Abschied mit Moondog
Das letzte Konzert von Jazz in Essen
FOTO: Marylin Mugot | Reimund Vornbäumen
Es könnte kaum einen passender Abschluss geben: Wenn am Sonntag, dem 17. Mai, um 20 Uhr zum letzten Mal der Vorhang für „Jazz in Essen" im Grillo-Theater aufgeht, dann gilt der Abend einem Außenseiter, einem Visionär, einer Kultfigur: Louis Thomas Hardin, besser bekannt als Moondog. Fast genau an dessen 110. Geburtstag, der am 26. Mai gewesen wäre.
Der französische Top-Saxofonist Sylvain Rifflet bringt unter dem Titel „Perpetual Motion" eine Hommage an den blinden Komponisten auf die Bühne, die der Bayerische Rundfunk als „hochgradig sinnliches Traumtheater" beschrieb. Gemeinsam mit dem Saxofonisten Hugues Mayot, dem Gitarristen Csaba Palotaï, Rembrandt Frerichs am Piano und Benjamin Flament am Schlagzeug verwandelt Rifflet Moondogs Musik in zeitgemäße, stilübergreifende Arrangements, angereichert mit O-Ton-Samples und Visuals.
Moondog – das war der Mann, der in den 1950er und 60er Jahren in Wikingerkluft an Manhattans 6th Avenue stand und seine Songs und Poeme vortrug. Der später, fernab jeder Metropole, in Recklinghausen und Oer-Erkenschwick lebte und 1999 in Münster starb. Der schon zu Lebzeiten eine Legende war und von Paul Simon als „blinder Seher" bezeichnet wurde. Stars jeder Couleur, von Julie Andrews und Janis Joplin bis zu Katja Labèque und dem Kronos Quartet, spielten und spielen seine Musik, die zu den Wurzeln der Minimal Music zählt. Moondog schrieb Hommagen an Charlie Parker und Lester Young – umgekehrt haben ihn längst auch Jazzer für sich entdeckt.
Dass ausgerechnet dieser Eigenbrötler, dieser sanfte Rebell gegen alle Konventionen, den Schlusspunkt unter 42 Jahre „Jazz in Essen" setzen darf, hat etwas Stimmiges. Die Reihe, die Dr. Berthold Klostermann seit 1991 als künstlerischer Leiter betreute, war selbst immer ein Ort für das Besondere, das Eigenwillige, das Kompromisslose. Am 30. März 1984 begann alles mit einem Auftritt der damals bahnbrechenden Steps Ahead im Jugendzentrum Papestraße. Nach einem Intermezzo im Museum Folkwang fand die Reihe 1992 ihre feste Bleibe im Grillo-Theater – und wurde dort zu einer Institution, deren Archiv sich wie ein „Who Is Who" des Jazz liest: Wayne Shorter, Jack DeJohnette, Esbjörn Svensson, Ron Carter, Joachim Kühn, Nils Wogram, Richard Galliano, Erika Stucky. Namen, die für Jahrzehnte musikalischer Exzellenz stehen.
Nun muss die Reihe aus finanziellen Gründen eingestellt werden. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung beendet ihre Förderung, die Stadt ihre Zuwendungen. Fünf Konzerte im Jahr waren zuletzt geplant – offenbar zu viel verlangt für eine über vier Jahrzehnte gewachsene Kulturinstitution.
Der Abend mit Sylvain Rifflet und Moondog wird ein leiser Abschied sein. Keine laute Geste, sondern ein würdiger Ausklang. Perpetual Motion – immerwährende Bewegung. Die Musik geht weiter - auch wenn dieser Ort trauigerweise verstummt.
Sonntag, 17. Mai 2025, 20 Uhr, Grillo-Theater Essen, Theaterplatz 11
