Wo die Klarinette widerspricht
Ein Gedenkabend zum 9. November
Am Montag, 9. November, wird die Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG) um 18 Uhr zum Ort lebendiger Erinnerung. Im Rahmen der Jüdischen Woche des Rhein-Erft-Kreises gestalten Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Profis einen Gedenkabend an die Pogromnacht von 1938. Den Anstoß gab der Jazzclub Hürth e. V.
Jazz und gesellschaftliche Verantwortung gehören zusammen. Jazz ist eine Musik des freien Wortes. Die Nationalsozialisten diffamierten ihn als „entartet“ und verfolgten seine Anhänger. Improvisation heißt zuhören, dem anderen Raum geben und gemeinsam Neues schaffen: gelebte Demokratie im Kleinformat. „Musik kann Menschen auf einer anderen Ebene erreichen“, sagt Günter Reiners vom Jazzclub Hürth.
Diese Überzeugung trägt der Verein seit Jahren ins Klassenzimmer. In Workshops mit Profimusikerinnen und -musikern teilen Jugendliche am ASG die Bühne mit Erfahrenen und sammeln Erlebnisse, die weit über den Stundenplan hinausreichen. Aus dieser Partnerschaft entstand die Idee, die musikalische Arbeit mit dem Gedenken an den 9. November zu verbinden.
Ein Abend mit Werkstattcharakter
Das Helmut Eisel Trio eröffnet den Abend mit Klezmer. Dann öffnet sich der Blick in die Werkstatt: Helmut Eisel stellt vor, was er mit den Schülerinnen und Schülern im Klezmer-Workshop erarbeitet hat. Die Festmusik der osteuropäischen Juden ist eine nahe Verwandte des Jazz. Beide leben von der Klarinette, die zugleich lachen und weinen kann, und vom Mut zur eigenen Verzierung.
Was im Workshop entstanden ist, zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Viermal greifen die Jugendlichen selbst zu ihren Instrumenten, jeweils zwischen Lesungen und Vortrag. So entsteht ein Wechselspiel, in dem die Musik das Gehörte aufnimmt und weiterträgt. „Wenn die Jugendlichen selbst auf der Bühne stehen, wird aus Erinnerung eine persönliche Erfahrung“, so Reiners.
Der Schriftsteller Carsten Henn von „Autoren gegen Rechts“ gestaltet eine viertelstündige Lesung. Die Initiative bündelt Stimmen aus der Literatur für Demokratie und Vielfalt. Stadtarchivleiter Michael Cöln, zugleich Leiter des Kulturamts, führt die Geschichte in die Nachbarschaften von Hürth und macht sichtbar, welche Lebensgeschichten hinter den historischen Zahlen stehen. Danach lesen Schülerinnen und Schüler Texte von Kurt Tucholsky. Die Gedanken des scharfsinnigen Publizisten der Weimarer Republik über Sprache, Demokratie und Verantwortung klingen bemerkenswert aktuell.
Für Schulleiter Thorsten Jürgensen-Engl bleibt Erinnerung eine Aufgabe der Gegenwart. Wenn junge Menschen sich Geschichte durch Literatur und Musik selbst erschließen und dabei Verantwortung für die demokratische Gesellschaft übernehmen, entstehe „eine ganz andere Form des Verstehens“.
Zum Ausklang spielt das Helmut Eisel Trio ein Klezmerkonzert, und darin liegt eine schöne Pointe: Die Musik, die man einst verbannen wollte, hat das letzte Wort. Durch den Abend führt Kati Ulbrich.
Auf einen Blick
Gedenkveranstaltung zum 9. November
Montag, 9. November 2026, 18 bis ca. 20.30 Uhr
Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Hürth
Mit dem Helmut Eisel Trio, Carsten Henn, Michael Cöln sowie Schülerinnen und Schülern des ASG
Eintritt frei, um Spenden wird gebeten. Gefördert von der Dr. Heinz-Lux-Stiftung.




