Festival, international

Ein kreativer, menschlicher Kosmos |

Das 40. Südtirol Festival Alto Adige

Text: Stefan Pieper | Fotos: Stefan Pieper

Bozen, 01.07.2022 | Die 40. Ausgabe des Südtirol Alto Adige Festival ist das letzte von Klaus Widmann kuratierte Festival und geht an diesem Wochenende zuende. Die Nachfolge bei der künstlerischen Leitung steht auf solidem Boden: Max von Preetz, Roberto Tubaro und Stefan Festini Cucco bauen auf langjähriger Erfahrung bei der Festival-Organisation auf und wollen im Geiste Widmans weiter kreativ die Zukunft gestalten.

Das Festival im Jahr 2022 ist in Bozen noch „sichtbarer“ geworden, seit mit dem Kapuzinerpark mitten in der Altstadt ein (wettersicheres!) Open-Gelände zur Verfügung steht. Das wiegt auch die Reduzierung der vielen, oft spektakulären Spielorte des Festivals auf. Das Anliegen lebt ungebremst weiter: Es geht um die musikalische Erkundung Europas in einem lebendigen internationalen Kosmos aus eingeladenen Musikerinnen und Musikern.

Dass dieser auf Anhieb in Gang kam, dafür sorgte allein schon das Opening-Event am ersten Festivalabend: Hier spielen zum Eröffnungsabend möglichst viele der Eingeladenen miteinander in einer adhoc-Besetzung. Zwei Tage müssen reichen, um in neu entstehenden Stücken Ideen und künstlerische Hintergründe miteinander zu synchronisieren. Die Richtung für das entstehende Kaleidoskop aus Improvisationen und aufgestauter Spiellust in einer Oktett-Besetzung gab mit sicherer Hand die Bassistin Ruth Goller, eine gebürtige Südtirolerin, die aber seit fast 20 Jahren in London lebt.

Sommerliche Leichtigkeit des Seins

Einmal nach Bozen eingeladen, bleiben die meisten Protagonisten lange dem künstlerisch-menschlichen System dieses Festivals erhalten. Man könnte hier auch von einer großen Nachhaltigkeit reden. Klaus Widmann muss seit 2004 ein hervorragendes Gespür dafür attestiert werden, wer in den Mix hinein passt und hierin weiter wachsen wird.

Der Berliner Schlagzeuger Oliver Steidle kam vor einigen Jahren nach Bozen, was unter anderem den Grundstein für seine Bandgründung „The Killing Popes“ legte. Im Basecamp im Kapuzinerpark ließen sich er und Frank Möbus (g), Philipp Gropper (sax), Phil Donkin (b) sowie als special guests der Brite Dank Nicholis (key) und wieder die Vokalistin Laureen Kinsellla von der sommerlichen Leichtigkeit des Seins inspirieren: So tiefenentspannt wurde selten auf der Überholspur Vollgas gegeben, um sich von den labyrinthisch-repetitiven Metren von Steidles Schlagzeugspiel mitzureißen. Noch einmal Oliver Steidle – diesmal im Duo mit der Gitarristin Steffi Narr und in Kooperation mit dem Leipziger Jazzfestival: Im mittelalterlichen Kellergewölbe des Waghaus gingen beide in einer unmittelbaren, oft brachialen, aber auch überraschend lyrisch-fragilen Improvisation aufs Ganze. Das Zauberwort hier heißt Resonanz, denn alles hängt in diesem freien Spiel von Raumakustik und auch menschlicher Schwingung seitens des Publikums ab.

Hier versiegt keine Quelle

Das Südtirol-Festival hat durch seine wechselnden Länderschwerpunkte immer wieder neu den Anschluss faszinierender Musikerpersönlichkeiten und deren starker Projekte an die internationale Europäische Szene hergestellt und ist deswegen auch bei Veranstaltern und Bookern zur gefragten Anlaufadresse geworden. Vor allem: Jeder Schwerpunkt hat bislang jeweils eine neue Quelle aufgetan, die danach meist mit wachsender Tendenz weiter strömt. So geht zum Beispiel auch auf der künstlerischen Brücke zwischen „Südtirol“ und der Londoner Szene nach wie vor einiges, natürlich allein, weil hier die aus Brixen stammende und in London lebende Bassistin Ruth Goller zu einer Schlüsselfigur geworden ist. Im Keller des Festival-Lokals, der „Batzen“-Brauerei präsentierte sie ihr neues Trioprojekt „Skylla“ - und das ist in bestem Sinne eine Musik, die es definitiv so vorher noch nicht gab. Notierte Gedankensplitter, ebenso die Klänge einer verstimmten Bassgitarre werden zum künstlerischen Material für eine eigenwillige Poesie. Daraus entsteht ein Trio – zusammen mit den Sängerinnen/Vokalistinnen Laureen Kinsella und Alice Grant. Das Resultat: Harsche Drones der Bassgitarre gepaart mit vokaler Poesie entwickeln vor allem durch durch seine repetitive Struktur eine extreme Präsenz. So etwas hat auch etwas mit der Emanzipation von instrumentalen und vokalen Rollen gegenüber konventionellen Festschreibungen zu tun.

Ebenfalls aus London kommt der Rapper und Saxophonist Soweto Kinch. War er auch schon beim Eröffnungskonzert der Europa-Band voll engagiert dabei, lieferte er zusammen mit der blutjungen Schlagzeugerin Jas Kayser das wohl heißeste Duo dieses Festivals - mit unglaublichem Energielevel seitens der überkochenden Hiphop-Beats, die das Schlagzeug abfeuerte, welches im dichten Spiel von Jas Kayser auch gar keine weiteren Bandmitglieder benötigt.

Fenster zur künstlerischen Gegenwart in unseren Nachbarländern

Noch ein anderer erobert seit dem letztem Jahr mit Macht das kreative Gefüge von Bozen: Der Slowene Kristijan Krajncan, auch „Drumming Cellist“ genannt, ist ein Mulitinstrumentalist, zugleich Bandleader, fabelhafter Schlagzeuger und ein Cellist mit einem faszinierenden Spektrum an Spielweisen. Man braucht kaum erwähnen, dass auch er bereits zur Opening-Band beigetragen hatte. Auf einer Open-Air-Bühne ging er mit einem experimentellen Tanztheater in die Vollen, welches das Fenster zur künstlerischen Gegenwart Sloweniens weit öffnete. „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren. Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenstock des Unsichtbaren anzuhäufen “ über dieses Rilke-Zitat, welches Krajncan zum Motto seiner Performance erkor, konnte man schon bei den vielfältig unberechenbaren ästhetischen Anregungen beim Südtirol-Festival genug nachdenken. Und dieses zeitgenössische Jazz-Tanztheater mit seiner großartigen suggestiven Wirkung vermittelte wohl nur eine Ahnung davon, welche künstlerischen Abenteuer noch in der slowenischen Kunst auf Entdeckung warten. Das nächste seiner Art ließ nicht lange auf sich warten, nämlich im Duo Kristijan Krajncans mit der Sängerin Ana Cop – beide verschrieben sich tief berührend, aber auch mit starker improvisatorischer Wucht den Lied-Traditionen ihres gemeinsamen Heimatlandes.

Kulturellen Wurzeln auf den Grund gehen, um daraus mit fortschrittlichen Mitteln relevante künstlerische Gegenwart zu schöpfen, darum ging und geht es auf dem Alto Adige Festival 2022 noch in vielen weiteren Beiträgen. Hoch oben auf einer Mountain-Logde über Bozen begegneten sich der finnische Saxofonist (und auch er gehörte zur „Allstar-Besetzung“ am Eröffnungsabend) Pauli Lyyttinen und sein Landsmann, der Sänger, Vokalist und Poetry-Autor Niilas Holmberg. Dieses Aufeindertreffen war wirklich hypnotisch: Das Saxofon beschreibt meditative Bögen und erweitert die Klangräume mittels Mulitphonics-Technik und Loops. Niilas Holmbergs Stimme zieht hinein in eine anspielungsreiche spoken-word-poetry, die wiederum auf alten Epen der Sami beruht und mit den geblasenen und elektronisch manipulierten Klängen von Paul Lyyttinen dialogisierte. Regelrecht mystisch wird es, als Holmberg den traditionellen Joik-Gesang der Sami anstimmt. Derweil sich die gezackte Latemar-Gruppe in milchigen Nebel hüllt. Bald wird es ein Gewitter geben….

Audience Development ist in Südtirol ausbaufähig

Am Rande dieses entspannten Konzertmarathons, das immer genug Muße zum Eintauchen und Verarbeiten der Eindrücke gewährt, betreibt das Festival eine ausbaufähige Form von „Audience Developement“. Eine Gruppe Musikinteressierter war auf Betreiben der Volkshochschule München nach Bozen angereist und bekam ein „Rahmenprogramm“ zum besseren verstehenden Hören präsentiert. Dazu gehörten auch Künstlergespräche, in denen Oli Steidle und Steffi Narr Rede und Antwort standen. Aufschlussreiche Sätze fielen hier allemal genug: Etwa, dass musikalische Bildung ein absoluter Wert ist – eben weil es Kreativität braucht, damit Menschen nicht „zu Robotern“ werden.

Dass Alto Adige Festival leistet auf jeden Fall seit 40 Jahren und speziell auch im Jahr 2022 einen gewichtigen Beitrag, dass seine teilnehmenden Musikerinnen und Musiker bestens davor bewahrt werden, jemals zu „Roboter-Musikern“ zu werden. Und auch die hier Zuhörenden sind wohl für immer für den Mainstream verloren...