat eine neue Band. Mit dabei sein langjähriger Gefährte, Landsmann und Pianist Malcom Braff. Zu diesen beiden erfahrenen Hasen gesellen sich der schwedische Gitarrist Albin Ormegard und der US-Schlagzeuger Genius Wesley, zwei junge Musiker aus dem Umfeld des Jazzcampus Basel. Und gemeinsam wird einfach Musik gemacht, losgespielt, improvisiert, gegroovt und geswingt in ausholenden Spannungsbögen. Drei Nummern gibt es nur auf „Together“. Aber nur zwei davon sind Stücke im klassischen Sinne. Das erste Stück nicht, es dauert ein knappes Dreiviertelstündchen. Viel Zeit für völlig freie Entfaltungen. In einer spirituellen Musik mit Strukturen, die vorwärts marschiert und dabei Gestaltungsräume öffnet. Dieses Konzept entwickelt eine unglaubliche Energie und Sogkraft beim Zuhören. Großes Ohrenkino!
MIRNA BOGDANOVIĆ: „Glimmerence“ (Berthold Records)
Zwischen Jazz, Art-Pop und poetischem Songwriting hat die Wahl-Berliner Sängerin und Komponistin Mirna Bogdanović längst ihre Nische gefunden. Der Titel ihres dritten Albums ist ein von ihr erfundenes Wort und beschreibt den Zustand zwischen Liebe und Illusion, zwischen Sehnen und Warten oder Enttäuschung. Viele Gefühlszustände also, die Mirna Bogdanović mit ihrer fünfköpfigen Band um den Pianisten Povel Widestrand und Saxofonist Wanja Slavin in Töne und Texte umsetzt. Auch mit elektronischen Klängen, mit komplexen, dennoch schön fließenden Arrangements und dem immer sehr emotionalen Gesang der Bandleaderin. Und wie selbstverständlich fügt sich die einzige Fremdkomposition des Albums, das letzte Stück, Chris Isaak´s „Wicked Game“, ganz natürlich in den Bogdanović-Klangkosmos ein.
HANA KOGURE: „Luz“ (Rice Records)
Eine Japanerin, die Fado singt? Die Singer-Songwriterin Hana Kogure traut sich das auf ihrem vierten Album mit dem portugiesischen Titel „Luz“ (Licht). Fadoklassiker wie „Júlia Florista“ und „Tudo isto é fado“ singt sie auf irgendwie schon süß klingendem Portugiesisch, begleitet unter anderem von einer fadotypischen portugiesischen Gitarre. Aber das ist nur eine Seite dieses Albums. Denn Hana Kogure kombiniert den Fado auch mit eigenen Songs, mit intimen, akustischen Klangwelten, die klangtechnisch auch mal wie aus vergangenen Jahrzehnten klingen. Aber so ist ihre Musik. Puristisch, analog, sehr gefühlvoll, zwischen Japan und Portugal angesiedelt, mit Instrumenten gespielt wie Blockflöte, Tuba oder Streicher. „Luz“ ist ein besonderes Album einer außergewöhnlichen Künstlerin.
FILIPPA GOJO & STEPHAN MATTNER: „Nucleus“ (JazzHausMusik)
Stimme und Sopransaxofon, dazu Keyboardklänge, Megaphon, Effekte und Computersounds. Die österreichische Sängerin Filippa Gojo und der in Herne geborene Saxofonist Stephan Mattner , beide mittlerweile in Köln wohnend, haben aus diesen Zutaten ihr schillerndes Duoalbum „Nucleus“ kreiert. Eine Platte, bei der die Reduktion auf das Wesentliche nicht nur im Albumtitel schon steht, sondern auch konsequent umgesetzt wird. Aus Melodien, Elektronik und akustischen instrumentalen und stimmlichen Klängen entstehen in dieser Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk faszinierende, vielschichtige, bunte und coole Klanggebilde. Jede Nummer ein Abenteuer aus Sounds und Ideen. Irgendwie schwer ganz genau mit Worten zu beschreiben. Die Entdeckung dieses ungewöhnlichen Projektes aber lohnt sich. Eine Gelegenheit dazu gibt es am 8. November in der Kunstgalerie „werkstatt“ in Gelsenkirchen-Buer: https://www.werkstatt-ev.de/08-11-2026-gojo-mattner-nucleus/
MARTTI VESALA SOUNDPOST QUINTET: „Pendulum“ (Mustik Motel Music)
Neun neue Komposition aus der Feder von Martti Vesala gibt es auf dem vierten Album seines Soundpost Quintet zu hören. Und der finnische Trompeter setzt hier neben akustischen auch auf elektrische Sounds, etwa auf warme Fender Rhodes-Klänge seines Pianisten Joonas Haavisto. Seinen eigenen Trompeten-Klang bearbeitet Vesala zwischendurch mit einem Modular Synthesizer. Zeitgemäß und modern klingen die neun Stücke auf „Pendulum“. Sie grooven fein oder swingen lässig zu perlenden Klaviernoten. Und eine Nummer wie „Road Rage“, über eine Fahrt im Auto während der Rush Hour, jagt mit verfremdeter Trompete und fauchenden Rhodes-Klängen richtig los. Zarte Balladen kann der finnische Fünfer aber auch auf diesem rundum gelungenen Album.
STEFAN BAUER: „Life Between Plagues“ (JazzHausMusik)
Ein ambitioniertes Werk hat der zwischen Recklinghausen und New York pendelnde, aus Recklinghausen stammende Vibrafonist, Marimbaspieler und Pianist Stefen Bauer mit „Life Between Plagues“ aufgenommen. Der Albumtitel steht dabei für all das was im letzten guten Vierteljahrhundert, seitdem er in New York ist, so alles passierte. 9/11, Kriege im Irak und Afghanistan, Hurrican Sandy, Finanzkrise, Covid oder Trump. Um all das musikalisch zu verarbeiten, hat sich Bauer musikalische Weggefährten aus Brooklyn ins Studio geladen wie die Saxofonisten Chris Bacas und David Bindman, Bassist Jerome Harris oder die Vokalistin Tammy Scheffer. Dazu hat Sohnemann Lukas Bauer einige Stücke elektronisch bearbeitet. Entstanden ist ein beseeltes, vielschichtiges, zeitgenössisches Jazzalbum, das unterschiedlichste Emotionen transportiert und dabei viele kleine, aufmerksam zu lauschenden Geschichten erzählt.







