Interview

Jazz and beyond Interview |

Reza Askari bei Radio 674fm

Text & Fotos: Uwe Bräutigam

Köln, 20.06.2022 | Der Kölner Bassist Reza Askari hat mit seiner Band Roar ein neues Album gemacht, das Ende Juni erscheinen wird. Die Band ist dafür vom Trio zu einem Quartett mit Christopher Dell erweitert worden, deshalb auch der Albumtitel Roar feat. Christopher Dell. Reza Askari war zu Gast bei Uwe Bräutigam in der Sendung Jazz and beyond auf Radio 674fm und hat sein Album vorgestellt und über seine Musik gesprochen. Zwischen den Redebeiträgen wurde Musik gespielt. Das Interview ist leicht gekürzt. Die Sendung ist am Sonntag den 12.6. ausgestrahlt worden.

Nun möchte ich unseren Gast, den Bassisten Reza Askari begrüßen. Hallo Reza.

Reza Askari: Hallo Uwe, vielen Dank für die Einladung.

Schön, dass Du, trotz Deiner Tour mit der Gruppe Roar, Zeit gefunden hast zu Jazz and beyond ins Studio zu kommen.

Du bist einer der Bassisten der Kölner Szene, aber Du bist gar kein Kölner. Wo bist Du geboren und aufgewachsen?

Reza Askari: Geboren und aufgewachsen bin ich im beschaulichen osthessischen Fulda. Ich habe dann in Köln studiert und bin dort geblieben.

Fulda, da war ich früher sehr häufig. Ich erinnere mich daran, dass in der Walpurgisnacht Frauen ein riesiges Banner am Dom angebracht hatten mit der Aufschrift: Hier wurden Frauen gefoltert. Die Kirche war in heller Aufregung. Ja, das beschauliche Fulda.

Wie bist Du, wahrscheinlich schon in Fulda, zu Deinem Instrument, dem Kontrabass, gekommen?

Reza Askari: Zum Kontrabass bin ich tatsächlich erst in meinem Studium in Köln gekommen. Ich habe 2006 angefangen E-Bass zu studieren und habe relativ schnell gemerkt, dass der Kontrabass im akustischen Jazz, der mich ja auch sehr interessiert hat, doch das exponiertere Instrument ist. Dann hat mich freundlicherweise mein ehemaliger Professor Dieter Manderscheid auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Dann habe ich Kontrabass studiert. Ich kam aber als reiner E-Bassist nach Köln.

Ich habe Dich noch vorkurzem in Düsseldorf auf der Rheinpromenade mit Ramesh Shotham als E-Bassisten erlebt.

Gibt es Bassisten, die Dich besonders inspiriert haben, z. B. Jaco Pastorius oder andere?

Reza Askari: Absolut, Jaco Pastorius ist wahrscheinlich in jungen Jahren mein größter Einfluss gewesen, bis heute noch. Auch wenn ich die Musik lange nicht mehr gehört habe, ist immer noch große Begeisterung vorhanden. Und natürlich Paul Chambers, Charles Mingus, aber auch aktuelle Bassistinnen und Bassisten: Tim Lefebvre finde ich ganz toll oder Tal Wilkenfeld, eine australische E-Bassistin, gefällt mir gut. Es gibt schon aktuelle Protagonist*innen, die mir zusagen.

Ich habe Dich am Donnerstag mit Deiner Band Roar im Kölner Loft erlebt, wo ihr Musik aus eurem neuen Album Roar feat. Christopher Dell gespielt habet. Du hast Musik aus dem Album mitgebracht. Wir wollen als erstes das Stück Doolz hören. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?

Reza Askari: Wenn ich das beantworten könnte, dann wäre ich selber ein Stück weiter. Die Titel sind oft eine Spinnerei von mir, eine Macke, die ich habe. So das ich oft selber nicht weiss, was sich dahinter verbirgt. Mir gefällt ein Wort oder ein kryptischer Satz, oder was auch immer und dann gebe ich dem Stück einfach diesen Namen.

Alles Klar, dann hören wir einfach in das Stück Doolz rein.

Reza, ihr seid eigentlich ein Trio und habt euch nun zum Quartett erweitert. Kannst Du für die Hörer*innen die Band vorstellen?

Reza Askari: Sehr gerne, das ist Stefan Karl Schmid an den Holzblasintrumenten, Fabian Arends am Schlagzeug und auf dieser Platte Christopher Dell am Vibraphon und ich an Kontrabass und Komposition.

Wie habt Ihr euch kennen gelernt, beim Studium?

Reza Askari: Richtig. Ich habe Stefan Karl Schmid 2008 während des Studiums bei einem Workshop mit Simon Nabatov kennen gelernt. Und Fabian Arends kam 2010, wenn ich mich richtig erinnere, nach Köln zum Studieren. Und dann hat sich dieses Format daraus geformt.

Wir haben nun ein Stück von euch gehört. Eine Musik, die Aufmerksamkeit fordert. Es ist keine Musik zum Nebenbei hören, kein Mainstream, was sicher auch nicht euer Anspruch ist. Wie würdest Du diese Musik beschreiben?

Reza Askari: Es ist tatsächlich überhaupt nicht leicht zu beantworten. Ich betrachte meine Musik, wie ein Aquarell aus verschiedenen Stilistiken, die mich mein Leben lang interessiert haben und die mich begleiten, seit dem ich mich für Musik interessiere. Ich würde meine Musik auch nicht zwangsläufig als Jazz bezeichnen, eher als improvisierte Musik auf vielen Ebenen.

Christopher Dell hat einmal in einem Interview gesagt, das er E-Musik mit einem hohen Improvisationsanteil spiele. Jazz sei eine historische Kategorie, die sich heute nicht mehr wirklich fassen lasse.

Du hast eben von verschiedenen Stilistiken gesprochen, die bei Dir einfließen. Welche Stilistiken sind das?

Reza Askari: Ich beziehe ganz viele rhythmische Ideen aus Musik die sich Mathcore nennt, das ist eine Metal Untergattung, die ich gerne höre. Klar, es gibt natürlich auch Anteile aus dem traditionellen Jazz, um den wir nicht herum kommen und nicht herum kommen wollen, weil es ein Teil unserer künstlerischen Identität ist. In irgendeiner Art fließt auch Punk ein. Das sind alles so Label, die bei den Zuhörer*innen verschiedene Schubladen im Kopf aufmachen. Natürlich klingt meine Musik nicht wie Punk, aber es ist in der Regel die Einstellung und der Gestus in meinen Kompositionen. Sie sind schon sehr freiheitsliebend angelegt. Es kann eigentlich alles passieren in dieser Musik. Das zeichnet meine Musik aus und das ist es auch, was mich an anderen Musiken, egal welcher Stilistik, am meisten reizt, dieser Freiheitsdrang. Wenn ich meine Musik herunter brechen müsste, dann auf diesen Aspekt.

Kann ich gut nachvollziehen. Ich viele Jahre für ein Punk Fanzine gearbeitet und habe in der Szene oft diese Erfahrung gemacht, das es um Freiheit, Grenzüberschreitung und neue Wege ging.

Reza, wie entsteht Deine Musik? Jens Düppe, ein Schlagzeug Kollege, hat einmal gesagt, dass meist bei seinen Kompositionen eine rhythmische Figur der Ausgangspunkt sei und alle melodischen und harmonischen Ideen sich um diese Rhythmusfigur gruppieren. Wie ist das bei Dir?

Reza Askari: Bei mir ist das sehr unterschiedlich. Erstens muss ich sagen, dass es ein sehr langer und schwieriger Prozess sein kann, bis ich ein Stück fertig habe. Das kann mitunter Jahre dauern. Es kann mit einer simplen Melodie anfangen, es kann auch mit einer ganz konkreten Idee beginnen, z.B. weite Intervalle. Ich möchte etwas mit weiten Intervallen oder ich möchte etwas mit kleinen Intervallen machen. Es kann auf dem Kontrabass entstehen, aus einem Bass Vamp. Es kann auf dem Klavier entstehen, mit einer Klangfläche, mit einem Akkord, der mit gut gefällt und mit ich dann herumprobiere. Es kann am E-Bass entstehen. Es kann beim Einkaufen sein. Ich habe schon im Supermarkt in mein Handy gesungen, weil ich drei vier Töne hatte und dachte, das könnte eine Idee sein. Dann mache ich ein Sprachmemo, gehe nach Hause und versuche die Idee weiterzuspinnen.

Welchen Anteil haben Deine Bandmitglieder an den Kompositionen. Es sind ja alles gestandene Musiker, die alle selbst Bands leiten und Komponieren? Welchen Anteil am Prozess der Fertigstellung Deiner Musik haben die Bandmitglieder?

Reza Askari: Ich würde sagen hundert Prozent. Ich bringe oft nur Skizzen mit. Aber auch bei Stücken, wo ich meine, dass sie fertig sind kommt dann z.B. Fabian und sagt, lass uns dies so machen oder lass an dem Takt jenes machen. Und dadurch wird das Stück mitunter in seinem Wesen oft total verändert, aber es ist genau das, was es an Input von außen gebraucht hat, der mir selber fehlte. Deshalb würde ich einfach mal sagen 100 % ist der Anteil der Band.

Dann habe ich noch eine letzte Frage zu Deinem Arbeitsprozess. Wie viel Raum hat die Komposition und wie viel Raum hat die Improvisation in Deiner Musik?

Reza Askari: Das ist unterschiedlich. Prinzipiell versuche ich beides zu vermischen. Es gibt Stücke, bei denen ich Wert darauf lege, dass sie so gespielt werden, wie sie notiert sind und es gibt auch Stücke, wo man die Notierung völlig ignorieren kann, da sie nur ein Vorschlag ist, der völlig abstrakt behandelt werden kann. Man kann von ganz weit weg beginnen und vielleicht zur Notierung kommen oder auch nicht. Jeder kann damit arbeiten, wie er möchte.

Was hat euch bewogen das Trio zu erweitern und ein Vibraphon in die Band zu nehmen?

Reza Askari: Generell wollten wir einfach unseren Horizont als Ensemble erweitern, da wir schon eine ganze Weile im Trioformat spielen. So haben wir das als nächsten logischen Schritt empfunden. Und dann haben wir uns entschlossen im Rahmen einer Ensemblefördrung, die wir im Moment geniessen, mit für uns interessanten Protagonist*innen zusammenzuarbeiten. Zum einen mit dem bildenden Künstler und Performance Künstler Berthold Mohr aus Düsseldorf und zum Zweiten mit Christopher Dell. Uns ging es bei Christopher nicht in erster Linie um das Vibraphon, obwohl das ein tolles Instrument ist, was ich mag, sondern es ging um Christopher als Person und das Gesamtpaket, was er mitbringt.

Reza, Du hast persiche Wurzeln. Bist Du mit persischer Musik großgeworden oder bist Du nur mit westlicher Musik sozialisiert worden?

Reza Askari: Ich bin schon westlich musikalisch sozialisiert. Aber ich bin auch um die persische Musik nicht herum gekommen, glücklicherweise. Durch meinen Vater, von dem ich auch viele Schallplatten geerbt habe, mit schöner alter traditioneller Musik. Aber es ist nicht das, was ich in meinem eigenen Künstlerdasein zum Ausdruck bringe.

Aber prinzipiell, so höre ich heraus, hast Du auch ein Interesse an außereuropäischer Musik. Du spielst ja auch mit Ramesh Shotham bei Madras Special, wo südindische Musik eine Rolle spielt. Für viele Musiker von Don Cherry bis Charlie Mariano war außereuropäische Musik eine große Inspiration, die sie in ihre Musik integriert haben.

Reza Askari: Ja, das ist absolut richtig. Und z.B. auf dem neuen Album habe ich ganz konkret südindischen Musik einbezogen. Ich habe durch Ramesh Shotham ein Stück indischer Tempelmusik kennen gelernt mit dem Titel Mallari. Und daraus habe ich etwas geklaut und es findet sich auf dem neuen Album wieder. Also ein konkreter Einfluss der südindischen karnatischen Kunstmusik.

Reza, ich möchte mich von Dir verabschieden. Vielen Dank, dass du zu Jazz and beyond ins Studio von Radio 674fm gekommen bist. Alles Gute für die nächsten Konzerte, wir werden uns sicher bald wieder auf einem Konzert sehen.

Reza Askari: Herzlichen Dank für die Einladung und die angenehme Zeit hier im Studio.

https://www.reza-askari.com

Link zum Bericht über das Konzert von Roar im Kölner Loft:

https://www.nrwjazz.net/jazzreports/2022/Reza_Askaris_Roar_feat_Christopher_Dell_im_LOFT/