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Symphonie der Verweigerung

Philipp Glass streicht Trump aus dem Konzertkalender

Washington, 28.01.2026
TEXT: Stefan Pieper | 

Der US-amerikanische Komponist Philip Glass hat die für Juni 2026 geplante Uraufführung seiner fünfzehnten Symphonie am Kennedy Center in Washington abgesagt – aus Protest gegen die Übernahme dieser Kulturinstitution durch Präsident Donald Trump.

Der Auftrag klang nach großer Geste. Philip Glass, 88 Jahre alt, Großmeister des Minimalismus, einer der einflussreichsten lebenden Komponisten Amerikas, sollte für das Kennedy Center in Washington seine fünfzehnte Symphonie schreiben. Thema: Abraham Lincoln, der Sklavenbefreier, der moralische Kompass der Nation, der erste republikanische Präsident. Uraufführung: Juni 2026, in jenem prunkvollen Kulturtempel am Potomac-Fluss, der seit seiner Eröffnung 1971 für Theater, Tanz und Musik aller Genres steht. Amerika, erzähl dir selbst von deinen besseren Tagen – das war wohl die Idee.

Dumm nur, dass aus dem Kennedy Center inzwischen das „Trump-Kennedy-Center" geworden ist. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Wenn Straßen oder Gebäude nach amtierenden Politikern umbenannt werden, sollte man sich warm anziehen in Sachen demokratischer Strukturen und deren Fortbestand. Trumps "Kulturpolitik" geht dabei wie folgt: Kurz nach seine Amtsantritt entlässt Trump die Mitglieder des Kuratoriums des Kennedy Centers und übernimmt selbst den Vorsitz.

Seinem Protest hat Philip Glass auf der Plattform X Luft gemacht, um auf den Verbreitungswegen des Gegners präsent zu sein. Die „jetzigen Werte" des Hauses, schreibt er, stünden im Konflikt mit seiner fünfzehnten Symphonie. Man darf das übersetzen: Lincoln, gespielt unter einem Namensschild, das Trump trägt – das wäre keine Ironie mehr, sondern Kapitulation. Das wäre das Gegenteil von allem, wofür diese Musik stehen soll.

Einem Kulturhaus kommt unter Trump die Kultur abhanden 

Die Liste derer, die dem neuen "Trump-Kennedy-Center"  den Rücken kehren, liest sich mittlerweile wie das Who's who der amerikanischen Kulturszene - eine Fluchtbewegung der Künste, die ihresgleichen sucht.

Was bleibt? Ein Kulturhaus, dem gerade die Kultur abhanden kommt. Ein prunkvoller Saal, in dem bald womöglich nur noch das Echo der eigenen Leere widerhallt. Trump hat das Gebäude übernommen wie ein feindlicher Investor eine marode Firma – nur dass hier nichts marode war. Außer vielleicht dem Glauben, so etwas könne nicht passieren.

Glass' Lincoln-Symphonie wird irgendwann erklingen. Irgendwo. Aber nicht dort, wo ein Präsident seinen Namen über den eines anderen geschrieben hat. Das Mindeste, was man von minimalistischer Musik erwarten darf, ist schließlich Haltung.

Quelle: Pressemeldung dpa, neue musikzeitung

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