11.11. Andere feiern Karneval |

Pangea Ultima im Bochumer Kulturrat mit neuem Sound

Text: Heinz Schlinkert | Fotos: Reiner Skubowius

Bochum, 19.11.2022 | In ca 250 Millionen Jahren soll der Urkontinent Pangea, aus dem die Kontinente entstanden sind, wieder zusammengewachsen sein zur Pangea Ultima. Aber erstmal abwarten, da ist ja noch Zeit. Seit einiger Zeit ist die Menschheit selbst dabei zu einer Einheit zusammenzuwachsen, auch wenn's manchmal noch hapert. Die Kultur spielt da sicher eine große Rolle, und die Gruppe Pangea Ultima setzt sich mit ihrer Weltmusik dafür ein, indem sie viele unterschiedliche Musikkulturen in sich vereint.

  • Pangea Ultima

Heute am 11.11. war es schwierig aus Köln herauszukommen, berichtet José. Doch die Band ist da, Karneval scheint nicht ihr Ding zu sein; da ist sie besser in Westfalen aufgehoben.
José Díaz de León ist Deutsch-Mexikaner. Er ist ein Schüler von Joscho Stephan, der manchmal in der Band mitspielt. José hat fast alle Stücke komponiert, spielt E-Gitarre und singt. Ganz klar die Person, um die sich alles dreht in der Band. Mein Kollege Uwe Bräutigam hat ihn in seiner Sendung Jazz and beyond im Internetradio 674fm ausführlich interviewt.
Die Saxofonistin Christine Corvisier kann heute wegen einer Corona-Erkrankung nicht spielen. Roman Fuchß am Bass ist schon lange dabei ebenso wie der holländische Drummer Antoine Duijkers. Die Percussion übernimmt heute Sebastian Nickoll statt Christian Fehre. Last but not least ist der Pianist Norman Peplow zu nennen, der sicher auch einige ursprüngliche Sax-Parts übernehmen muss.
Die Band ist bekannt für rhythmische Vielfalt, die ja im Latin Jazz und in afro-kubanischer, afrikanischer, mexikanischer Musik besonders wichtig ist. Die Verschmelzung dieser Stile mit europäisch-amerikanischem Jazz zu einem eigenen Sound ist ihr Markenzeichen, aber auch ihr Anspruch.

  • Espacios y Caminos

Zwei Alben hat die Band bisher veröffentlicht: Espacios Abiertos (2017) und Camino a Mictlán (2021). Vom ersten Album hören wir Alfonsina y el Mar, ein oft gespielter Samba basierter Klassiker des argentinischen Pianisten Ariel Ramírez mit einem Text von Félix Luna. Es geht darin um den Selbstmord der argentinischen Poetin Alfonsina Storni. José erklärt die aktuelle politische Bedeutung des Songs.

Schon vorher ist die Band fröhlich-energisch mit El Floridita eingestiegen, mit dem auch das Album Camino a Mictlán beginnt. Es führt uns in die Totenwelt des Mictlán, des 'Hades der Azteken'. Nur ist dies in Mexico am Día de Los Muertos gar nicht so gruselig wie auch das Stück zeigt, das die Lieblingsbar Hemingway's auf Cuba thematisiert.
Das Stück El Calaco beginnt mit Klatschen in einem für das Publikum komplizierten Rhythmus. Die Sitar, die sonst Hindol Deb in der großen Besetzung spielt, simuliert José auf der EGitarre mit einem Effektgerät, täuschend ähnlich. Doch hier in der Quintett-Formation klingt alles anders als man es sonst kennt. Wenn man das aktuelle Konzert mit der Review zum Kölner Konzert vom letzten August vergleicht, könnte man meinen, da habe eine andere Band gespielt. Vor allem fehlt das Saxofon, das wird mir schon bald klar. Der Rhythmus steht immer mehr im Vordergrund, die Melodie tritt zurück, lange Töne sind selten zu hören. Doch wie kann ein fehlendes Instrument so den Sound einer Band verändern?

Wenn der Sound einer Band als 'Ganzes' mehr als die Summe seiner 'Teile' (der Instrumente) ist, was passiert dann, wenn ein Instrument ausfällt? Gerade das Saxofon hat einen zentralen Stellenwert als einziges Melodie-Instrument der Band. Es bleiben nur Rhythmus-Instrumente, die zwar einen überwältigenden Groove erzeugen, aber zu erheblichen Verschiebungen im Sound führen.
Das zeigt sich auch bei Baile de la Catrina, Sierra Madre und anderen Stücken. Zeitweise fühlt man sich an die Dire Straits erinnert, z. B. bei Rickshaw Boy.

  • Neue Stücke – Neues Album im Frühjahr

Sehr interessant sind neue Stücke, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Wir hören in Hobby Dentist ein langes Gitarrensolo mit andalusischen Flair und ein abschließendes langes, sehr rhythmisches Crescendo. Ein anderes Stück geht aus einem Piano-Outro hervor und hat noch keinen Namen. José fordert das Publikum auf, Vorschläge zu machen. 'Butterfly' und 'Verdazul' werden genannt. Mit Cascade wird direkt nach der Pause nun wirklich ein ganz anderer Sound präsentiert. Auf einem Rhythmus-Teppich 'aus allen Kanälen' singt/spricht José etwas schräg zur Melodie. Hier ist die Band kaum wiederzuerkennen.
Wie wird es weitergehen? Die Band behält zwar in der Rhythmik ihre lateinamerikanischen Wurzeln bei, doch geht sie melodisch davon weg? Ist der heute präsentierte Sound insofern richtungsweisend? Wir werden sehen, wie sich die Band auf dem neuen Album präsentiert. Im Frühjahr soll es erscheinen, Árbol de la Vida (Baum des Lebens) soll es wohl heißen. Christine Corvisier am Sax, aber auch Frederik Köster an der Trompete werden dabei sein.

und die nächsten JAZZtermine im Kulturrat:

Sa 10.12. 22: Ali Claudi Trio
Sa 17.12. 22: Jörg Hegemann Trio
(Boogie Woogie Express)
So 08.01.2023: Chris Hopkins (16 Uhr + 20 Uhr) angefragt!
Fr 13.01.2023: Stefan Schöler Trio
Fr 21.04.2023: Sammy Vomack
Fr 12.05.2023: Schroer /Bektas /Nebel
Sa 17.06.2023: Six8tyOne Bigband
(17köpfige Band)