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Muss Stille bebildert werden?

Über die Konzertperformance Vorhang! bei der Ruhrtriennale

Duisburg, 31.08.2026
TEXT: Stefan Pieper | FOTO: Thomas Berns, Ruihrtriennale

Das französische Ensemble Les Apaches ! spielte bei der Ruhrtriennale fantasievoll und überzeugend Satie und Cage. Aber unter allzu vielen inszenatorischen Gimmicks erstickte oft das, worum es den beiden Komponisten ging. Einer der stärksten Momente des Abends entstand, als sich die Musik zum Jazz öffnete. Aber der Abend erwies sich immer dann am stärksten, wenn er am wenigsten wollte. 

Erster Teil: der Lärm

Auf der Bühne steht ein kleines Orchester aus fünfzehn Musikerinnen und Musikern, mit Bläsern, Streichern, Klavier und Schlagzeug, geleitet von Julien Masmondet. Für die szenische Einrichtung zeichnen die Tänzerin Sarah Silverblatt-Buser und das Duo Gordon verantwortlich. Der Beginn gehört dem Lärm und dem Geist des Ballettstücks „Parade“: Schreibmaschine, Rasierer, elektrische Zahnbürste und Konfettikanonen werden zu Klangquellen. Sarah Silverblatt-Buser dehnt sich balletthaft gelenkig durch den Raum. Das passt erst mal zu zwei Komponisten, die ihre Zeitgenossen gern aus dem Konzept brachten. Satie versah seine Stücke mit Spielanweisungen, die in Wahrheit Witze waren. John Cage stellte die Frage, wo Musik eigentlich aufhört, wenn Zufall und Geräusch als Material gelten. Warum sollte man den Konzertsaal also nicht in einen Spielplatz verwandeln? Das Problem in der Gebläsehalle: Der Spielplatz wurde schon recht bald zu voll. Die Tänzerin wirkt über weite Strecken rein dekorativ. Vor allem glichen sich die Idiome an: Was sie vorführte, unterschied sich kaum von den Posen der Musiker, beides ergab ein gleichförmiges, ja oft beliebiges Vokabular. Die verteilten Popcorntüten sollten dann wohl die Grenze zwischen Bühne und Saal aufheben, was aber infantil wirkte: Kino statt Konzert. Ein Gag, der sich mit dem ersten Griff erschöpft.

Mitte: die Ruhe

Die Aufführung gewann immer, wenn sie leiser wurde. Die Gymnopédies wirken still, klar und schwebend, die Gnossiennes mysteriös, frei und leicht verstörend – beides findet in eigentümlicher Ruhe in neuem vielschichtigen Klanggewand zusammen: durchhörbar, ohne Zierrat, mit Gespür für die Räume zwischen den Tönen. Die Bearbeitungen von Othman Louati, Philippe Hattat und Anthony Girard tragen die erweiterte Instrumentierung mühelos. Ein besonders starker musikalischer Moment gehörte „In a Landscape“. Cages schwebender Klangraum von 1948 bekam Temperatur, als Rémi Fox am Saxofon daraus eine Improvisation entwickelte. Das war kein aufgesetzter Jazzeffekt, sondern eine Erweiterung aus dem Material selbst. Der Klang löst sich aus seiner meditativen Starre, wird körperlicher und bekommt Luft und Reibung. Hier öffnete sich der Abend tatsächlich, und zwar dort, wo eine Öffnung hingehört. Was die Regie sonst von außen versuchte, gelang von innen: Die Grenze zwischen notierter Moderne und Jazz wurde durchlässig. Erklären musste das niemand. Man hörte es. Aber: Man hatte immer genau dann die Chance zum genaueren Hinhören, je weniger drumherum anzuschauen war.

Schluss: die Stille

Am Ende stand „4'33''“. Die Musiker spielten nicht, denn vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang soll der Raum das Instrument sein. Jetzt könnte das Wunderbare geschehen: Die Aufmerksamkeit löst sich von der Bühne, fällt auf jedes Rascheln im Saal. Stattdessen wurde ausgerechnet hier am meisten aufgepropft. Fehlt es an Mut, der eigentlichen Idee zu vertrauen? Die Musiker verlagerten ihr Gewicht, sanken in die nächste Haltung und in die übernächste – eine weitere Yogastunde, diesmal stumm und in Zeitlupe. Durch so viel sichtbare Gestaltung wurde die Stille keinesfalls tiefer, sondern wirkte künstlich bebildert. Das war nicht mehr Cage, sondern eine reichlich bemühte Regie über Cage. Die Gebläsehalle im Landschaftspark ist als Kulisse großartig, ihre Akustik lieferte ein weiteres Problem, unter dem dieser Abend litt: Ein permanentes technisches Rauschen lag über allem, zu laut für die leisen Passagen, zu gleichförmig, um selbst zu interessieren. Cage wollte hören lassen, was sonst überhört wird. In Duisburg hörte man vor allem nur die Lüftung – oder was auch immer das Störrauschen erzeugt.

Und dann meldet sich das Publikum. Ein einzelner Klatscher platzt in die Stille, vermutlich ist es Ungeduld, die sich Luft machte. Es ist die überzeugendste Cage-Geste des Abends, gerade weil sie unfreiwillig ist. Jetzt ist die Regie machtlos, hier wird nichts als Zeichen bemüht, weil es einfach da ist. Ob er wollte oder nicht: Der Ungeduldige war Teil der Komposition geworden. Am Ende gab es stehende Ovationen. Der Ruhrtriennale gelingt es immer wieder, große Hallen zu füllen, weil sie historische und zeitgenössische Avantgarde nicht in den Spezialistenkreis abschiebt, sondern öffentlich verhandelt. Dafür gebührt ihr Anerkennung, und dem Publikum, das sich darauf einlässt, gleich mit. Die Frage ist nur, ob aus diesem Erfolg folgen muss, dass jede künstlerische Idee zwangsläufig ein wohlfeiles Spektakel braucht.



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