Atemzüge eröffneten Räume
Farewell Michel Portal
FOTO: Tim Dickesen
Michel Portal (1935–2026)
Französischer Klarinettist und Wegbereiter des europäischen Jazz gestorben
Der französische Klarinettist, Saxophonist und Bandoneonspieler Michel Portal ist am Donnerstag, 12. Februar, im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Nachricht wurde von seiner Agentin Marion Piras bekanntgegeben. Mit Portal verliert der europäische Jazz eine seiner prägenden Persönlichkeiten – einen Musiker, der über Jahrzehnte hinweg Jazz, Avantgarde und improvisierte Musik miteinander verband. Er brauchte nur mit schwachem Luftstrom seine Klarinette anzublasen – und alles war von Farbe, von Seele, von Ergriffenheit geprägt. Doch sein Instrument konnte auch schreien, fauchen, sich aufbäumen – und dabei stets den Moment feiern. Diese Spannweite zwischen lyrischer Verdichtung und eruptiver Energie wurde zu seinem Markenzeichen. Auch in Nordrhein-Westfalen war Portal regelmäßig präsent: Unvergesslich ist etwa ein Auftritt im Rahmen der (soeben abgeschafften) Jazz-Reihe am Essener Grillo-Theater im Jahr 2022.
Eine Institution in Frankreich
In seiner Heimat Frankreich galt Portal längst als Institution. Das Theater auf dem zentralen Platz seiner Geburtsstadt Bayonne trägt seinen Namen. Der öffentlich-rechtliche Sender France Musique reagierte auf seinen Tod mit mehreren Sondersendungen. Geboren im November 1935 im baskischen Bayonne, begann Portal seine musikalische Laufbahn zunächst mit dem Bandoneon, nachdem ein argentinischer Musiker in der Stadt gastiert hatte. Erst später wandte er sich der Klarinette zu. Er studierte am Pariser Conservatoire und machte früh durch Wettbewerbserfolge und seine Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik auf sich aufmerksam. Internationales Aufsehen erregte er 1971 mit einer technisch wie interpretatorisch herausragenden Einspielung von Pierre Boulez’ Domaines. Parallel dazu entwickelte er sich seit den 1960er-Jahren zu einer zentralen Figur des europäischen Avantgarde-Jazz.
Portal arbeitete mit Vertreterinnen und Vertretern der freien Improvisation ebenso wie mit klassischen Orchestern. Sein lyrischer Klarinettenton ist etwa auf Aldo Romanos Album Il Piacere (1979) in einem Duo mit Gitarrist Claude Barthélémy dokumentiert. Jahrzehnte später war er als Gast auf Thrill Box (2013) von Vincent Peirani und Émile Parisien zu hören – ein Beleg für seine generationenübergreifende Präsenz.
Keine Traurigkeit, dafür Ruhe und Sinnlichkeit
Charakteristisch blieb dabei seine Haltung zur Musik. Er betonte mehrfach, dass er „keine Traurigkeit“ suche, sondern Ruhe, Sinnlichkeit und zugleich plötzliche Funken – „éclats“ – neue Klanglandschaften. Diese bewusste Konzentration auf Stimmungen und Ausdruck verlieh seinen Improvisationen eine besondere Klarheit.
Noch 2020 veröffentlichte Portal zu seinem 85. Geburtstag das Album MP85. Auch danach blieb er aktiv und künstlerisch präsent. Zeitzeugen berichten von Konzerten, in denen er mit ungebrochener Energie und humorvoller Selbstironie agierte – gelegentlich das Publikum augenzwinkernd als „enfants gâtés“ bezeichnend, wenn es lautstark Zugaben einforderte. Seine Bassklarinette konnte in tiefsten Lagen zu einem fast geheimnisvollen Klangschleier werden; seine Klarinette wiederum verband Transparenz mit expressiver Schärfe. Portal blieb bis zuletzt ein Musiker des Augenblicks. Mit Michel Portal endet ein Kapitel des europäischen Jazz, das von Offenheit, Experimentierfreude und stilistischer Eigenständigkeit geprägt war. Für die Jazzszene in Nordrhein-Westfalen bleiben die Erinnerungen an intensive Konzertabende – und an einen Künstler, der mit einem einzigen Atemzug musikalische Räume eröffnen konnte.
