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Nach den Sternen greifen ist Pflicht

Ein neues Dossier zur Kreativwirtschaft

Berlin, 04.02.2026

Der Deutsche Kulturrat nimmt in einem ausführlichen und lebenswerten Dossier die Kreativwirtschaft unter die Lupe – und zeigt: Kunst und Wirtschaft sind kein Widerspruch. Im Gegenteil.

„Von Musik leben ist nicht dasselbe wie als Musiker zu überleben. Beides erfordert vollkommen unterschiedliche Strategien." Mit dieser klaren Einschätzung eröffnet der Komponist Moritz Eggert seinen Aufsatz im neuen Dossier „Kosmos Kulturwirtschaft". Es ist ein Satz, der sitzt. Denn er beschreibt eine Realität, die Millionen Kreativschaffende in Deutschland täglich erleben: den permanenten Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und der schnöden Frage, wie am Ende des Monats die Miete bezahlt wird.

Kulturgut und Ware – geht das zusammen?

Wer glaubt, Kunst und wirtschaftliches Handeln seien natürliche Feinde, wird von den Zahlen eines Besseren belehrt. 238.000 Unternehmen und freiberuflich Selbstständige prägen in Deutschland das Bild der Kultur- und Kreativwirtschaft. Rund zwei Millionen Menschen verdienen in elf Teilmärkten ihr Geld – vom Buchmarkt über die Musikwirtschaft bis zur Games-Branche. 2023 erwirtschaftete dieser oft unterschätzte Sektor einen Umsatz von 204,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das ist mehr als die deutsche Chemieindustrie umsetzt.

Diese beeindruckenden Zahlen bilden den Hintergrund für das neue Dossier, das der Deutsche Kulturrat gemeinsam mit dem KreativBund herausgegeben hat. Auf 88 Seiten versammelt die Publikation Stimmen von Kulturunternehmerinnen, Künstlern und Politikerinnen, die ihre Branche aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Das Ergebnis ist keine trockene Bestandsaufnahme, sondern ein vielstimmiges Plädoyer für eine Branche, die zu oft zwischen den Stühlen sitzt: zu wirtschaftlich für die reine Kunst, zu künstlerisch für die reine Wirtschaft.

Der Mythos vom brotlosen Künstler

Dabei räumt das Dossier gründlich auf mit dem romantischen Klischee des hungernden Genies in der Dachkammer. Die Kultur- und Kreativwirtschaft, so wird deutlich, lebt gerade von der Verbindung unternehmerischen Denkens mit kreativen Methoden. Wer ein Buch verlegt, einen Film produziert oder eine Galerie betreibt, muss kalkulieren können – ohne dabei den künstlerischen Kompass zu verlieren. Dass wirtschaftlicher Erfolg der Qualität keinen Abbruch tun muss, betonen viele Autorinnen und Autoren. Im Gegenteil: Erst eine solide wirtschaftliche Basis ermöglicht oft jene kreative Freiheit, die große Kunst hervorbringt.

Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann findet dafür ein passendes Bild: „Wer sich in das Wagnis stürzt, seinen Lebensunterhalt mit dem Schaffen, der Vermittlung oder der Vermarktung von Kultur zu verdienen, muss nach den Sternen greifen wollen." Es ist kein Zufall, dass das Dossier mit Aufnahmen aus den Weiten des Universums bebildert ist. Die Kreativwirtschaft als kosmisches Abenteuer – das mag pathetisch klingen, trifft aber einen wahren Kern. Denn wer in dieser Branche besteht, braucht nicht nur Talent, sondern auch Mut, Ausdauer und eine gehörige Portion Risikobereitschaft.

KI, Bürokratie und andere Baustellen

Doch das Dossier ist keine Jubelschrift. Zwischen den Zeilen – und oft genug auch in ihnen – werden die Baustellen sichtbar, mit denen die Branche kämpft. Künstliche Intelligenz verändert nahezu alle Teilmärkte: Texte, Bilder, Musik lassen sich heute maschinell generieren. Für viele Kreative ist das eine existenzielle Bedrohung, für andere eine Chance. Die Debatte darüber, wie KI reguliert werden soll, ohne Innovation abzuwürgen, durchzieht viele Beiträge.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Gesamtlage. Inflation, steigende Kosten, ein verändertes Konsumverhalten – all das trifft eine Branche, in der viele Akteure ohnehin mit schmalen Margen arbeiten. Und dann ist da noch die Bürokratie: Genehmigungen, Förderanträge, Steuerregelungen – der administrative Aufwand frisst Zeit und Nerven, die anderswo besser investiert wären.

Die Botschaft des Dossiers ist klar: Die Kultur- und Kreativwirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingungen, um auch in Zukunft stark zu sein. Das bedeutet nicht zwangsläufig mehr Geld, aber klügere Förderstrukturen, weniger bürokratische Hürden und eine Politik, die versteht, dass Kulturwirtschaft eben nicht nur Wirtschaft ist.

Unternehmerische Ungewissheit als Kernkompetenz

Christoph Backes, Co-Geschäftsführer des u-instituts und Projektleiter des KreativBund, hebt eine Eigenschaft hervor, die Kreativunternehmer von anderen unterscheidet: ihre Fähigkeit, mit Ungewissheit umzugehen. „Ihre Stärke ist es, mit unternehmerischer Ungewissheit umgehen zu können und Verantwortung für das Risiko zu übernehmen, das mit der Entwicklung neuer Ideen und Projekte einhergeht", sagt Backes. In einer Zeit, in der sich auch andere Branchen auf permanenten Wandel einstellen müssen, könnte diese Kompetenz zum Exportschlager werden.

Das Dossier „Kosmos Kulturwirtschaft" kommt zur richtigen Zeit. In einer Gesellschaft, die nach Orientierung sucht, zwischen Klimakrise und geopolitischen Verwerfungen, zwischen Digitalisierung und dem Gefühl des Kontrollverlusts, bietet die Kreativwirtschaft etwas, das kein Algorithmus ersetzen kann: Bedeutung, Sinn und jene Geschichten, die wir uns erzählen, um zu verstehen, wer wir sind.

Moritz Eggert fragt in seinem Beitrag: „Warum mache ich das überhaupt?" Es ist eine Frage, die sich jeder Kreativschaffende irgendwann stellt. Die Antworten, die das Dossier versammelt, sind so vielfältig wie die Branche selbst. Aber eines haben sie gemeinsam: Die Leidenschaft, Kultur zu schaffen, zu vermitteln und ja, auch zu verkaufen, ist kein Widerspruch – sie ist der Motor, der diese Branche antreibt.

Das Dossier „Kosmos Kulturwirtschaft", herausgegeben von Olaf Zimmermann und Theo Geißler, umfasst 88 Seiten und kostet 5,90 Euro. Es liegt der aktuellen Ausgabe von Politik & Kultur bei und ist im Buchhandel, in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen sowie im Online-Shop des Deutschen Kulturrates erhältlich. Zusätzlich steht es kostenfrei als pdf online zum Download  bereit.

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